Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 68. Kapitel: Das Wesen der Engel.

   01] Sagte hierauf Agrikola zu Raphael: »Hochliebster Diener unseres Gottes, Herrn und Meisters! Was hast du denn als ein reiner Geist hier für einen Leib? Ist das auch, wie bei mir, Fleisch und Blut?«
   02] Sagte Raphael: »Fühle mich an und überzeuge dich selbst!«
   03] Hier befühlte der Römer des Engels Hände und Füße und fand, daß sie ganz so aus Fleisch und Blut bestanden wie die eines andern Menschen, und er sagte darauf: »Ja, da ist wahrlich nichts Geistiges zu fühlen, - und dennoch sollst du ein reiner Geist sein, und das schon beinahe so alt wie das Menschengeschlecht auf dieser Erde?«
   04] Sagte nun der Engel: »Befühle mich noch einmal, und wir wollen hören, wie du nachher urteilen wirst!«
   05] Hier fing der Römer den Engel neuerdings zu befühlen an; aber nun fühlte er keinen Körper mehr, und wo er den Engel anfaßte, da gingen seine Finger ebenso leicht hindurch wie durch die Luft.
   06] Als er diese zweite Erfahrung gemacht hatte, da sagte er hochverwundert (der Römer): »Ah, da könnte aber doch selbst der allergescheiteste Mensch zu einem Narren werden! Ehedem war alles gediegen, und jetzt ist alles Luft und somit so gut wie völlig nichts! Ja, aber sage mir nun - wenn du als ein gar so luftiges Phänomen noch reden kannst -, wo du deinen früheren, wohlfühlbaren Leib nun hingetan hast!«
   07] Sagte der Engel: »Gar nirgends hin, sondern ich habe ihn noch genau also, wie ich ihn früher gehabt habe! Daß du ihn früher als festen Leib fühltest, das war mein freier Wille; und daß du ihn nun zum zweiten Male gar nicht fühltest, das war auch also mein Wille. Denn was wir vollendeten Geister wollen, das geschieht, wie wir es aus unserer Freiheit und Weisheit wollen, entweder augenblicklich oder nach und nach in einer bestimmten weisen Ordnung.
   08] Denn wir sind durch unsere Liebe zu Gott auch völlig in Seiner uns ertragbaren und wohl erkennbaren Weisheit und Macht, und so ist Gottes Liebe auch unsere Liebe. Seine Weisheit unsere Weisheit, Sein Wille unser Wille und Seine Macht auch unsere Macht. Aber dennoch gibt es in Gott noch unergründliche Tiefen, die kein geschaffener Geist je ergründen wird; und könnte er das, so wäre er nicht selig, weil er dann aus Gott keine steigende Seligkeit mehr zu erwarten hätte. - Verstehet ihr Römer das wohl?«
   09] Sagten nun mehrere Römer: »Ja, du unser Freund - wenn du auch ein Geist bist -, um das so recht zu verstehen und zu fassen, dazu gehört mehr als unser römischer Verstand! Es wird schon alles also sein; doch das eigentliche Wie müssen wir erst bis dahin abwarten, wenn wir selbst in unseren Seelen vollendeter sein werden.«
   10] Sagte der Engel: »Höret, ich rede nun nur mit dem Agrikola und nicht mit euch allen zugleich; denn ich weiß das schon ohnehin, daß ihr andern nicht gleich verständig seid. Darum mögen nun alle hören und auf alles aufmerksam sein, was ich mit dem Verständigsten von euch rede, und was ich ihm zeige! Und so rede du, Agrikola, nun allein!«
   11] Sagte nun Agrikola: »Ja, ja, du mein rein geistiger Freund, ich habe es im Grunde wohl so halbwegs verstanden, was du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen: doch ganz habe ich das wohl auch so, wie die andern, nicht verstanden, - doch auch ich warte da nach der Verheißung des Herrn auf bessere Zeiten! Aber das möchte ich von dir nun erfahren - und zwar unter der Bedingung, auf manches andere vollen Verzicht zu leisten -, wie du dich durch deinen Willen so entleiben kannst und doch noch also da bist wie ehedem mit dem höchst fühlbaren Leibe? Denn das ist für mich das Allerunbegreiflichste! Einmal bist du ein wirkliches Etwas, gleich darauf bist du dem Gefühle nach ein vollendetes Nichts, und das Nichts ist dennoch wieder das vollendete ganz gleiche Etwas. Ja, wie ist denn das doch wohl möglich?«
   12] Sagte der Engel: »Das ist ja etwas ganz Einleuchtendes! Wir Geister in unserer für euch imponderablen (unwägbaren) rein geistigen Sphäre sind ja das eigentliche, allein wirkliche und allerursprünglichste Etwas. Alles andere in aller materiellen Welt ist nur eine durch unseren Willen bewirkte Erscheinlichkeit, damit für eure materiellen Seelen ein beharrliches Medium da ist, mittels dessen ihr euch gleich uns die vollste und wahrste Lebensfreiheit verschaffen könnet.
   13] Um dir das aber noch handgreiflicher zu zeigen, so nimm du, Agrikola, nun selbst einen Stein vom Boden auf in deine Hand! - Gut, du hast nun einen ganz harten Naturstein in deiner Hand! Du wirst nun sagen: "Siehe, dieser Stein ist nun, wie er ist, eine barste Wirklichkeit!" Denn du fühlst nun in deiner Hand seine Schwere und seine für dich unzerstörbare Härte und sagst bei dir: "Das ist ein wirkliches Etwas!" Aber ich sage es dir, daß es sich hier mit deinem wirklichen Etwas geradealso verhält wie ehedem mit meinem Fleischleibe und darauf mit diesem meinem noch immerfort gleich geistigen Leibe. Denn die Härte und diese Schwere des Steines, den du noch in deiner Hand festhältst, hängt auch nur ganz allein von der Beharrlichkeit unseres Willens ab. Solange wir ihn als einen harten und schweren Stein erhalten wollen, so lange wird er auch das bleiben, was er ist.
   14] Will zum Beispiel aber auch nur ich, daß dein Stein mir nun ganz - was den Körper betrifft - gleich werden soll, so wirst du den Stein ebenso durchgreifen können, wie du ehedem mich durch und durch gegriffen hast. Und wird daß der Fall sein, so hat die durch unseren Geisterwillen produzierte Materie des Steines erst ihre Urrealität erreicht, ohne die sie nun durch die Beharrlichkeit meines selbstischen (eigenen) Willens dir als ein harter und schwerer Stein erscheint. Damit du das aber noch leichter fassest, so prüfe deinen Stein noch einmal fest durch, ob er noch derselbe Stein ist!«
   15] Sagte Agrikola: »Der ist noch, wie er war!«
   16] Sagte der Engel: »Wie ist er denn jetzt?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 7  |   Werke Lorbers