Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 75. Kapitel: Jesu Ankündigung eines nahen Sturmes.

   01] Als Ich auch mit dem Hauptmanne diese alles wohl erklärende Rede beendet hatte, da sagte der Wirt zu Mir: »Herr und Meister, die halbe Nacht haben wir nun für mein Haus überaus segensvoll durchgewacht; aber so da nun jemand von all den Anwesenden sich zur Ruhe begeben möchte, so bitte ich Dich, o Herr, es mir nur anzudeuten, und ich werde sogleich das Möglichste aufbieten, um Deinem Wunsche nachzukommen.«
   02] Sagte Ich: »Freund, laß du das nun nur gut sein; wir bleiben wie gewöhnlich am Tische die Nacht hindurch ruhen. Willst du dich zu einer bequemeren Ruhe begeben, so steht dir das offenbar frei; wir aber bleiben hier.
   03] Es wird aber hier geraten sein, diese Nacht sich nicht zu sehr dem Schlafe zu weihen, sondern sich mehr wach zu halten; denn es wird in einer kleinen Stunde Zeit unser Wachsein sich als notwendig und klug erweisen. Diese Gegend ist in dieser Zeit zumeist bedeutenden Stürmen und Erderbebungen ausgesetzt, und es wird derlei eben bald herbeikommen, und da ist es rätlich, wach zu verbleiben und zu beobachten, welche Richtung der Sturm nehmen wird!«
   04] Sagte der Wirt: »Aber Herr und Meister voll der göttlichen Weisheit und Macht! Du bist ja auch ein Herr über alle die böse Macht, die stets von den argen Teufeln der Hölle ausgeht oder zum wenigsten von ihnen sehr und gar oft sichtbar unterstützt wird. Dich kostet es ja nur ein allmächtiges Wort, und es kann kein Sturm kommen!«
   05] Sagte Ich: »Da hast du in einer Hinsicht recht geredet, aber das nur insoweit, als wieweit da reicht deine Kenntnis in den Dingen der Naturwelt.
   06] Es ist schon wahr, daß derlei Stürme mitunter auch von den Teufeln unterstützt werden; aber das kann die göttliche Liebe und Weisheit nicht behindern, den Natursturm losbrechen zu lassen. Denn in der Erde ruhen noch zahllos viele Naturgeister, die mit der Zeit alle zur Erlösung zu gelangen haben, und da diese Gegend ganz besonders reich an derlei rohen Naturgeistern aller Art und Gattung ist, so ist es auch ganz in der Ordnung, die zur Löse reif gewordenen Naturgeister zur Erstehung in ein etwas freieres Sein losbrechen zu lassen; und es ist offenbar besser, derlei Geister in kleineren Abteilungen zum Ausbruch kommen zu lassen, als sie eine längere Zeit zurückzuhalten, wo dann auf einmal viele Abteilungen zum Durchbruch kommen und übergroße Verheerungen anrichten müssen, wie das auf dieser Erde schon hie und da der Fall war, wo derlei Geister nach längerem Zurückhalten bei ihrem endlichen Durchbruch ganze Länder derart verwüsteten, daß sie noch jetzt als Wüsten da sind, in denen nichts wächst und noch lange nichts wachsen wird.
   07] Aus dem kannst du nun schon entnehmen, warum Ich den ehedem angezeigten Sturm losbrechen lassen muß. Es hat sich hier wohl niemand vor ihm zu fürchten, doch ist es besser, wach zu verbleiben während eines Sturmes, als in einem Bette zu schlafen.«
   08] Der Wirt stellte sich mit dieser Erklärung zufrieden.
   09] Aber der Jünger Simon Juda sagte zu Mir: »Herr und Meister, Du sagtest hier, daß es besser sei, während eines Sturmes zu wachen denn zu schlafen in einem Bett, und Du schliefst einmal, als wir uns während eines großen Sturmes auf dem Galiläischen Meere befanden, im sehr gewaltig schwankenden Schiffe, so daß wir Dich zu wecken genötigt waren, auf daß wir nicht zugrunde gingen. Du wurdest denn auch sogleich wach, bedrohtest des Sturmes Ungetüm, und es schwieg alsbald der Orkan, und auf des Meeres Fläche bewegte sich keine Woge, und die Schiffer und etliche andere Menschen, die mit uns im Schiffe waren, verwunderten sich und sagten unter sich, ihre Augen auf Dich gerichtet habend: "Siehe, wer mag dieser sein, daß ihm Wind und Meer gehorchen?"
   10] Ich sehe es wohl ein, daß es um vieles geratener ist, während eines Sturmes zu wachen; aber das sehe ich bis jetzt noch nicht völlig ein, warum Du damals gerade während des ärgst wütenden Sturmes geschlafen hast!«
   11] Sagte Ich: »Ich schlief damals, um für euch selbst euren noch etwas schwachen Glauben auf eine kleine Probe zu stellen und ihn dadurch zu stärken. Dazu sagte Ich nun zum Wirte auch nicht, daß es nun eben auch für Mich geratener wäre, während des Sturmes, der nun bald losgehen wird, zu wachen als einzuschlafen; denn Ich bin es nicht, dem Mein Rat zur Richtschnur seines Lebens und Seins gelten soll, sondern nur für euch Menschen gebe Ich allerlei Rat und Lehre, auf daß ihr euch danach richten und in allem vollkommen werden möget. Ich könnte daher auch nun, so Ich's wollte, beim Beginn des Sturmes und bis zum Ende desselben Mich dem Schlafe ergeben, da Ich für Mich den Rat nicht gegeben habe; aber um eurer Kleinmütigkeit wegen werde auch Ich mit euch wachen.«
   12] Als Simon Juda solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da fragte er Mich um nichts Weiteres mehr; denn er und auch alle die andern verstanden es nun wohl, was Ich zu ihnen gesagt hatte, und alle harrten nun mit großer Gespanntheit auf den Ausbruch des Sturmes.
   13] Der Wirt, der in sich trotz Meiner Gegenwart denn doch immer ängstlicher wurde, sagte zu Mir: »O Herr und Meister, sollte ich etwa nicht auch die in meinem Hause wecken, die nun sicher schon schlafen werden?«
   14] Sagte Ich: »Laß das; denn es genügt hier, daß wir wach sind! Es wird aber der Sturm schon an und für sich die Bewohner dieser Stadt wachrufen und sie aus ihren Häusern ins Freie treiben, und wir werden bei dieser Gelegenheit noch so manches zu tun bekommen.«


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