Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 82. Kapitel: Ankunft der Neugewonnenen 'im Paradiesgarten'. Erkenntnis ihrer Schuld.

   01] Sehet, wir befinden uns schon wieder im sogenannten »Paradies«. Wie ihr euch leicht überzeugen könnt, so ist es noch das alte, wie wir es vorher gesehen und verlassen haben. Und seht dorthin in die Mitte des Paradieses, dort harren unser die früheren Paradies-Einwohner, und zwar in einer viel demütigeren und nachdenkenderen Stellung als da die erste war, als wir aus dem Kloster zu ihnen kamen. Unsere »Himmelsbewohner« folgen uns ebenfalls demütig; und so gehen wir mit diesem neuen Fange geradewegs auf die früheren Paradieseinwohner zu.
   02] Sehet, unser früherer Vorsteher dieses Paradieses und die zwei ersten Redner machen schon von weitem sehr große Augen, da sie uns die ganze himmlische Gemeinde folgen sehen. Denn auf eine Eroberung des Himmels waren sie eben nicht zu sehr gefaßt und haben dieselbe bei sich für einen heimlichen Probierstein gehalten, nach welchem sich die vollgültige Wahrheit unserer allfälligen Sendung erweisen sollte.
   03] Da aber nun der ganze Himmel gedemütigt und besiegt hinter uns einherzieht, so sagt soeben der Prior zu seiner Gesellschaft: Höret, Freunde, bei solchem Umstande bekommt die Sache freilich wohl ein ganz anderes Gesicht. Diese drei sind bestimmt von einer uns noch unbekannten göttlichen Macht hierhergesandt; das ist nun so klar wie die Sonne um die Mittagszeit auf der Erde. Aber was wir nun bei dieser ganz entsetzlichen Gewißheit anfangen sollen, das ist eine ganz andere Frage. Wie ist unser Gewissen bestellt? Wie verhält sich unser früheres Benehmen gegen diese hohen Boten? Das ist wieder eine ganz andere Frage. Kommen wir nach ihrem allfälligen, sicher richterlichen Ausspruche entweder, wenn es gut geht, ins Fegfeuer, oder, der Herr stehe uns bei! - etwa gar in die Hölle? Höret, Freunde, das ist eine noch ganz andere, entsetzlich verzweifelte Frage!
   04] Sie nahen sich uns auch mit ganz entsetzlich ernsthaften Gesichtern, aus denen für uns wahrlich nicht viel Tröstendes herausschaut. Wenn ich aber auch nur zurückdenke, wie unser priesterliches Leben auf der Welt beschaffen war, und bedenke, wie wir, das Evangelium des Herrn wohl kennend, aber auch nicht mit einer Silbe dasselbe im wahren christlichen Sinne werktätig unter uns haben walten lassen, und wie wir im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung allzeit dem reinen göttlichen Geiste entgegen gearbeitet haben, o Brüder, da möchte ich nichts so sicher je getroffen haben, als nun diese Behauptung, daß uns samt und sämtlich, bei den höchst traurig waltenden Umständen, nichts als die pure, nackte, allerheißeste Hölle erwartet! Ich möchte beinahe auszurufen anfangen, daß die Berge über uns herfallen sollen, damit wir nicht länger das Angesicht solch erschrecklicher Richter ansehen müssen!
   05] Der andere bessere Redner wendet sich an den Prior und spricht: Höre, Freund und Bruder, ich meine, wir sollten hier nicht vorzeitig zu verzweifeln anfangen, denn dazu wird es noch immer Zeit genug sein, wenn wir einmal im Ernste verdammt sind. Es ist uns aber ja ein altes Sprichwort bekannt, welches also lautet: »Ein gutes Wort findet auch einen guten Ort.« Also verlassen wir uns auf unsere Bitte und auf unsere möglichst größte Demütigung und verzweifeln nicht zu vorschnell an der großen Erbarmung des Herrn. Wer weiß, ob diese drei Boten uns nach der allerentsetzlichsten und unerbittlichsten Strenge richten werden; denn wenn sie von Gott ausgesandt sind, so werden sie sicher besser und sanfter in ihrem Urteile sein als wir es je waren gegen die vermeintlichen Sünder wider unsere alleinseligmachend sein wollende Kirche.
   06] Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, deine Tröstungen schmecken freilich so süß wie Honigseim und die allerbeste Milch. Aber wenn ich mich dabei an die Worte Christi im Evangelium erinnere, welche Christus, der Herr, also ausspricht, und zwar gegen die »falschen Propheten« und somit Namenchristen und Namenpriester: »Geht und weichet von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist; denn Ich kenne euch nicht, ihr Täter des Übels, ihr habet allzeit dem hl. Geiste widerstrebt!« - Freund, was sagst du zu diesem Texte?
   07] Der andere spricht: Ja, Brüder, der Text ist über alle Maßen schrecklich und für uns auch vollkommen passend wahr. Ich muß dir dagegen auch noch bekennen, daß ich mich nun für die Hölle nicht im geringsten für zu gut fühle. Wenn der Herr im Ernste nicht barmherziger sein wird als wir es auf der Welt zuallermeist waren, da dürfte dieser Text allerschrecklichster Maßen wohl seine gerechteste Anwendung finden. Denn es heißt: »Seid barmherzig, so werdet ihr Barmherzigkeit finden!« Da aber liegt eben der Hund begraben, denn mit der Barmherzigkeit hat es bei uns auf der Welt seine ganz entsetzlich geweisten Wege gehabt. Wenn ich nur bedenke, mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Siegesfreude wir so oft von den Kanzeln ganze Völker zur Hölle verdammt haben, da fängt es mir selbst an, ganz gewaltig zu bangen, und mit meiner früheren, an dich gerichteten Tröstung fängt es nun an, bei mir selbst hohl zu werden.
   08] Ein dritter spricht: Freunde und Brüder, ich verstehe euch ganz; wir sind verloren! Daher meine ich, wir sollten uns vereinen und gerade zu dem Hauptboten hingehen, der da in der Mitte ist, sollten ihn um nichts als nur um einen nicht zu allerheißesten Grad der Hölle bitten und ihm dadurch den entsetzlichen richterlichen Ausspruch ersparen, und zwar in der alleinigen Rücksicht dessen, daß wir auf der Erde doch zuallermeist durch die kirchliche Gewalt so und nicht anders zu handeln genötigt waren. Wir haben demnach auch die kirchlichen Vorschriften erfüllt, ob sie recht oder nicht recht waren. Daher meine ich, wenn wir solches auch mit dem Bewußtsein, daß es nicht dem Worte Gottes gemäß war, auf der Welt geleistet haben und haben dadurch nicht Gott, sondern dem Mammon gedient, so haben wir doch auch nicht leichtlich anders handeln können.
   09] Freilich hätten wir lieber den Märtyrertod erleiden sollen, als wider Christum handeln! Aber dazu war ja unser Glaube eben durch unsere Kirche zu schwach, als daß wir so etwas hätten an uns sollen bewerkstelligen lassen. Also meine ich denn auch, daß wir uns darum nicht der allerschärfsten Hölle schuldig gemacht haben. Gott sei alle Ehre und Sein Name werde allezeit über alles hoch gepriesen! Ich meine, Er wird mit uns ja doch nicht das Allerschlimmste vorhaben, und so erwarten wir denn mit der allerdemütigsten Ruhe, was der Herr über uns beschließen wird!
   10] Sehet nun, die ganze Gesellschaft ist mit ihm demütigst einverstanden. Und da dadurch alle sich gehörig erniedrigt und gedemütigt und so auch unter sich ihre Schuld erkannt haben, so wollen wir uns ihnen denn auch völlig nahen und mit ihnen eine gerechte Bestimmung treffen. Seid aber an meiner Seite nun auch vollkommen ernst, denn es klebt noch so manches an dieser Gesellschaft, was von ihr ganz ernstlich zuvor entfernt werden muß, ehe sie für eine höhere Bestimmung tauglich wird.


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