Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 21. Kapitel: Agrikola bittet Jesus um Richtlinien zur Jugenderziehung.

   01] Es bejahen das wohl alle; aber Agrikola tritt zu Mir hin und sagt: »O Herr und Meister, ich selbst begreife und erkenne nun tief die reinste, göttliche Wahrheit dieses Deines lichtvollsten Ausspruches und sehe es nun auch ein, daß eben das ewig zu verwünschende Muß des Gesetzes, ein Werk der menschlichen Blindheit, den Menschen notwendig alles höheren Lichtes berauben muß, weil es ihm alle jene Quellen verstopft, durch die das rein geistige Licht aus den Himmeln in ihn einfließen könnte und eben dadurch auch seine Seele mit der eisernsten Gewalt in die finstere Materie zieht und erdrückt. Aber dies größte Übel ist in unserer Zeit zu einer solchen Macht und Größe herangewachsen, daß es schwerlich je völlig vom materiellen Boden der Erde zu verbannen sein wird.
   02] Nehmen wir nur unseren römischen Gesetzeskram an, zu dessen strenger Aufrechthaltung mindestens 800 000 blindeste und roheste Krieger und eine nicht minder große Zahl der allerfinstersten Heidenpriester, mit ihren Plenipotenzen (unumschränkte Vollmachten) als treue Wachen dastehen. Diesen seelenmörderischen Damm zu durchbrechen und zu vernichten, ist menschlichen Kräften auch beim besten Willen und der größten und allerenergischsten Klugheit so gut wie völlig unmöglich.
   03] Ich rede hier nur von unserem Staate, in dem bekanntlich noch bis jetzt die meiste Zivilisation anzutreffen ist, und will von anderen Reichen der Erde nicht reden, in denen die Menschheit sich von den wilden Tieren der Erde um nicht vieles unterscheidet. Aber wenn ich schon bei uns Römern auf Schwierigkeiten stoße, die vorderhand sicher unüberwindbar sind, - wie wird sich dann diese Sache erst bei den ganz wilden Völkern dieser Erde machen?
   04] Ja, einzelne, wie ich und sicher noch mehrere es sind, werden alles das mit größter Freude annehmen, aber wie sich in diesem reinen Geisteslichte werden Gesellschaften und Gemeinden zu bilden anfangen, so werden sich die Priester hinter den Kaiser stecken und ihn so lange torquieren (quälen), bis er selbst gegen solche Gemeinden das Schwert wird ziehen müssen. Da wird das alte Mußgesetz dann erst recht mit ehernen Klammern und Ketten um die armen Völker geschlungen werden. Wehe darauf dem, der es dann noch wagen wird, irgendwo diese Deine Lehre unter den Menschen auszubreiten!
   05] Und nun muß ich zu dem noch eines Punktes Erwähnung tun, der mir auch von großer Wichtigkeit zu sein scheint, und das ist die Erziehung der Jugend von der Wiege an. Viele tausendmal tausend Kinder sind schon entweder durch die wahre Affenliebe der Eltern zu ihren Kindern oder oft auch durch ihre tyrannische Strenge und sonstige Blindheit total verzogen. Dazu kommen dann noch - sage - für den sogenannten besseren Teil der Menschen in den Städten die Schulen, die alle unter dem Zepter der Priester stehen, in denen die Kinder wohl lesen, schreiben und rechnen lernen, aber von etwas rein Geistigem nie etwas anderes vernehmen als allerlei Dinge des finsteren Aberglaubens.
   06] Frage: Wie wird man da zu wirken haben, um erstens den Eltern der Kinder zu zeigen und begreiflich zu machen, wie sie von Hause aus ihre Kinder erziehen sollen? Und sollte es möglich sein, daß man in diesem ersten zu einem günstigeren Resultate gelangt ist, - wie soll man dann zu wirken anfangen, um den öffentlichen Volksschulen jene Einrichtung zu verschaffen, aus der für die Menschen ein wahres Seelenheil nach Deiner Lehre erwachsen soll? Herr und Meister, so unbeschreibbar gut und wahr Deine Ratschläge an und für sich schon sind und noch mehr durch ihre lebendige und möglich allgemeine Praxis wären, so nahezu unmöglich erscheint die Bekehrung der Menschen im nur einigermaßen allgemeinen dazu auf einem ganz natürlichen Wege. Da wird Deine Allmacht denn doch so in recht dicken und großen Portionen ziemlich augenscheinlich mitwirken müssen, ansonst mit der Menschheit, wie sie jetzt beschaffen ist, bis ans Ende der Zeiten nicht viel auszurichten sein wird.
   07] Ich bin wohl kein Prophet, aber ich habe als nun schon ein ziemlich alter Staatsmann gar viele Erfahrungen gemacht, kenne die Staatsmaschine und kenne die Völker und kann somit auch ein sicheres Prognostikon (Vorhersage) stellen, wie diese Sache auf dem natürlich-menschlichen Mitteilungswege aufgenommen und welche Wirkung es machen wird.
   08] Darum zeige Du uns neben der höchst rein göttlich wahren Lehre, von der ich nun für mich und in der Folge auch sicher für mein ganzes Haus erfüllt bin, auch die sicheren Wege und Mittel, wie wir schwachen Menschen sie unseren gar vielen Mitmenschen wirkungsvoll werden mitteilen können! Denn sonst werden die Menschen mit seltenen Ausnahmen bis ans Ende der Zeiten dieser Erde das verbleiben, was sie nun sind: nichts als mit einiger Vernunft und etwas materiellem Verstande, gepaart mit einem sinnlich freien und bösen Willen, begabte Tiere.«


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