Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 55. Kapitel: Die Tafelpracht beim Frühstück.

   01] Als Ich diese Erklärung beendet hatte, da kam auch der Wirt mit dem geheilten Sohne und kündigte uns an, daß das Morgenmahl alsbald bestens bereitet auf den Tisch gesetzt werde! Zugleich aber bat er in aller Ehrerbietung Mich um einen Rat, was er tun solle, indem sein Weib und seine Kinder ihn in einem fort ordentlich quälten, daß er ihnen sagen solle, wer und woher Ich sei, daß Ich dem Sohne ohne ein Mittel das eine blinde Auge wieder sehend habe machen können. Er wie auch der geheilte Sohn aber wollten Mich darum nicht verraten, weil Ich ihnen das untersagt habe.
   02] Ich aber sagte: »So Ich nach dem Morgenmahle ohnehin bald weiterziehen werde, dann erst entdecke ihnen, wer und woher Ich bin; denn so du ihnen das nun sogleich sagen würdest, da wäre bald Meine Gegenwart in der ganzen Stadt ruchbar, und du könntest vor Zudrang der Menschen in deinem Hause sehr belästigt werden. Du wirst noch nach Meinem Abgange mit den Neugierigen deine Not bekommen; um wie vieles mehr würde das nun während Meiner Gegenwart der Fall sein!«
   03] Mit dem war der Wirt und der Sohn völlig zufrieden und ging und besorgte das Morgenmahl.
   04] Es ward darauf sogleich in silbernen Schüsseln auf den Tisch gebracht, so wie auch der Wein in großen silbernen Bechern. Meine Schüssel und Mein Weinkelch aber waren aus reinstem Golde angefertigt, und Ich fragte den Wirt, warum er das getan hätte, da Ich an derlei irdischer Pracht niemals ein Wohlgefallen habe.
   05] Er aber verneigte sich tief vor Mir und sagte (der Wirt): »O Herr und Meister, ich weiß es wohl, daß Du an derlei niemals ein Wohlgefallen hast, daß man Dich nur mit einem mit reiner Liebe erfüllten Herzen wohlgefällig ehren und preisen kann. Du hast aber in Mir schon einen Menschen gefunden, der Dich im Herzen über alles geehrt und gepriesen hat und Dich fortan also noch mehr ehren und preisen wird. Ich aber dachte mir, daß ich eine Sünde begehen würde, so ich Dir als dem höchsten Herrn Himmels und der Erde nicht auch die Ehre erwiese, die man doch besseren Menschen zu erweisen pflegt!
   06] Du hast ja die ganze Erde mit allem, was sie enthält, erschaffen, und so denn auch ihr Gold und Silber, und so zeugen ja auch diese Metalle, die von den Menschen schon seit gar lange her als die edelsten und somit auch wertvollsten anerkannt worden sind, von Deiner Liebe, Weisheit, Macht, Größe und Ehre! Und so denke ich in meiner Schlichtheit, daß es besser ist, Dich als den Schöpfer auch des Goldes und des Silbers mit diesen Metallen nach unserer menschlichen Weise zu ehren, als mit ihnen einen schmählichen Wucher zu treiben oder um ihretwillen die blutigsten Kriege zu führen und tausendfaches Unheil über die arme Menschheit wie aus der Hölle heraufzubeschwören.«
   07] Sagte Ich: »Ja, ja, da hast du freilich auch wohl recht; wenn alle Menschen dir gleich dächten und deines Herzens und Sinnes wären, dann würden ihnen Gold und Silber und Perlen und alle die kostbaren Edelsteine niemals zum Unheil werden! Aber weil die Menschen, die darauf sehen, daß Gott mit Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen geehrt werde, ganz anders zu denken anfangen und sonach auch bald eines andern Sinnes werden, so wäre es sehr unweise von Gott, wenn Er Sich mit dem ehren ließe, was unter den Menschen zu allen Zeiten das meiste und größte Unheil gestiftet hat.
   08] So wie du dachten auch die Erzväter der Erde und ehrten Gott vor goldenen und silbernen Altären und verrichteten ihre Preis- und Lobgebete in mit Gold und Silber und mit allerlei Edelsteinen reichlichst gezierten Tempeln, wie du solches im Tempel zu Jerusalem wohl ersehen kannst. Was war aber die Folge davon? Siehe, eben dadurch sind die benannten Metalle, Perlen und Edelsteine in der Einbildung der Menschen so überaus wertvoll geworden!
   09] Als die Menschen am Ende von dem Werte dieser gottesverehrlichen Dinge in eine zu hohe Idee geraten sind, haben sie denn auch stets mehr und mehr in der Erde herumzuwühlen angefangen und suchten Gold, Silber und Perlen und Edelsteine, vergaßen dabei nach und nach auch Gott und meinten, Gott schon dadurch im höchsten Grade zu ehren und ungeheure Gnaden von Ihm zu erhalten, wenn sie Ihm zur Ehre irgend den größten Brocken Goldes, Silbers und der Edelsteine auf den Altar legen konnten.
   10] Da aber doch nicht alle Menschen so geschickt waren, die benannten Dinge zu finden, um sich durch sie Gott wohlgefällig erweisen zu können, so befragten sie sich bei den Erzvätern, die zugleich Priester waren, wie viele Schafe, Kühe, Ochsen oder auch Kälber und Stiere sie anstatt soundso viel Goldes oder Silbers Gott zum Opfer bringen sollten, um Ihm wohlgefällig zu werden gleich dem, der da pur Gold und Silber Gott zum Opfer darbringt.
   11] Da merkten es nur zu bald die Ältesten oder Priester, daß sich dabei ein einträgliches Geschäft mit dem Gottesdienste gar leicht und etwa auch unschädlich verbinden ließe, und daß das zur Erbauung und Beruhigung der Menschen auch ganz wohl dienlich wäre. Und so fingen die Priester an, Gold und Silber und Perlen und Edelsteine zu wägen und bestimmten den Wert nach der Anzahl der verschiedenen Tiere, später auch nach dem Maße des Getreides, der Früchte, des guten Bauholzes, des Weines, der Kleidungsstoffe und noch einer Menge anderer Dinge.
   12] Dadurch entstand schon der Tausch- und Stechhandel, die arge und wucherische Wechslerei, darauf Neid, Haß, Zorn, Verfolgung, Lüge, Betrug, Geilheit, irdische Pracht, Größe und Hoheit und Stolz und Verachtung unter den Menschen, da man ihren Wert nicht mehr nach ihrem inneren Seelenadel, sondern nur nach dem Gewichte des Goldes und Silbers, der Perlen und Edelsteine, nach der Größe der Herden, der Äcker und Weinberge und nach dem größeren Besitze auch anderer Dinge bestimmte.
   13] Daß die Armen die Reichen beneideten und durch allerlei List ihnen den Reichtum zu schmälern anfingen, wodurch Dieberei und Raub und Mord auch nicht lange auf sich warten ließen, ist eine selbstverständliche Sache. Denn mit dem stets mehr überhandnehmenden Materialismus geht das Geistige zugrunde, und Gott wird den Menschen am Ende ein alter, verbrauchter, nichtiger und wertloser Begriff, von dem sie sich keine Vorstellung mehr zu machen imstande sind, und die volle Gottlosigkeit und mit ihr alle erdenkbaren Übel werden unter den Menschen auf die allergewissenloseste Weise gang und gäbe, und die Menschen greifen zu den Waffen, und der sich besser dünkende Teil sucht dann den böseren mit Gewalt zu unterjochen; und hat er das, dann gibt er Gesetze, deren Nichtbeachtung er mit den ärgsten Strafen belegt. Und so entstehen dann die Machthaber und ihnen gegenüber die Sklaven auf der Erde.
   14] Siehe, das macht alles das Gold, das Silber, die Perlen und die Edelsteine, so die Menschen in der Meinung, daß diese Dinge die reinste und edelste Materie seien, sie auch zur äußeren Verehrung auf was immer für eine Art anwenden!
   15] Was die äußere Verehrung und Verherrlichung Gottes anbelangt, dafür hat schon Gott Selbst von Ewigkeit her gesorgt; denn Er hat darum den Himmel und alle sichtbare Natur - als diese ganze Erde, den Mond, die Sonne und die zahllos vielen Sterne, die zumeist lauter ums kaum Aussprechliche große Weltkörper sind voll Lichtes und voll der wunderherrlichsten Dinge und Kleingeschöpfe auf ihren übergroßen und überweit gedehnten Flächen und Gefilden - erschaffen, und das genügt zur Außenverherrlichung des großen Gottes und Meisters über alles von Ewigkeit, und Er bedarf darum keines Goldes, Silbers und keiner Perlen und geschliffener und polierter Edelsteine dieser Erde.
   16] Die wahre und Gott allein wohlgefällige Verehrung und Verherrlichung besteht und bestehe denn allzeit nur in einem reinen, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst liebenden Herzen und somit - was dasselbe ist - auch in der getreuen Haltung der Gebote, die Er durch Moses allen Menschen gab; alles andere ist eitel und töricht auch von seiten eines reinen und Gott wohlgefälligen Menschen. Wird die äußere Verehrung aber noch von solchen Menschen, wie es da sind die Pharisäer und die Götzenpriester und -priesterinnen, und auch von anderen Scheinfrommen und Augendienern und Gleisnern Gott, an den sie bei sich gar nicht glauben und nie geglaubt haben, dargebracht, und das um Geld und andere bedeutende Opfer, so gilt das vor Gott nicht nur nichts, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm, und dasselbe ist auch alles, was vor den Augen der Welt groß und glänzend ist. Das, Mein Freund, merke dir, da du es nun aus dem Munde Dessen vernommen hast, der Sich mit gar keiner Materie ehren und preisen läßt, sondern allein nur mit einem reinen, Ihm völlig ergebenen Herzen und Willen!«
   17] Sagte der Wirt, nun ganz verlegen: »O Herr und Meister von Ewigkeit, so Dir diese meine auch äußere Verehrung, wie ich das nun schon ganz gründlich einsehe, nicht angenehm ist, so soll alles sogleich anders bestellt werden!«
   18] Sagte Ich: »jetzt laß nur alles so, wie es ist; denn die wohlbereiteten Fische werden uns diesmal auch aus den goldenen und silbernen Schüsseln wohlschmecken, und desgleichen auch der Wein! Aber für ein anderes Mal laß das hinweg!«
   19] Mit dem war der Wirt zufrieden, und wir begannen das Morgenmahl zu uns zu nehmen.


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