Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 5. Kapitel: Besprechung der Pharisäer über den Tod der Kinder und über den Messias.

   01] Hierauf sagte der erste Redner: »Ja, da kann ich dir wahrlich nichts anderes einwenden, als daß du uns bei allen deinen überaus guten Ansichten nicht auch darüber einen Aufschluß gegeben hast, wie sich der frühe Tod der Kinder mit der Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes vereinen läßt.
   02] Der Mensch ist nach deiner Ansicht von Gott berufen, sich durch ein wohlgeordnetes Vorleben auf dieser Erde eine wahre und der Absicht Gottes gemäße Gediegenheit und Solidität seiner Seele zu verschaffen - denn daß das in der Absicht Gottes liege, davon zeige sich der Grund ja klar in aller Offenbarung durch den Mund der Urväter und Propheten -; aber was wird dann jenseits mit und aus den Kindern, die wegen ihres frühen Todes eigentlich weder ein ungeordnetes und noch weniger ein geordnetes Vorprobeleben aufzuweisen haben? Wenn des Menschen Seele nur durch ein wohlgeordnetes Vorprobeleben zum gediegenen, wahren, ewigen Leben gelangen kann, durch was gelangt dazu dann die Seele eines Kindes? Oder stirbt die Kindesseele mit dem Leibe?«
   03] Sagte darauf der zweite, gute Redner: »In der Urzeit der Menschen weiß kein Mensch etwas davon, daß damals auch Kinder gestorben wären; den frühen Tod der Kinder haben nur die Sünden der Eltern bewirkt, und sie sind darum wissentlich oder unwissentlich schuld am frühen Tode ihrer Kinder. Aber Gott wird in Seiner höchsten Weisheit auch für die unschuldigen Seelen der Kinder zu sorgen wissen; sie werden sicher im großen Jenseits das hier nicht durch ihre Schuld Versäumte nachzuholen bekommen!
   04] Ist denn diese Erde etwa die einzige Welt? Sehen wir den gestirnten Himmel an! Große Weise der Vorzeit und selbst Moses in seinen Beibüchern, die wir zwar noch haben, aber ihnen keinen Glauben schenken, haben gezeigt, daß Sonne, Mond und alle Sterne Welten seien, und oft um gar vieles größer, als die unsrige da ist; wenn aber so, da wird es für Gottes Weisheit und Macht wohl auch ein leichtes sein, für die Seelen der Kinder eine andere und vielleicht auch um manches bessere Vorlebensprobewelt zu bestimmen, auf der sie dann ihre Lebensvollendung erreichen werden.
   05] Daß Gott im ewig großen Schöpfungsraume noch andere Schulerden für Menschen haben wird, daran ist wahrlich nicht zu zweifeln, - haben ja doch auch wir kleinen und schwachen Menschen für unsere Kinder mehr als nur ein einziges Schulhaus! Was aber schon bei uns noch ohnmächtigen Menschen möglich ist, warum sollte das dem allmächtigen und höchst weisen Gott etwas Unmögliches sein?
   06] Die Urväter, die sicher mehr denn wir nun mit dem Himmel Gottes im Verbande standen, wußten gar wohl darum, daß es also ist; wir aber haben durch unseren materiellen Weltsinn alles, was des Geistes ist, verloren und wissen kaum mehr etwas Näheres davon. Ich bin zwar auch nur ein Materiemensch, aber ich habe viel gelernt und erfahren und rede darum nun also, wie ich rede. Freilich kann ich im Tempel vor allen nicht auch also reden!«
   07] Sagte der erste Redner: »Nun kann ich dir nichts mehr einwenden und bin recht froh, daß du mich auf eine andere Meinung gebracht hast. Aber es ist nun auch an der Zeit, auf unser Hauptthema, nämlich auf den sonderbaren Propheten aus Galiläa, zurückzukommen. Ich habe gleich anfangs dahin meine Bemerkung gemacht, daß es auf der Erde immer gewisse und sonderbare Menschen gibt, aus deren Worten und Taten sich unleugbar eine höhere, gottähnliche Begabung leicht erkennen läßt, wie das eben bei unserem Galiläer der Fall zu sein scheint.
   08] Aber auch bei andern Menschen fehlt es an ähnlichen Begabungen nicht. Nehmen wir nur heute das plötzliche Verschwinden unserer Mäntel und die Herbeizauberung der drei Löwen! Das ist ein offenbares Wunder, das ein gewöhnlicher Mensch nicht begreifen kann. Nun könnten aber diese auch sagen: "Ich oder der da ist euer Messias, weil er Wunder zu wirken imstande ist!", - was wir denn doch nicht annehmen können! Denn würden wir das, so würde es bald vor lauter Messiassen wimmeln. Die Essäer wirken auch Wunder, aber darum sind sie noch lange keine Messiasse. Der Galiläer aber offeriert sich uns als ein solcher. Was sollen wir dazu sagen?«
   09] Sagte der zweite, gute Redner: »Meine Meinung wäre diese, die ich aber aus begreiflichen Gründen nicht habe aussprechen können: Seine Lehren und Taten sind mir wohlbekannt. Er ist ganz mit Leben und Tat der reinste Jude, ganz im Sinne Mosis. Wie es aber nun bei uns im Tempel mit dem lieben Moses aussieht, das wissen wir alle nur zu gut, und auch er scheint es ganz perfekt zu wissen, ansonst er uns heute vormittag nicht so derbste Brocken vorgeworfen hätte. Zudem aber hat er auch an dem Blindgeborenen ein wahres Gotteswunder bloß durch seinen Willen gewirkt, was vorher wohl niemandem möglich war, und so bin ich nun der Meinung, wir sollten als scharfe Beurteiler die Sache auf sich beruhen lassen. Kommt Zeit, kommt auch der Rat. Ist er am Ende denn doch das, als was er sich offen allen Menschen ankündet, so werden wir gegen ihn schon ewig nichts ausrichten; ist er aber am Ende dennoch nicht das, so wird er auch gegen uns nichts ausrichten - trotz allen seinen Wundern!
   10] Das beste ist, so wir im geheimen alle seine Lehren und Taten prüfen. Finden wir sie ganz rein und seine Taten ganz göttlicher Art, dann werden auch wir an ihn glauben; ist aber für uns von ihm aus diese Bedingung nicht erfüllt, dann bleiben wir, was wir sind, und überlassen alles andere Gott!«
   11] Mit dem waren nun alle einverstanden und aßen und tranken darauf wieder.
   12] Nach dieser Rede aber kam auf Mein Geheiß Lazarus wieder zu ihnen. Er wußte um alles, was sie geredet hatten, denn Ich hatte das allen gesagt.


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