Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 50. Kapitel: Jesus erklärt die Lichterscheinungen.

   01] (Der Herr:) »Die zwölf Feuersäulen im Osten stellten richtig die zwölf Stämme Israels vor, und der starke Mittelstamm war Juda, und die beiden äußersten waren Benjamin und Levi. Durch die verschiedenen Ereignisse verschmolzen die zwölf Stämme in den letzten einen Judastamm, und der bin Ich, der Ich gekommen bin, alle die andern Stämme in Mir als dem einzig wahren Stamme Juda zu vereinen, daß sie alle in Mir also Eins werden sollen, wie Ich und der Vater im Himmel völlig Eins sind von Ewigkeit zu Ewigkeit.
   02] Als ihr sahet die sieben Säulen, da sahet ihr gewisserart die euch schon bekannten sieben Geister Gottes, und als es nachher drei wurden, da sahet ihr in Benjamin den Sohn, in Levi den Geist und inmitten Juda als den Vater. Und seht: Vater, Sohn und Geist wurden Eins, waren von Ewigkeit her Eins und werden auch ewig Eins verbleiben! Und dieses Eins bin eben auch Ich Selbst, und wer Mein Wort hört und danach handelt, tut und lebt, der wird auch Eins sein mit Mir und in Mir. Er wird Mir gleich auffahren in die Himmel Gottes und wird in Mir das ewige Leben haben. - Das ist ganz kurz die vollwahre Bedeutung der ersten Erscheinung.
   03] Was aber da betrifft die zweite Erscheinung, so zeigte sie das Vollmaß der Sündengreuel dieses Volkes an, das nun am hellsten Tage, der über ihm aufgegangen ist, dennoch in aller Finsternis wandelt und auch fortan wandeln will. Und darum wird es nach seinen Taten die Früchte ernten, und das in der Zeit, die Ich dir, Freund, schon draußen im Freien kundgegeben habe, nämlich zwischen vierzig und fünfzig Jahren, und Ich setze noch einen außerordentlichen Geduldstermin von höchstens noch zehn und sieben Jahren hinzu; dann wird es aber auch gänzlich aus sein mit diesem Volke für alle Zeiten der Zeiten. Und das sage Ich euch: Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen und morsch und brüchig werden wie ein altes Kleid; aber diese Meine Worte werden erfüllt werden und ewig nimmerdar vergehen!
   04] Denn Ich bin der Herr. Wer will mit Mir rechten und will mit Lanzen und Schwertern gegen Mich ziehen?! Ja, sie werden auch noch das tun, und dieses Mein Fleisch wird wohl am Kreuze den Tod finden; aber eben das wird ihr Maß voll machen und ihren Untergang unwiderruflich besiegeln. Denn die Blindheit will herrschen und töten ihren Gott. Und das wird sie tun in wahrlich nicht gar langer Zeit, und es wird ihr auch diese Greueltat zugelassen werden, damit ihr Untergang für alle Zeiten der Zeiten ein vollkommen sicherer und unausbleiblicher werde. Doch was diesem Volke zum Untergange dienen wird, das wird euch dienen zum größten Heile und zur vollendetsten Erlangung des ewigen Lebens.
   05] Machet euch aber nun alle nichts daraus, da Ich euch das zum voraus gesagt habe; denn diese arge Brut da unten kann wohl diesen Meinen Leib töten, aber nicht Den, der in Mir lebt und ewig wirkt und schafft und ordnet. Ich werde aber auch den Leib wahrlich nicht im Grabe lassen; denn schon am dritten Tage werde Ich auch diesen Leib wieder erwecken und werde dann wieder bis ans Ende der Zeiten mit denen umgehen, die an Mich glauben, Mich lieben und Mein Wort halten werden. Und ihr, Meine Brüder, werdet Mich sehen und Mich sprechen können so wie jetzt, da Ich noch im unverklärten Fleische unter euch wandle.
   06] Wenn ihr nun das alles wohl überdenket, so werdet ihr es alle wohl einsehen, daß die zweite traurige Erscheinung ihren vollen und lebendigen Grund hat. Sage von euch aber ja keiner: "Herr, das könntest Du mit Deiner Allmacht wohl abändern!" oder: "Das könntest Du anders machen!" Denn wahrlich sage Ich es euch, daß Ich nun ohnehin das Alleräußerste tue, was Meine ewige und höchste göttliche Weisheit Mir zeigt, und es hilft diesem Volke da unten dennoch nichts mehr; denn es ist durch die eigene, unnennbare Bosheit so verstockt, daß ihm auch keine Gottesmacht mehr helfen kann.
   07] "Ja", denket ihr und saget es in euch, "ja, wie sollte denn so etwas möglich sein? Gott muß ja alles machen können, was Er nur immer will!" Ja, das kann Gott fürwahr. Aber bei der vollendetsten Freiheit des menschlichen Willens kann und darf Gott nie und nimmer tun, was Er will; denn würde Gott da nur im geringsten dem menschlichen Willen in die Quere treten, so würde der Mensch eine Kinderpuppe, an der Schnur des fixen göttlichen Willens geführt, und könnte dabei ewig nie zu einer Lebensselbständigkeit gelangen. Kann er aber zu dieser aus sich nicht gelangen, so ist es mit dem ewigen Leben seiner Seele notwendigerweise auch für ewig gar.
   08] Der Mensch muß also seine vollkommenste Willensfreiheit haben, die nur durch äußere Gesetze und durch den selbstischen (freiwilligen) Gehorsam zu seinem wahren Vorteile gelangen kann, und dabei darf die göttliche Allmacht wenig oder eigentlich schon gar nichts zu tun haben und muß darum dem Menschen des selbständigen Lebens wegen alles zulassen, wonach es ihn gelüstet, und also auch nun sogar die Tötung Meines allerunschuldigsten Fleisches.
   09] Und weil diese Menschheit hier in Jerusalem das Gottesgesetz nahe ganz verworfen hat und dafür ihr mehr zusagende und ihren Weltinteressen sehr dienende Satzungen aufgestellt hat, die Meinen Satzungen, durch Moses und durch die Propheten den Menschen gegeben, schnurstracks zuwiderlaufen und sie ganz verdrängen wollen, Ich aber nun wider sie und ihre große Ungerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen zeuge, so hassen sie Mich und wollen Mich töten um jeden Preis der Welt. Ja, es wird ihnen auch das zugelassen werden; aber dann wird ihr Maß der verübten Greueltaten auch voll sein, und es wird dann an diesem Volke geschehen in der Fülle, was ihr als zweite Erscheinung ehedem gesehen habt.«
   10] Sagte nun Nikodemus: »Herr und Meister, ich bin nun der Meinung, daß die zwei Erscheinungen die Templer sehr nüchtern gemacht haben dürften, und sie werden sich in der Folge wohl hüten, die Hände an jemand zu legen; denn ich habe es im Tempel gar deutlich vernommen, wie das Volk den höchst verlegenen Priestern vorhielt, wie Gott sie nun alle richten werde, weil eben sie als Priester die meisten Propheten bis auf Zacharias und Johannes herab getötet haben! Und sogar der Hohepriester schwieg und getraute sich nicht, dem Volke etwas zu erwidern, obwohl es seine dargebrachten Opfer ganz keck vom Tempel zurückforderte, was sonst für ein übergroßes Verbrechen angesehen wird. Und weil ich das selbst noch beobachtet habe, so bin ich der Meinung, daß sie Dir, o Herr und Meister, nicht mehr gar so besonders gehässig und aufsässig sein werden. Sie werden sich sehr Zeit lassen, Dir feindlich zu begegnen! Zugleich ist dem Tempel durch einen Obersten von seiten des hohen römischen Gerichts in bezug auf das Jus gladii (Schwertrecht) eine äußerst scharfe Verwarnung zugekommen, und diese möchte ihnen wohl für alle Zeiten die Lust und den Eifer benehmen, je mehr jemanden ohne ein römisches Gerichtsurteil zum Tode zu verurteilen.«
   11] Sagte Ich: »Das werden sie auch nicht tun; aber sie werden in ihrer Wut und Mordlust so lange dem römischen Richter in den Ohren liegen und bezahlte Zeugen in solcher Menge über ihr Opferlamm vorbringen, daß am Ende der Richter das wird tun müssen, was sie werden haben wollen. Es glaubt zwar schon viel Volkes an Mich und an Meine Lehre, aber der Tempel hat dennoch einen großen, wennschon gänzlich blinden Anhang, und mit dem kann er noch alles bewirken. Daß aber der Tempel noch einen starken Anhang hat, das beweist die beinahe unzählige Menschenmenge, welche an den Festen zum Tempel wallfahrtet. Diese großen und menschenreichen Wallfahrten aber bezeugen ja mehr denn zur Übergenüge, wie viele noch am Tempel hängen, und wie viele Blinde es noch im ganzen Judenlande gibt, die dadurch Gott einen wohlgefälligen Dienst zu erweisen wähnen, so sie ganz gewissenhaft das tun, was ihnen vom Tempel aus geboten wird. Wenn du dir das so recht vor Augen stellst, so wirst du für das Leben Meines Leibes nun noch sehr wenig Bürgschaft unter den Juden finden.«


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