Leopold Engel (1858-1931): <b>'Das große Evangelium Johannes'</b>, angeblicher 'Band 11', Kapitel 005
Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 005. Kapitel

   01] Sagte etwas verlegen der Pharisäer: »Meister, ich sehe wohl, daß mit dir etwas hart zu reden sein wird, aber dennoch bitte ich, meinen Wunsch zu erfüllen und mir, da du nun bekannt hast, jenen Galiläer zu kennen, zu sagen, mit welcher Hilfe er seine Wundertaten ausübt, oder ob diese nur grober Betrug und Künste der Essäer sind. Auch wir sind Freunde der Wahrheit und suchen diese allereifrigst. Darum sind wir auch ausgesandt worden, da der Hohe Rat weiß, daß man uns nicht so leicht ein falsches Wunder für ein echtes Wunder vormachen und so leicht wie das dumme Volk betrügen kann. Wolle uns also unsere Fragen beantworten, und sei versichert, daß wir dir vollends Glauben schenken werden!«
   02] Antwortete Ich: »Warum denn gerade Mir, den ihr nicht kennt? Leben nicht gar viele Augenzeugen in Israel, die es euch bezeugen können und auch schon bezeugt haben, daß jenes Galiläers Taten echt sind und nicht mit Hilfe des Satans geschehen? Ihr kennet diese Zeugen sehr genau und glaubtet ihnen doch nicht! Warum werdet ihr da Mir glauben?«
   03] Sagte der Pharisäer: »Wir haben deine weisen Reden gehört, Meister, und daraus ersehen, daß du nicht so blind sein kannst, als wie es denn doch viele von denen sind, die wir kennen und die auch uns von den Taten jenes Jesus von Nazareth erzählt haben. Wir kennen diese aber als sehr leichtgläubig und können daher ein Zeugnis von ihnen noch nicht anerkennen. Ganz anders aber ist es bei einem Manne, der wie du durch seine Reden beweist, daß er viel gesehen und sich große Weltkenntnis angeeignet haben muß. Und nun wiederholen wir auch unsere Bitte: du wollest uns deine Meinung über den Galiläer unverhohlen sagen!
   04] Wir sind, nur um an Ort und Stelle seine Wundertaten untersuchen zu können, über Jericho gereist, wo er einen Blinden sehend gemacht haben soll und längere Zeit verkehrte. Aber wir müssen gestehen, daß alle die vielen Lobpreisungen des Bettelvolkes uns keineswegs haben überzeugen können, daß es da mit übernatürlichen Dingen zugegangen sei, denn es gibt, zumal unter den Griechen, recht weise und geschickte Ärzte, denen es auch schon öfter gelungen ist, Krankheiten zu heilen, die niemand je zu heilen hoffen konnte. Warum sollte es da nicht so ähnlich sein wie bei den oft ganz verzweifelt schwierig erscheinenden Krankheiten, die doch von den griechischen Ärzten geheilt worden sind?
   05] Es wurde uns nun gesagt, daß es am wahrscheinlichsten wäre, den Galiläer im Jordantale um diese Zeit zu finden, da er zur Winterzeit beabsichtigen sollte, sich mehr nach dieser Gegend hin zu ziehen. Wenigstens erfuhren wir so durch die Vermittlung eines der Hausgenossen des Lazarus in Bethanien und machten uns denn auch von Jericho deshalb nach hier auf, um diese Gegend abzusuchen. - Nun kennst du unsere Absicht genau, lieber Meister, und wirst mit der Beantwortung unserer Fragen gewiß nicht mehr zurückhalten.«
   06] Sagte Ich: »O keineswegs, und seid überzeugt, ihr sollt schon ganz nach aller Ordnung bedient werden! Nur fällt es Mir ganz außerordentlich auf, daß ihr nur zur Untersuchung seiner Wundertaten auszoget und nicht zur Untersuchung seines Wortes. Ich weiß, daß jener Galiläer des öfteren von dem wenigen Nutzen der Wunder gesprochen hat, daß in ihnen für die Nichtanwesenden wenig oder gar keine Beweiskraft liege, wie ja auch an euch jetzt klar ersichtlich ist, - daß er aber alles auf die Wahrheit und Lebendigkeit seines Wortes und seiner Lehre setzte, der einzig und allein durch die ihr innewohnende Geisteskraft die rechte Überzeugung anhaftet. Warum untersuchet ihr denn diese nicht und kümmert euch darum nicht? Beantwortet Mir doch das!«
   07] Sagte der Pharisäer, so recht mitleidig lächelnd: »Wir haben Moses und die Propheten, die Kabbala (jüdische Geheimlehre) und die Thora (Gesetz Mosis); was bedürfen wir da weiterer Lehren, da doch in diesen Büchern schon alles enthalten ist, - alle Weisheit Gottes nur hier niedergelegt ist? Die Lehre des Galiläers, die uns schon oftmals hinterbracht wurde, ist oft so verworren, unklar und unsinnig, daß sich ein erfahrener Schriftgelehrter, wie wir welche sind, schon gar nicht damit befassen kann, denn sie steht der Lehre Mosis schnurgerade zuwider.
   08] Es kann sich also nur höchstens darum handeln, ob seine Wundertaten echt sind, die sodann, falls davon uns die Überzeugung beigebracht werden kann, auch gern anerkannt werden würden, zumal im Dienste des Tempels sodann große Wohltaten für das jüdische Volk daraus erwachsen könnten.«
   09] Sagte Ich, indem Ich den Sprecher scharf anblickte: »Ihr Toren, glaubt ihr denn, daß es dem Galiläer nicht ein leichtes sei, den Tempel und alle seine Diener zu vernichten, - wie könnet ihr denn glauben, daß eure List es vermögen würde, ihn in eure Dienste zu ziehen? Jetzt aber ist so recht die Maske gefallen, und Ich wollte es um dieser hier Anwesenden willen, daß die Absichten des Tempels so recht enthüllt werden. Nicht um das wahre Leben, die Lehre, wie man selig werde, ist es euch zu tun - denn an eine Seligkeit nach dem Tode zu glauben erscheint euch ein barster Unsinn -, sondern einzig und allein um viel Macht, Ansehen und, wenn es geht, Zauberkünste zu erlernen, damit ihr das Volk in Angst und Schrecken erhaltet und es euch, wenn nicht aus Liebe und Ehrfurcht, so doch aus alleiniger Furcht diene. Dieses Ziel zu erreichen, scheint euch der Galiläer so der rechte Mann zu sein. Ihr wisset, daß ihm das Volk anhängt, - ob seine Wundertaten echt oder unecht, gilt euch gleich, wenn sie nur in eure Dienste zu euren selbstsüchtigen Zwecken gestellt werden, so ist es schon gut. Denn jedenfalls erscheinen sie euch gut, eure Taschen noch rascher zu füllen, als es schon geschehen ist; und jenem Jesus von Nazareth seine Künste abzulauschen, erscheint euch auch nicht allzuschwer, so daß ihr, wenn er später euch unbequem wird, euch seiner schon entledigen werdet.
   10] Das sind so die Gedanken des Hohen Rates, die auszuführen euch befohlen wurde, und darum seid ihr ausgezogen, den Galiläer zu suchen, um ihn für eure Zwecke zu bereden.
   11] Aber wahrlich, Ich sage euch, eher wird es euch gelingen, die Sonne von ihrer Bahn abzubringen, als eure schnöden Absichten zu erreichen; denn in jenem Galiläer lebt ein höherer Befehl, dem er auch Folge leistet, und dieser in ihm herrschende Befehl kommt von jenem Gott, den ihr wohl mit den Lippen in Jerusalem verehret, nie und nimmer aber mehr mit dem Herzen. Wenn ihr daher nur ein wenig Urteilskraft besitzet, müsset ihr einsehen, daß er nur bemüht sein kann, dem ihn treibenden Geiste gerecht zu werden - woher auch seine Größe, Kraft und Macht stammt -, aber nicht euren selbstsüchtigen Plänen, die nur nach Bewunderung und falschem Prophetentum geizen.
   12] Eure grenzenlose Blindheit aber, die euch verstockt und untüchtig macht, in das Reich Gottes einzugehen, wird euch später doch noch ins Verderben stürzen. Die Barmherzigkeit Gottes geht so weit, daß Er allen euren greulichen Sünden noch mit Langmut zusieht, in der Hoffnung, ihr würdet schließlich doch euch bekehren und in euch gehen; denn so da ein Sünder auch schon inmitten der Hölle sitzen würde und er schriee um Hilfe nach seinem Gott und Herrn, so würde ihm Erlösung und Hilfe werden. Aber ihr werdet euch das Gericht selbst zubereiten, und wahrlich, es ist schon nahe herangekommen! Dann aber saget nicht: "Herr, Du bist ein harter Gott und hast uns diese Wunden geschlagen ob unserer vielen Sünden! Du hast Dein heilig Angesicht von uns abgewendet, und nun herrschet Heulen und Zähneklappern unter uns!", sondern leget euch diese böse Zeit dann selbst zu, nicht als ein Strafgericht Gottes, sondern nur als eine gerechte Folge eurer Verstocktheit und Geistesträgheit, die da mit sehenden Augen blind und mit hörenden Ohren taub macht!«

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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