Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 034. Kapitel: Das achte Gebot. Jesu Auslegung.

   01] Hier faßte das Mädchen mehr Mut und sagte zu Mir ganz zutraulichen Blickes: »Ja, Du mein allerliebenswürdigster Herr, wenn ich Dich, der Du mir so unendlich tief ins Herz hineingewachsen bist, nur etwa nicht beleidigen würde, so möchte ich Dir schon noch etwas sagen übers achte Gebot; aber vor Dir, o Herr, - Jehova nun leibhaftig vor uns - muß man sich sehr zusammennehmen, daß man Deiner inneren, göttlichen Heiligkeit ja nicht zu nahe tritt! Und da ist es etwas hart und schwer, so ganz von der Leber weg zu reden!«
   02] Sagte Ich: »O du herzliche, liebe Seele, das hast du von Mir aus wahrlich ewig nie zu fürchten; darum rede du nun nur ganz keck von der Leber weg!«
   03] Sagte Helias mit einem äußerst liebfreundlichen Gesicht: »O Herr, wer Deinen Willen tut, der sündigt nicht, und so will ich denn reden! Das achte Gebot lautet ganz einfach: a "Du sollst kein falsches Zeugnis geben!" Und weil in der Schrift nicht näher bezeichnet ist, über wen alles man kein falsches Zeugnis geben soll, so versteht sich das ja auch schon von selbst, daß man auch über sich selbst kein falsches Zeugnis geben soll. Denn das hat mir mein alter Rabbi gar sehr oft gesagt, daß die Lüge eine allerabscheulichste Sünde ist; denn von ihr stammt alle böse List, aller Betrug, aller Zwist, Zank, Hader, Krieg und Mord. Man soll allzeit die Wahrheit im Munde führen und reden, was man ganz bestimmt weiß und fühlt, und sollte das auch irgendwann zu unserem irdischen Nachteile gereichen! Denn ein wahres Wort hat vor Gott einen viel größeren Wert als eine ganze Welt voll Gold und Edelsteine. Es ist somit auch ein jedes unwahre Wort über sich selbst ein von Gott verbotenes falsches Zeugnis. (a 2. Mose.20,16; 2. Mose.23,01; Epheser.04,25 )
   04] Und ich nehme somit auch hier gar keinen Anstand, Dir, o Herr, gerade ins Angesicht zu sagen, daß ich Dich wirklich über gar alles liebe! Oh, dürfte ich Dich so an mein Herz drücken, wie ich möchte, oh, so könnte ich sterben vor süßester Wonne! Sieh, o Herr, hier habe ich über mich selbst sicher kein falsches Zeugnis gegeben! Und wie ich über mich kein falsches Zeugnis ablege, so lege ich auch über meinen Nächsten nie ein falsches Zeugnis ab! Und es muß dahinter ebenso der siebente Geist Gottes tätig sein wie bei den anderen Gesetzen. - O Herr, habe ich Dich jetzt etwa doch nicht irgend beleidigt?«
   05] Sagte Ich: »O mitnichten, du Meine liebe Tochter; denn wie sehr du Mich auch immer liebst, so liebe Ich dich dennoch um ein dir Unbegreifbares mehr! Mit unserer gegenseitigen Liebe wären wir beide denn nun schon ganz im reinen, aber mit dem achten Gebote noch nicht so völlig! Und so höre denn. Ich will dich auf etwas noch aufmerksam machen!
   06] Du würdest zum Beispiel von irgendeinem Richter befragt werden, ob du ein geheimes, großes Verbrechen, das etwa ein dir sehr teurer und liebster Anverwandter begangen hätte und von dem du wohl eine Kenntnis haben könntest, nicht näher kennest, und ob du nicht angeben könntest, wo sich der Verbrecher aufhalte, weil man seiner noch nicht habe habhaft werden können. Nun setze Ich bei dir aber den Fall, daß du sowohl über das Verbrechen deines sehr nahen Anverwandten, wie auch über seinen verborgenen Aufenthalt in ganz genauer Kenntnis wärst! Was würdest du dem Richter sagen, der dich darum befragt hat?«
   07] Sagte ganz beherzt die Helias: »Herr, so auch dieses achte Gebot auf der reinen Nächstenliebe fußt, da man nur darum über niemand ein falsches Zeugnis geben soll, um ihm dadurch nicht zu schaden, so kann doch umgekehrt dieses achte Gebot nicht eine Bedingung aufstellen, daß man dann durch eine rücksichtsloseste Wahrheit seinem Nächsten schaden soll! In einem solchen Falle würde ich mit der Wahrheit ewig nicht zum Vorschein kommen! Denn wem kann ich dadurch nützen? Dem strafsüchtigen Richter sicher nicht, weil er dabei nichts gewinnen kann, ob er den armen Verbrecher in seine Hände bekommt oder nicht, und dem armen Verbrecher, der sein Verbrechen irgend bereut und sich ernstlich bessert, noch weniger! Denn so ich ihn in die Hände des Richters liefere, dann ist er verloren vielleicht für ewig, was ich sogar dem nicht wünschen würde, der an mir selbst ein Verbrechen begangen hätte. Also in dem Falle würde ich der Wahrheit offenbar den Rücken zuwenden und an dem armen Verbrecher selbst um den Preis meines Lebens keine Verräterin machen!
   08] Wenn nach Deiner Erklärung, o Herr, die Nächstenliebe darin besteht, daß man seinem Nächsten alles das tun soll, was man wünschen kann, daß er es auch unsereinem tun möchte, so kann mir selbst der allergerechteste Gott nicht verargen, wenn ich sogar meinem größten Feinde das nicht antun mochte, was ich in seiner Lage sicher auch nicht wünschen könnte, daß ein anderer Nächster an mir einen Verräter machte. Zudem bedarf Gott, um irgendeinen groben Sünder zu züchtigen, weder eines weltlichen Richters und noch weniger eines verräterischen Leumundes. Er, der Allwissende, der - Allergerechteste und Allmächtige, wird den Verbrecher schon auch ohne einen Weltrichter und ohne meinen Mund zu züchtigen verstehen! Es ist Ihm bis jetzt noch keiner durchgegangen, und so wird Ihm auch in der Folge keiner durchgehen!
   09] Nun aber frage ich Dich, o Herr, ob Isaaks Weib dadurch vor Gott gesündigt hat, daß sie den alten blinden Isaak dadurch offenbar belog und betrog, daß sie ihm zur Erteilung und Gewinnung des Vatersegens den zweitgeborenen Sohn Jakob für den erstgeborenen rauhen Sohn Esau hinstellte! Ich halte das für einen offenbaren Betrug, und doch sagt die Schrift, daß solches nach dem Willen Jehovas geschah. War aber das recht und gerecht vor Gott, so wird es auch recht und gerecht vor Dir, o Herr, sein, so ich da mit der Wahrheit innehalte, wenn ich durch sie meinem Nächsten, der mir sogar niemals ein Leid angetan hat, nichts nützen, sondern nur ungeheuer schaden muß!
   10] Ich bin nun der Meinung, daß, wenn Gott und Moses in dem achten Gebot keine Ausnahme gestellt haben, eben in diesem Gebote eine große Lücke offengeblieben ist, die allein durch Dein Gebot der Nächstenliebe ausgefüllt werden kann und auch ausgefüllt werden muß. - Habe ich recht oder nicht?«
   11] Sagte Ich: »Einesteils wohl, aber andernteils auch wieder nicht! Denn siehe, der Verbrecher wäre nach seiner Flucht kein besserer Mensch geworden, sondern würde, dir etwa nicht unbekannt, noch mehrere und größere Verbrechen zum Schaden vieler Menschen verüben! So du aber dann dem Gerichte kundtätest, wo sich der Verbrecher aufhält, damit dann das Gericht sicher nach ihm fahnden kann, so würdest du dadurch ja viele Menschen vor großem Unglücke retten und ihnen dadurch einen großen Liebesdienst erweisen. Was meinst du zu diesem sehr leicht möglichen Falle?«
   12] Hier stutzte die Helias und wußte nicht so ganz recht, was sie darauf erwidern sollte. Erst nach einer Weile tieferen Nachdenkens sagte sie: »Nun, wo eines schlechten und unverbesserlichen Menschen wegen viele Unschuldige leiden müßten, da sagt die Vernunft, daß es besser sei, so dieser eine wohlverdientermaßen leidet. Da ist es dann eben wieder infolge der wahren Nächstenliebe angezeigt, die Wahrheit, wenn sie verlangt wird, zu reden. Ob man aber bei solch einer Angelegenheit einen freiwilligen Verräter machen soll, das hast Du, o Herr, allein zu bestimmen!«
   13] Sagte Ich: »Dazu sei von Mir aus niemand verhalten (angehalten, aufgefordert), sondern das steht euch frei! Und so gehen wir zum neunten Gebote über! Wie lautet es?«


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