Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 8. Kapitel: Die Sphäre des dritten Geistes - Ein Bild der Unendlichkeit

   01] Seht, der dritte Geist ist auch schon hier, und wir wollen darum gleich von seiner Gastfreundschaft etwas profitieren. Tretet somit nur in seine Sphäre, und wir werden erfahren, was sich in derselben alles erschauen läßt. Da ihr euch schon in seiner Sphäre befindet, so gebet Mir auch einmal kund durch euren Mund, was alles sich euren Geistesblicken zur Anschauung darstellt! Ihr staunet schon wieder und blicket wie ganz verwirrt um euch her. - Was ist es denn, das eure Blicke so gewaltig in Anspruch nimmt? Ich sehe Mich schon wieder genötigt, für euch den Dolmetsch zu machen, denn ihr habt ja nicht Zeit und Rast, um Worte zu finden, die das Geschaute bezeichnen möchten!
   02] Ihr steht auf einer glänzenden Wolke. Erstaunten Blickes seht ihr ganze Heere überirdischer Welten in endlos großen Kreisen vorüberziehen. Ihr seht sie allenthalben mit den großartigsten Wunderwerken umgeben; sie sind unzählig auf einer jeglichen Welt. Jede dieser Welten scheint endlos groß zu sein, und dennoch möget ihr sie von Pol zu Pol mit einem Blicke überschauen. Zahllose Scharen von glücklichen Wesen seht ihr auf diesen vorüberziehenden Welten hin und wieder frohlockend wandeln. Jede neue Welt, die sich euch nähert, ist von andern unnennbaren Wundern übersät. Aber ihr sagt: Wenn sie nur nicht so schnell vorüberzögen, diese großen, überherrlichen Wohnplätze für zahllose Heere von seligen Geistern! O wartet, auch diesem können wir sogleich abhelfen! - Seht, dort zieht eben eine überaus große, strahlende, einer Hauptmittelzentralsonne ähnliche Welt! Wir wollen sie aufhalten, damit ihr sie näher betrachten könnt. Nun ist sie da.
   03] Der große Glanz blendet freilich euer Auge, und ihr könnt wegen ihres zu starken Leuchtens ihre Wunderfülle wohl nicht erschauen; auch dem soll abgeholfen sein! Seht, schon ist ihr starkes Leuchten gemildert und ihr seht, daß diese große Welt aussieht wie ein endlos großer, unaussprechlich schöner Garten. In den Gärten erblicket ihr viele gar zierliche Wohnungen, und um die Wohnungen wandeln wonneerfüllte selige Geister und genießen in großer Freude die überaus wohlschmeckenden Früchte dieses großen Gartens.
   04] Dort seht ihr lobsingende Geister sich in den leuchtenden Äther erheben. Auf einem andern Platze wieder seht ihr Liebende allerfreundschaftlichst und wonniglichst Arm in Arm miteinander wandeln. Dort wieder seht ihr eine Gesellschaft Weiser, die mit leuchtenden Angesichtern Meine große Liebe, Gnade und Erbarmung besingen. Auf den Ästen der zahllosartig herrlichsten Fruchtbäume seht ihr es wie leuchtende Sterne funkeln.
   05] Ihr fragt wohl: Was ist das? Und Ich sage euch: Betrachtet die Sache näher, und ihr werdet sobald gewahr werden, was hinter diesen Sternen steckt. Aber ihr verwundert euch schon wieder von neuem, denn nun sagt ihr: Großer, heiliger Vater! was ist doch solches? Als wir einen solchen Stern genauer betrachteten, da dehnte er sich samt dem Baume zu einer endlosen Größe aus. Die vorige große Welt wie auch die Größe des einzelnen Baumes mögen wir ob der zu endlosen Größe nicht mehr erschauen, aber dieses Sternlein ist zu einer neuen großen Welt herangewachsen, und wir sehen diese Welt wieder voll neuer Wunder! O Vater, sagt ihr weiter, wo hat denn die endlose Größe deiner Wunderschöpfungen ein Ende?!
   06] Ich aber sage euch: Ihr habet recht, daß ihr also fragt. Ich sage euch: die endlose Fülle und Größe Meiner Schöpfungen hat weder einen Anfang noch ein Ende; denn überall, wo ihr eins erblicket, glaubet es, ist Unendliches verborgen! - Also hat nichts, das ihr schaut nun im Geiste, ein Endliches in sich sondern alles ist unendlich. Wäre es nicht also, so wäre es nicht aus Mir, es wäre darum nicht geistig, und das ewige Leben wäre eine barste Lüge! So euch aber schon die Teilung naturmäßiger Körper sagt, daß ihre Teile ins Unendliche gehen, und daß in einem Samenkorne endlos viele Samenkörner verborgen sind, wie sollte demnach denn das Geistige irgend einer Beendung unterliegen?
   07] Überzeugt euch an dieser neuen Welt. Seht, dort wandelt ein Geist in unserer Nähe, tretet in seine Sphäre, und ihr werdet euch sogleich überzeugen, von welcher endlosen neuen Fülle von Wundern dieselbe strotzet, und glaubet es Mir, solches geht ins Unendliche! Ihr könnt dies auch in einem naturmäßigen Bilde erschauen. Ich habe ein solches zwar schon einmal angedeutet; dessen ungeachtet könnt ihr es euch nun wieder in die Erinnerung zurückrufen.
   08] Das Bild aber besteht in dem: Stellt zwei überaus wohlgeschliffene Spiegel einander gegenüber und sagt Mir, wann diese gegenseitige Widerspiegelung ein Ende hat.
   09] Seht, also ist es auch hier. Ein jeder Geist hat Unendliches in sich, und das in endloser Mannigfaltigkeit. Ein Geist aber ist dem andern gegenseitig wie ein Spiegel durch seine innere Liebe zu Mir und aus dieser zu seinem Bruder. Also ist da auch ein endloses und ewiges Hin- und Widerstrahlen. Und eben dieses Hin- und Widerstrahlen ist das große, heilige, allmächtige Band Meiner Liebe, durch welches alle diese Wesen mit Mir und unter sich allerseligst verbunden sind!
   10] Aber ihr fragt nun wieder: Sind diejenigen Geister, die wir da geschaut haben und noch schauen aus der Sphäre unseres gastlich dienstbaren Geistes, auch wirklich selbständige Geister, oder sind sie bloß nur Erscheinlichkeiten, die in solchen Aus- und Widerstrahlungen der wirklichen Geister ihren Grund haben? Ich sage euch: Sie sind beides zugleich. Ihr verwundert euch über diese Antwort; allein in dem Reiche der Geister ist es einmal nicht anders, weil in selbem alles lebendig wesenhaft bedingt ist.
   11] Wenn ihr hinauf in Meine unendliche Sphäre treten könntet, so würdet ihr das ganze unendliche Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken. So ihr aber dann in seine Sphäre treten möchtet, da würde sich dieser einige Mensch bald auflösen in zahllose Geisterwelten, welche da aussehen würden wie zahllose einzelne Sterne, ausgestreut durch die ganze Unendlichkeit.
   12] Möchtet ihr euch einem solchen Sterne nahen, so würde er gar bald aussehen wie ein einzelner vollkommener Mensch. Wenn ihr aber dann wieder in die Sphäre dieses Menschen treten möchtet, so würdet ihr an seiner Stelle alsobald wieder einen neuen, von unzähligen Sternen überfüllten Himmel nach allen Seiten erschauen. Und so ihr euch wieder einem solchen Sterne nähern würdet, so möchte er zwar aussehen in der mittleren Entfernung wie ein Mensch. Würdet ihr euch diesem Menschen mehr und mehr nahen, so möchtet ihr beinahe also ausrufen wie einst der Seefahrer Christoph Kolumbus, als er sich dem Festlande Amerika nahte; denn da werdet ihr ebenfalls eine große himmlische Pracht- und Wunderwelt zu schauen anfangen! So ihr euch aber vollends auf diese Welt begeben möchtet, da würde es euch gewaltig zu wundern anfangen, dieselbe von zahllosen Geisterheeren bewohnt zu finden. Und möchtet ihr euch dann in die Sphäre eines oder des andern dort wohnenden Geistes begeben, so würdet ihr wieder neue Herrlichkeiten entdecken. Zugleich aber könntet ihr auch - mit freilich wohl mehr geläutertem Blicke - die erste Grundwelt als eigentlichen Wohnplatz dieser Geister erschauen.
   13] Also geht das fort und fort, und ist demnach ein jeder einzelne Geist wieder ein vollkommener Himmel in freilich wohl für sich selbst kleinster Gestalt.
   14] So möget ihr solches fassen, daß der ganze Himmel ist ein Himmel der Himmel. Und wie der ganze Himmel in sich unendlich ist, ist auch ein jeder einzelne Engelsgeisthimmel unendlich in sich. Daraus ist zu verstehen, wie es lautet in der Schrift: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist in euch!
   15] Aus diesem Grunde wird auch ein jeder Geist dasjenige Reich bewohnen, schauen und nützen, das er sich in sich erworben hat durch die Liebe zu Mir.
   16] Also steht es auch geschrieben: Das Reich der Himmel ist gleich einem Senfkörnlein. Dieses ist ein kleinstes unter den Samenkörnern. So es aber in das Erdreich, d. h. in ein liebeerfülltes Herz gesät wird, so wird es zu einem Baume, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden.
   17] Seht ihr nun das Senfkörnlein? Ein jeder einzelne Geist, der da ist ein seliger, ist ein solches Senfkörnlein, was soviel besagt als: Er ist ein Geschöpf Meiner Liebe und ist somit ein lebendiges Wort derselben. Wenn dieses Wort in dem Erdreiche der Liebe, die aus Mir frei hinausgestellt ward, aufgeht, so wird es durch und durch ein lebendiger Baum voll der Liebe und alles Lebens aus Mir.
   18] Wenn ihr in die Sphäre eines solchen Baumes tretet, so mag euch dann freilich wohl wundernehmen, daß ihr in derselben eine endlose Wunderfülle der Himmel erschaut, die da ist gleich Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung in einem jeden einzelnen Geiste unendlich.
   19] Solches müßt auch ihr ganz der Ordnung gemäß finden, so werdet ihr erst den wahren inneren Nutzen davon haben und werdet endlich im hellen Lichte in euch erschauen, daß Mein geschriebenes Wort in sich ist gleich Mir und ist zugleich das lebendige unendliche Reich der Himmel bei euch, unter euch und, so ihr es werktätig in eure Herzen aufnehmen wollt, lebendig in euch.
   20] Was sich jedoch aus demselben noch alles Neues und Wunderbares künden wird, werden wir in den Sphären anderer gastfreundlicher Geister hinreichend zur Anschauung bekommen. Und somit tretet ihr wieder aus der Sphäre dieses dritten Geistes, der ebenfalls einer eurer Anverwandten ist. Wir wollen uns bei einer nächsten Gelegenheit sogleich in die Sphäre eines vierten Geistes begeben. Und so denn lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!


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