Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 31. Kapitel: Die Auswanderung Unterdrückter aus Hanoch unter Meduhed an den Stillen Ozean.

   01] Und siehe, bevor sie sich alle trennten, da sie angekommen waren auf ihrem heimatlichen Boden, hielt noch Meduhed eine kurze Rede an sie, nämlich sagend: »Brüder, hört mich wohl an; denn was ich euch nun sagen werde, ist von großer Wichtigkeit. Ihr habt gesehen den Mann auf dem Vorsprunge der Steinwand im hohen Gebirge und habt vernommen den Donnerklang seiner großen Stimme und habt am Ende auch noch bemerkt, wie ihn ein großes Licht umhüllte, daß uns davor graute in aller Angst und wir, darob von großer Furcht gepeitscht an unseren Füßen, die da gesprungen sind über Stock und Stein, gelangt sind hierher an unsern wohlbekannten heimatlichen Ort.
   02] Ihr habt ihn erwähnen hören die uns wohlbekannte, tausendfache Hyäne; ihr habt auch gehört seine Warnung mit siebenundsiebzigmaliger Rachevergeltung und habt auch endlich alle vernommen seine unerhörte Strafrede von den Feuersäulen.
   03] Nun urteilt selbst, was bei solchen Umständen zu machen ist! - Lassen wir ihn leben, so wird er mit uns allen bald machen, wie er es ohne Scheu mit seinen Brüdern getan hat; lassen wir aber gerechte Rache auf ihn kommen, so werden wir gerochen von oben mit Feuer siebenundsiebzigmal. Daher sind wir nun zwischen zwei Totschlägern; tun wir eines oder das andere, so erwartet uns allezeit der sichere Tod. - Mein Rat wäre nun dieser:
   04] Das grause Geheimnis - als ein Geheimnis des Todes - begraben wir in unsere Tiefen, nehmen dann unsere Weiber und Kinder und verlassen sodann in aller Stille bei tiefer Nacht dieses Greuelland und treiben uns dort gen Morgen, da wir schon öfter bemerkt haben ein niederes Gebirge, und setzen dann über dasselbe; da wird sich dann wohl zeigen, ob es noch irgendein Land mehr gibt außer diesem des Frevels. Und sollte daselbst auch das Ende der Welt sein, so glaube ich, daß es besser ist, ruhig daselbst zu leben und im Alter einzuschlafen, als hier in steter Unruhe mit eigenem Blute entweder die Erde zu tränken oder verbrannt zu werden zu Asche.
   05] Denn so sprach auch der Riese auf dem Vorsprunge: 'Seht nicht dahin gen Hanoch, sondern auf euch und auf Gott, der da ist ein getreuer Retter derer, die auf Ihn schauen allezeit in der Lust sowohl, als auch in der Not!', - die bei uns nun gewiß den allerhöchsten Gipfel erreicht hat.
   06] Daher, Brüder, die euch alle wie mich brennt die Gerechtigkeit, vertraut auf den Gott, den uns scharf bekannt hat der Große am Berge, und tun wir das lieber heute noch als morgen, da es schon vielleicht zu spät sein könnte; daher Mut, auf Gott vertraut, und morgen wollen wir die Sonne schon dort am fernen Gebirge begrüßen! Eilt und holt die Eurigen und das Eurige, als da sind Früchte und Tiere, und in dreitausend Augenblicken treffen wir hier, mit Keulen wohlversehen, wieder ein, amen!«
   07] Und siehe, amen sprach auch die Schar, und in zwei Stunden war alles reisefertig, da es war um die zweite Stunde der Mitternacht. Und als nun Meduhed gezählt hatte alle Väter und fand, daß ihre Zahl voll war, da dankte er Gott und floh an der Spitze der großen, ihm folgenden Schar von zehntausend männlich und zwanzigtausend weiblich auf ebensoviel Kamelen und großen Eseln.
   08] Und als die Sonne aufging, hatten sie schon lange das ferne, niedere Gebirge erreicht, was freilich ohne Meine besondere Hilfe nicht hätte geschehen können, da das Gebirge dreißig Stunden geraden Weges entfernt lag.
   09] Hier weideten sie zwei Stunden lang ihre Tiere und rasteten und aßen von ihren mitgenommenen Früchten und dankten auf Geheiß Meduheds Gott für eine so wunderbare Rettung. Meduhed aber ging, vom Geiste angeregt, von zehn Männern geleitet, ein wenig fürbaß und fiel im Angesichte der zehn Geleitenden nieder zur Erde und entzündete sich zu Gott und erblickte im Lichte seiner Liebe viel Böses in seinem Herzen und fing darob an zu weinen und zu wehklagen vor Reue über seine großen Schulden.
   10] Und da Ich sah, daß es ihm ernst war um Mich, so schrieb Ich mit deutlich leserlicher Feuerschrift folgende Worte in sein Herz: »Meduhed, stehe auf im Angesichte Meiner großen Barmherzigkeit! - Du bist gerettet mit allen denen, die, von deiner Liebsorge bewegt, dir gefolgt sind hierher. Allein hier könnt und dürft ihr nicht lange weilen, noch weniger verbleiben, sondern wie du siehst dieses enge Tal sich ziehen hin gen Morgen und den kleinen Fluß fließen dahin, dem nach ziehe auch du mit der Schar 70 Tage lang vorwärts, und wenn du dann kommen wirst an ein unübersehbares großes Gewässer, da raste eben 70 Tage lang. Und dann aber komme wieder wie heute im Herzen zu Mir, dann will ich dir den Weg zeigen, zu gehen auf den Gewässern in ein fernes, großes Land, da ihr ohne Blutvergießen sicher werdet sein vor allen Nachstellungen der Grausamkeit Lamechs, des Brudermörders. Und so euch hungern wird, so eßt von all den Früchten, die ihr antreffen werdet unterwegs in großer Menge, und trinkt das gute Wasser des Flusses, der euer Wegweiser sein soll bis zum großen Gewässer, und gedenkt wie heute alle eures großen, über alle Wesenheit erhabenen Gottes und denkt, daß Ich ein Volk auf der Erde habe, dem Ich ein heiliger, liebevollster Vater bin!
   11] Und denke, als diese Erde rann wie ein Tautropfen aus Meinem großen Vaterherzen und die Sonne dort als Träne der Erbarmung aus Meinen allsehenden Augen, o da waret auch ihr noch Meine Kinder! So suche, du kleine Schar, zu werden durch Liebe, was du einst warst, ehe noch die Erde trug ein unzüchtiges Geschlecht und dort die große Sonne brannte aus Meiner Gnade! - Nun aber macht euch auf den Weg und zieht in Meinem Namen! Amen.«
   12] Und siehe, da rief Meduhed der großen Schar diese Worte laut zu und war ergriffen durch und durch, und so auch die Schar durch ihn, und erhob sich behende und tat genau nach Meinem geoffenbarten Willen.
   13] Und nun siehe, als nun Meduhed nach siebzigtägiger Reise gekommen war an das ihm vorbestimmte Ufer des großen Gewässers der Erde, das ihr heutzutage den 'Stillen Ozean' nennt, und das an den Ufern gelblich, teils aber auch - an den tieferen Stellen - weite Strecken hin ganz blau leuchtet durch die Mischung der Farben des Grundes, des reichlichen Kupfersalzes und der sich darin brechenden Strahlen der Sonne, da lagerte er sich mit seinen Scharen längs den Ufern in einer sehr reich mit guten Früchten überladenen Gegend, welche gerade diejenige war, da Ich ihn hatte haben wollen.
   14] Und da nun Meduhed - und auch alle ihm Gefolgten - sah, daß Ich ein guter Wegweiser bin, so fiel er dankbar vor den Scharen auf sein Angesicht nieder zur Erde und dankte Mir aus dem Grunde seines Herzens, und die Scharen folgten mehr oder weniger jedoch alle seinem guten Beispiele, woran Ich ein Wohlgefallen hatte.
   15] Und siehe, als nun Meduhed vollendet hatte seinen Dank voll gerührt in seinem Herzen durch Meine große Gnade, da richtete er sich auf, überblickte die noch liegenden, dankerfüllten Scharen, und so fing er an zu weinen vor Freude über Meine so große Erbarmung, die da gerettet hatte so vielen das Leben und wiedergegeben hatte den so lange schon in der großen, harten Knechtschaft Lebenden die goldene Freiheit und eine so reiche und unter Meinem hohen Schutze so sichere Ruhestätte.
   16] Und als bald darauf sich auch gestärkt und überfröhlich erhoben hatten die Scharen, da stieg Meduhed auf eine kleine Anhöhe, etwa sieben Klafter oder, bestimmter noch, sieben Mannshöhen hoch über die weite Ebene, und richtete daselbst eine breite und lange Rede an sie, und diese war ihm gegeben von oben in sein Herz, und er sprach nicht ein Wort mehr, noch ein Wort weniger und war somit ein gerechter Prediger in Meinem Namen an die licht- und liebebedürftigen Scharen. Die Worte seiner breiten und langen Rede aber lauteten, wie da folgt:
   17] »Brüder, seht auf zu mir, und hört mit offenen Ohren und Herzen die Worte, die ich auf das innere Geheiß Gottes nun an euch alle werde ergehen lassen; denn sie sind von größter Wichtigkeit!
   18] Hört: Gott, der Allerhöchste, hat uns wunderbar befreit aus den mörderischen Händen Lamechs und hat uns wohlbehalten treu geführt hierher bis ans Ende der Welt, da ihr alle seht das Ende der Erde und den Anfang der großen Gewässer. Seht das Land so schön und herrlich, als wäre es aus den hohen Himmeln zur Erde herabgekommen, und es wäre gewiß jedem von uns eine große Lust, darinnen beständige Wohnung nehmen zu können oder zu dürfen. Allein nicht so lautet der Wille von oben aus der Höhe Gottes, sondern 70 Tage nur dürfen wir hier verweilen; denn in dieser Zeit wird ein grausames Heer Lamechs, an der Spitze Tatahar, uns wohl auskundschaften. Und wehe jedem, der in seine grausamen Hände geriete, den würde er zerfleischen wie der Tiger ein Lamm!
   19] Daher hat mir der Herr in Seiner großen Gnade gezeigt hier einen Ort, da wir hingehen sollen und bereitet finden werden Werkzeuge gleich denen, die da schon gegeben sind Seinen großen Kindern, die da wohnen auf den großen Höhen der Erde, damit wir auch dadurch sollen erkennen, daß Er auch unser Vater sein will und werden wird, so wir uns willig unterziehen wollen Seiner übergroßen Liebe, die bisher so köstlich gesorgt hat für uns, wie noch nie auch das beste Vaterherz für seine Kinder, so es auch hätte an allem den allergrößten Überfluß.
   20] Dann aber sollen wir die Werkzeuge nehmen und dieselben gebrauchen zum Umfällen der schlanken Bäume, dieselben befreien von der Rinde und all den Ästen, dann sie behauen auf vier Seiten, oben wie eine ruhige Wasserfläche, und es sollen wohl zubereitet werden zehntausend Stämme von schönster und bester Art, die da haben ein kleines Laub. Ein jeder so wohl zubereitete Stamm soll haben zehn Mannslängen und soll sein breit einen Tritt eines Mannes; dann sollen erst je dreißig Stämme mittels der Nägel, die da auch in großer Menge unter den Werkzeugen werden angetroffen werden, fest aneinander geheftet werden. Und wenn so dieser Boden wird fertig sein, dann sollen an den Seiten drei Stämme der Länge nach übereinander befestigt werden und nach der Breite aber je zwei aufeinander; und dann aber soll das Innere mit Harz und Pech von den Bäumen wohl verpicht werden, welches unterdessen die Weiber und Kinder sammeln sollen in großer Menge.
   21] Und diese neuen Gebäude sollen wir längs den Ufern errichten, und am letzten Tage sollen wir noch überall einen großen, grün belaubten Ast in jeder Ecke dieser Gebäude befestigen, zum Zeichen des errungenen Sieges durch die große Gnade von oben. Was da ferner zu tun sein wird, das erwarten wir am letzten Tage nach der großen Verheißung, die mir geworden ist, da unsere Augen noch hingeblickt haben in großer Furcht und Angst gegen Hanoch; und so tun wir alle vereint als Brüder, da wir keinen Fürsten haben, dem wir den himmelschreienden Tribut entrichten sollen, - außer unserm großen Gott, der da ein Herr aller Macht und Kraft, unendlich von Ewigkeit, und auch ein Herr ist, gar gewaltig und gerecht über alle Herren, wo sie auch unrechtmäßig sein möchten auf der ganzen Erde, jetzt und in allen künftigen Zeiten der Zeiten als Greueltäter und Mörder ihrer Brüder. Unserm Gott, der uns will ein Vater sein, sind wir Liebe und unbedingten Gehorsam schuldig; wer sich da widersetzen würde, der wird nicht gezüchtigt werden von seinen Brüdern, weder mit Ruten noch mit Knütteln, sondern Gott Selbst wird ihn strafen durch die Entziehung Seiner Gnade.
   22] Nun wißt ihr vorderhand alles, was die Gegenwart benötigt; daher sammelt euch, erquickt euch mit Speise und Trank, dankt dem Herrn, und dann geht eilig ans gebotene große Werk, amen.«


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