Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 030. Kapitel: Die Kritik der Helias über das vierte Gebot.

   01] Sagte die Helias: »Herr, so ich das tue, was Du von mir verlangst, da sündige ich sicher nicht, und so will ich denn auch ganz offen meine am Gesetze und an den Propheten gefundenen Lücken und Mängel kundtun!
   02] Siehe, den ersten und mir ganz bedeutend vorkommenden Mangel und eine große Lücke am Gesetze merkte ich, und zwar als ein früh reif und ziemlich klar denkendes Kind, gleich am vierten Gebote Mosis darin, daß der Mann Gottes wohl den oft noch sehr begriffmageren und schwachen Kindern die Liebe, den Gehorsam und die Ehrfurcht zu und vor den Eltern einschärft, aber dagegen den Eltern gegen ihre Kinder im Gesetze nahe gar keine Verpflichtung auferlegt! Und so sieht denn solch ein Gesetz doch ein wenig sonderbar aus, zumal es denn im allgemeinen doch nur zu oft Eltern gibt, deren Kinder oft schon in der Wege vernünftiger und besser waren als ihre gar dummen und mit allen Schlechtigkeiten vollgefüllten Eltern.
   03] Ein Kind hat oft einen von Natur aus guten und edlen Sinn und könnte, wenn es im selben fortgebildet würde, eben auch zu einem guten und edlen Menschen werden, aber da muß das Kind nach dem Gesetze Mosis nun ein für alle Male seinen dummen und bösen Eltern strengweg und ohne jede vernünftige Ausnahme gehorchen und am Ende ebenso dumm und böse werden, als wie dumm und böse da des Kindes Eltern sind. Da hätte der Mann Gottes wohl schon auch von einer rechten Pflicht der Eltern gegen ihre Kinder etwas einfließen lassen können, nach deren gewissenhafter Erfüllung erst die Kinder auch ihren Eltern als gegenverpflichtet zu bezeichnen gewesen wären.
   04] Oder sind nach Moses auch Kinder der Räuber aus schuldigem Gehorsam gegen ihre Eltern verpflichtet, sie zu lieben, zu ehren und in die Fußstapfen ihrer Alten zu treten? Wenn - was sich schon gar oft ereignet hat - vernünftige Kinder böser und arger Eltern, deren schwarzes Tun und Treiben den noch mehr unschuldigen Kindern auffallen und mißfallen mußte, darum eben solchen argen Eltern Liebe und Gehorsam versagten, sie verließen und Gelegenheit suchten, sich anderorts unter besseren Menschen selbst zu besseren Menschen umzugestalten, - haben solche Kinder sich dadurch auch versündigt am Mosaischen Gesetze, weil sie nicht auch aus Liebe und Gehorsam zu ihren Eltern selbst Diebe, Räuber, Mörder, Heuchler, Betrüger und Lügner werden wollten?
   05] Wenn Moses und die Propheten auch da solchen besseren Kindern eine Strafe bestimmen und ihnen ihre Unliebe und ihren gerechten Ungehorsam gegen ihre bösen Eltern zur Sünde rechnen, so sind Moses und alle die Propheten noch um tausend Male dümmere und blindere Menschen gewesen denn ich und haben mit ihren Schriften und Weissagungen der göttlichen Weisheit wahrlich keine absonderlich große Ehre gemacht! - Herr, bin ich darum schlecht, weil ich das Gesetz Mosis und der Propheten also beurteilt habe?«
   06] Sagte Ich: »Oh, durchaus nicht, weil du da ganz recht und richtig geurteilt hast! Aber dennoch ist deine Kritik darum nicht völlig in der Ordnung, weil Moses durch Meinen Geist nur zu klar einsah, daß es eben nicht nötig ist, den Eltern noch eigens die Liebe zu ihren Kindern zu gebieten, weil solche den Eltern ohnehin im Vollmaße schon von Mir aus gewisserart instinktmäßig eingepflanzt worden ist, was aber eben bei den Kindern, die erst in die Schule dieses irdischen Lebens gekommen sind, nicht so sehr der Fall sein kann, weil diese erst für die rechte und wahre Liebe erzogen werden müssen.
   07] Darum kommt ja eben auf dieser Erde ein jeder Mensch so schwach und ganz ohne Erkenntnis und Liebe ins Weltleben, daß er sich dann in aller wie immer gearteten Zwanglosigkeit, als wäre er von Gott ganz verlassen, durch äußere Lehre, durch Gesetze und durch seinen freiwilligen Gehorsam zu einem freien und ganz selbständigen Menschen bilde.
   08] Und sieh, darum müssen denn auch nur besonders den Kindern zumeist Lehren und Gesetze gegeben werden und nicht sosehr den Eltern, die einst auch Kinder waren und durch die Lehren und Gesetze, für Kinder gegeben, erst zu freien und selbständigen Menschen geworden sind!
   09] Was aber insbesondere die Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder betrifft, so haben Moses und die Propheten schon in den staatlichen Gesetzen dafür gesorgt, die du freilich noch nicht gelesen hast. Aber es ist da rechtzeitig schon für alles gesorgt, und es können sich zwei nicht wohl ehelichen, wenn sie dem Priester nicht zuvor dartun, daß sie in den zur Ehe nötigen staatlichen Gesetzen wohlbewandert sind.
   10] Und so siehe, du Meine liebe Helias, daß deine Kritik in bezug auf das vierte Gebot Mosis eben nicht zu sehr in der rechten Ordnung war, und Ich habe nun die Lücken und Mängel beseitigt. Aber du fahre nun mit deiner Kritik nur auch über die anderen Gesetze fort, und Ich werde dir dann schon wieder sagen, inwieweit du recht oder auch nicht recht hast!«
   11] Sagte Helias: »O Herr, warum soll ich da meine dumme Kritik noch weiter fortsetzen? Denn ich sehe es nun ja schon im vorhinein nur zu klar ein, daß Du mir abermals haarklein zeigen wirst, wie ganz unrichtig und geistlos ich geurteilt habe.«
   12] Sagte Ich: »Nun, was kann dir oder jemand anderem das wohl schaden? Denn darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, auf daß Ich euch von allen den vielen Irrtümern frei mache durch das lebendige Licht der Wahrheit. Kommst du mit deinen scheinbar recht wohl begründeten Bemängelungen des Gesetzes und der Propheten nicht an das Tageslicht, so bleiben sie in dir und können noch gar wohl verkümmern das Leben deiner Seele; entäußerst du dich aber ihrer, so bist du auch von ihnen los, und das Licht der ewigen Wahrheit wird dafür Wohnung nehmen in deinem Herzen. Daher rede und kritisiere du nur fort, und das ohne irgendeinen Rückhalt, und Ich werde dir dann schon wieder ein rechtes Licht geben! Denn sieh, es ist das sogar eben jetzt recht notwendig, weil viele hier sind, die schon lange gleich wie du Moses und die Propheten bemängelt haben! Daher öffne du nur wieder deinen schönen Mund und rede mit deiner gewandten Zunge!«


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