Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 3. Kapitel: Enthüllte Glaubensansichten eines Pharisäers.

   01] Auf diese Worte Raphaels wußten die Pharisäer nicht so recht, was sie nun tun sollten.
   02] Aber einer von ihnen sagte nach einer Weile: »Wißt ihr was? Der Junge wird recht und wahr gesprochen haben, und ich bin darum der Meinung, daß wir bis Mitte der Nacht gerade hier verbleiben sollten, wenn uns Lazarus ein Zimmer anweisen kann, in dem wir unbeirrt allein sein könnten, um die Sache des Messias unter uns genau und gut besprechen zu können und danebst noch so manches andere mit unserem Freunde Lazarus.«
   03] Damit waren alle einverstanden, und Lazarus führte sie durch ein anderes Tor ins Haus, wies ihnen da ein geräumiges Zimmer an und ließ auch sogleich den Tisch darin decken und Brot, Wein, wie auch andere Speisen in großer Menge auftragen und wohlleuchtende Lampen aufstellen, was alles den Pharisäern so ganz wohlgefiel, daß einer von ihnen sogleich die Bemerkung machte: »Ja, wenn also, da können wir es auch bis zum Morgen hier aushalten und lassen unsere Amtsgenossen im Tempel gute Männer sein! Die sollen auf eine Nachricht von uns nur ganz fein bis zum Morgen warten!«
   04] Damit waren alle einverstanden, und ein Ältester, der soviel wie ein Oberster war, wohl bewundert in allerlei Weltweisheit, sagte, als der Wein seine Zunge gelöst hatte: »Wo es dem Menschen wohl geht, da soll er auch bleiben, und so bleiben wir auch bis zum Morgen hier, und ich möchte mit euch, meine lieben Amtsgenossen, etliche freie Worte reden! Denn im Tempel geht das nicht; aber hier, wo wir ganz unbeirrt beisammensitzen und von niemandem behorcht werden, der uns schaden könnte, kann man schon auch ein freies Wort reden!
   05] Es ist doch ein sonderbares Ding um den Menschen! Was ist eigentlich der Mensch, der sterbliche Gott der Erde, der ihren Boden bebaut und große Werke mit seinem Verstand und mit der Kraft seiner Hände in ein harmonisches Dasein schafft? Ich sage es euch: Der Mensch ist nichts als ein elendestes Tier; denn er weiß es, daß er sterben muß und wird, während kein Tier davon eine Ahnung zu haben scheint, daher es bis zu dem Zeitpunkt seines Verendens ganz ruhigen Gemütes fortleben kann, ohne jemals einen Gedanken zu haben, daß es dereinst sterben werde. Es tut der Mensch darum wohl daran, wenn er sein elendes Leben manchmal ein wenig erheitert und den schwarzen Gedanken an den Tod auf Augenblicke verscheucht.
   06] Die Macht, die den Menschen ins Dasein rief, kann nach meinem Urteil nie eine weise und gute gewesen sein, gleichwie auch ein Mensch nie gut und weise genannt werden könnte, der die kunstvollsten Werke schaffte, um sie dann, wenn sie durch seine Sorge und Mühewaltung ihre höchste Vollendung erreicht haben, wieder zu zerstören und die abscheuvollen Trümmer und Reste gänzlich alles Daseins zu berauben und darauf gleich wieder dieselben Werke von neuem für den gleichen Zweck zu schaffen.
   07] Wer das so recht beim Lichte betrachtet, der kann sich in (unter) Gott als der alles erschaffenden Macht unmöglich etwas höchst Weises und Gutes vorstellen. Denn wäre sie ganz gut und weise, so müßte sie ja auch für den Fortbestand ihrer allerkunstvollsten Werke, wie wir Menschen es sind, gesorgt haben! Aber nichts von dem! Wenn ein Mensch erst in seinem rechten Alter eine größere Vollendung im Wissen, Denken und Handeln erreicht hat, dann fängt er aber auch schon zu sterben an; er wird schwächer und schwächer, seine Lebenskräfte nehmen von Tag zu Tag ab, und das so lange fort, bis er das Leben ausgehaucht hat. Was dann mit ihm geschieht, wißt ihr alle, und es ist nicht nötig, die Sache näher zu beschreiben.
   08] Freilich haben wir wohl in unserer Gotteslehre die Versicherung, daß es im materiellen Menschen noch einen geistigen gibt, der nach dem Abfalle des Leibes fortlebt, - aber was nützt dem Menschen eine Lehre und nach ihr der Glaube, so dafür niemandem ein unumstößlicher Beweis gegeben ist?!
   09] Welche erhabenen Väter, Weise und Propheten haben vor uns gelebt nach den besten und weisesten Gesetzen, glaubten ungezweifelt an einen Gott, beteten Ihn an und liebten und ehrten Ihn über alle Maßen und glaubten auch ungezweifelt fest an ein ewiges Leben nach dem Tode des Leibes! Aber endlich mußten diese großen und weisen Glaubenshelden denn doch sterben, und es ist von ihnen bis zu uns nichts übriggeblieben als ihre Namen und ihre in der Schrift aufgezeichneten Taten und Lehren! Wohin sind denn aber ihre Seelen gekommen?
   10] Wer von uns allen hat denn je im Ernste und der vollsten Wahrheit nach eine nach dem Tode irgendwo fortlebende Seele gesehen und gesprochen?! In einem Traume höchstens oder in einer bösen Fieberhitze! Es gibt wohl Menschen, die da behaupten, daß sie mit den Seelen verstorbener Menschen geredet haben; aber das sind Menschen, denen zumeist alle Wissenschaft und alle Beurteilungsfähigkeit mangelt, und sie gefallen sich oft und zumeist selbst darin, den anderen Menschen aus ihrer natürlichen Phantasie und lebhaften Einbildung übernatürliche Dinge zu erzählen, um sich dadurch ein gewisses mystisches Ansehen zu verschaffen, an dem ihnen oft mehr liegt als einem Magier an seinem baren Gewinne.
   11] Man muß auch das eingestehen, daß es mitunter Menschen gibt, die zur Bekräftigung ihrer Aussagen und Lehren gewisse wundervolle Taten verrichten und damit ihren Lehren das Wahrheitszeugnis aufprägen wollen, wie wir das nun an dem wirklich merkwürdigen Propheten aus Nazareth erleben. Er lehrt dabei das Volk auch ganz gut und verheißt allen, die an ihn glauben, das ewige Leben der Seele.
   12] Ja, das ist alles recht schön und sogar gut, weil das gar vielen Menschen eine gewisse Beruhigung verschafft und ihnen die Furcht vor dem Tode benimmt; aber das haben auch die alten Propheten getan, und Tausende von Menschen haben fest geglaubt und haben ihren Glauben sogar mit dem Martertode besiegelt. Die Zeit aber hat die großen Propheten samt ihren Gläubigen hinweggerafft, und es ist von ihnen bis auf uns, wie schon gesagt, nichts übriggeblieben als ihre in den Schriften verzeichneten Namen und Taten, die wir aber auch ohne alle weitere Überzeugung bloß nur glauben müssen!
   13] Warum kommt denn nicht einmal eine irgend jenseitig fortlebende Seele zu uns und sagt es uns: Ich bin zum Beispiel der jenseits glücklichst fortlebende Elias, Daniel, David oder Jesajas? Ich sage es euch: Wie die alten Propheten samt Moses vergangen sind, so werden wir samt dem nun so berühmten Propheten, der sogar Tote erwecken soll, vergehen, und die späteren Nachkommen werden von uns und ihm gerade das überkommen, was wir von den alten Propheten überkommen haben. Wenn sich auch der Glaube vielleicht viele Jahrhunderte mit manchen Zusätzen und Entstellungen erhalten wird, so wird die lebendig wahre Überzeugung aber doch auf ein Haar ganz dieselbe sein, die wir nun von dem Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes haben.
   14] Es wäre ein solches Fortleben der Seele nach dem Leibestode freilich etwas unschätzbar erhaben Großes, und ein Mensch würde gewiß alles tun, wodurch er sich eines solchen Lebens völlig versichern könnte, wenn er für dasselbe irgendwelche haltbaren Beweise hätte; aber diese haben allzeit gemangelt, und es ist darum nicht zu verwundern, daß der einst bei den Alten noch so kernfeste Glaube bei uns erkaltete.
   15] Wer von dem mehr gebildeten und erfahreneren Teil der Menschen besucht denn nun noch vollgläubig den Tempel? Die Hohen und Weisen gehen nur des gemeinen Volkes wegen in den Tempel und tun, als wäre ihr Glaube noch so kernfest, damit dann das Volk etwa doch bei sich denkt und sagt: "Es muß denn doch etwas daran sein, weil die Hohen, Gelehrten und Weisen, die alles wissen können, so viel darauf halten!"
   16] Ich bin darum wahrlich kein Feind des berühmten Galiläers, weil er die armen Menschen von neuem wieder für ein Leben der Seele nach dem Tode des Leibes begeistert und ihnen einen guten Trost gibt; aber es ist mir nur das nicht recht, daß er uns bei jeder Gelegenheit als die größten Volksbetrüger darstellt und als ein weise sein wollender Mann nicht bedenkt, daß er im Grunde doch dasselbe am Volke tut, dessen er uns beschuldigt. Er rede nur, wie ich nun, die Wahrheit, wie sie die alte Erfahrung lehrt, zum Volke, und er wird schwerlich so viele Anhänger haben, wie er sie nun hat.
   17] Das ist so mein wahrer Glaube und mein treues Bekenntnis vor euch, meine Amtsgenossen, das ich aber nur unter uns ausgesprochen habe, weil ich es wohl weiß, daß ihr alle in euch geradeso denkt wie ich; im Tempel vor dem Volke und vor unseren vielen und sehr blinden Amtsgenossen aber heißt es freilich wohl anders reden! Was saget ihr alle zu dieser meiner Ansicht?«


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