Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 018. Kapitel

   01] Als die Jünger aus ihrer Art Betäubung erwachten, wunderten sie sich alle, plötzlich so fest eingeschlafen zu sein, und sie fragten Mich nun, was denn mit ihnen eigentlich vorgegangen wäre.
   02] Ich sagte ihnen: »Kümmert euch dessen nicht; denn noch vielerlei wird geschehen, wo ihr dieselbe Frage stellen werdet, ohne daß sie auch alsogleich beantwortet werden kann! Doch zur rechten Zeit wird euch auch der rechte Aufschluß werden.«
   03] Es war aber unter den Mir Nachfolgenden auch ein Jude, namens Ebal, der Meine Lehre völlig in sein Herz aufgenommen hatte und allereifrigst bemüht war, seinen Geist zu wecken. Dieser hatte vermöge seines Vorlebens, welches ihm größere Seelenfähigkeiten verliehen hatte, die Gabe des Zweiten Gesichtes, das heißt die Gabe, zukünftige oder vergangene Begebenheiten in sich erschauen zu können.
   04] Dieser trat zu Mir und sagte (Ebal): »Herr und Meister! Meine Seele erschauert stets im Schmerz, wenn ich in ruhigen Stunden Dich mir vergegenwärtige. Ich sehe sodann dunkle Bilder vor mir auftauchen, welche Grauenhaftes mir anzudeuten scheinen. Oftmals habe ich Zukünftiges geschaut und Vergangenes; aber niemals fühlte ich diesen Schmerz, als wenn ich an Dich denke und an die Bilder, welche mir im Geiste vorschweben.«
   05] Redete Ich: »Sage, Mein lieber Ebal, was für Bilder du erschaust, damit auch diese wissen, was deine Seele empfindet!«
   06] Sagte Ebal: »Herr, ich sehe die Pforten des Himmels geöffnet, und helles Licht strahlt mir entgegen aus den unermeßlichen Tiefen der Schöpfung. Und eine Stimme sagte zu mir: 'Siehe, das ist das Licht der Welt, das zu den Menschen hinabgestiegen ist und nun Wohnung bei ihnen genommen hat!'
   07] Und weiter sah ich Dich wandeln, und Du wurdest hell bestrahlt von diesem Licht und völlig von ihm durchleuchtet, und in Deinem Herzen sah ich eine Flamme erglühen, welche immer heller ward. Und je mehr Helligkeit diese Flamme ausstrahlte, um so mehr verschwand das Licht, das von außen strahlte.
   08] Sodann sah ich eine dunkle Gestalt sich nahen, welche bemüht war, das Licht in Dir zu verdecken; und bei diesem Bemühen erblickte ich die Scharen der Himmel, welche angstvoll auf diesen Vorgang heruntersahen. Und siehe, je mehr die Gestalt bemüht war, Dich mit Finsternis zu umkleiden, um so mehr erstrahlte das Licht in Dir, und schließlich stürzte sie, von dem heftigsten Lichtglanze geblendet, vor Dir nieder. Du aber berührtest die dunkle Gestalt, welche wie tot nun zu Deinen Füßen lag, und sagtest zu ihr: 'Selig sind alle Sünder, welche Buße tun, und es ist keine Sünde so groß, daß sie nicht vergeben werden könnte, wenn der Sünder bittet in Meinem Namen! So bitte auch du, damit dir vergeben werden kann!'
   09] Und ich sah weiter, daß Deine Hände und Füße durchbohrt waren und aus Deinem Herzen ein Blutstropfen floß. Die zu Deinen Füßen liegende Gestalt sog diesen Blutstropfen in sich auf und gewann nun Leben und wurde immer heller und heller, bis auch sie schließlich im hellsten Glanz erstrahlte. Da tönte eine Stimme durch den Himmelsraum: 'Sehet, Ich habe Meinen Sohn ausgesandt, daß Er den Verlorenen Mir wiederbringe, und Er scheute sich nicht, zu sterben, auf daß Er mit Seinem Herzblut den Geschwächten erquicke und belebe! Heil Ihm, denn nun nehme Ich Wohnung völlig in Ihm; denn Wir sind eins geworden für ewig!'
   10] Als diese Stimme verklungen war, kam ich wieder zu mir. Diese selbe dunkle Gestalt aber sah ich vorhin neben mir stehen, mich höhnisch anlächelnd, als wolle sie mir etwas sagen und dann verschwinden.
   11] Sage mir doch, Herr und Meister, was das alles bedeutet; denn so herrlich auch dieses anzusehen war, so empfinde ich doch, wie schon gesagt, allzeit einen tief inneren Schmerz dabei, der mich oftmals unfähig macht, zu denken oder zu empfinden!«
   12] Sagte Ich: »Ebal, wenn deine Seele fühlt, was in den kommenden Tagen geschehen wird, so bangt sie auch gleichzeitig vor den Geschehnissen, deren Endziel sie nicht ergründen noch fassen kann! Das bedrückt sie sodann sehr, nimmt sie mächtig gefangen für alle diese ihr unverständlichen Eindrücke, die sie doch lösen möchte und nicht kann, weil ihr eben das Verständnis fehlt, und sie fühlt dann Schmerz ebenso wie ein Gefesselter, der gegen seine Fesseln sich wehrt und von diesen zu befreien sich bemüht. Suche in deinem Herzen die Liebe zu Gott mehr zu entfachen als bisher! Mache dich ruhig in deinem Herzen und lausche auf die Stimme deines Geistes, so wird dir alsbald in der rechten Erkenntnis und Geduld ein scharfes Messer gegeben werden, das diese Fesseln durchschneidet!
   13] Alle aber, welche veranlagt sind wie du und dadurch imstande sind, ihre Seele weit aus sich auszudehnen, so daß sie das Zukünftige, welches bereits anfängt seine Schatten zu werfen, aufnehmen und das Vergangene in sich erregen und beschaulich machen können, sollen vor allen Dingen sich in Geduld und Ruhe üben, damit das Geschaute auf sie keinen Druck ausübe, sondern völlig verstanden werden möge!
   14] So ist es auch mit dir, und bald wird die Zukunft selbst dir zeigen, was an deinem Gesichte Wahres ist!
   15] Jetzt aber lasset ab von allen Gesprächen und gönnet euren Leibern die noch notwendige Nachtruhe, die unter dem freien Sternenzelt in dieser reinen Bergesluft besonders wohltätig und stärkend ist; denn morgen steht uns eine große Arbeit bevor, äußerlich zwar nur für Mich, aber innerlich für euch alle, zu der ihr völlig bereit und gestärkt sein müsset!«
   16] Ebal entfernte sich von Mir, und alle Anwesenden lagerten sich auf dem moosigen Erdboden, der ihnen eine weiche Lagerstätte bot. Bewacht von Meinem Geiste schliefen sie in dem weiten Vaterhause ruhig und süß wie die Kindlein, zum letzten Male unter der unbedingten Fürsorge Meines Willens; denn von diesem Tage an begann die Zurückziehung Meines Mußgesetzes in äußerer Hinsicht von ihnen, so daß nach Maß ihres erlangten Glaubens zu Mir auch die Widersacher Gewalt über sie erlangen könnten und sie nunmehr geübt werden konnten im selbsttätigen Sinne, anstatt stets umflossen zu sein von Meiner persönlichen Gottesmacht, die sie, ihnen unbewußt, auch schirmte und mit allem versah, ohne daß sie sich darum zu kümmern brauchten. Von jetzt ab sollte sich zeigen, wie weit Meine Lehren und Taten sie gereift und selbständig gemacht hatten.

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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