Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

7. Kapitel: Römer Agrikola verhört einen Tempelobersten

   01] Ich hatte dieses kaum ausgesprochen, da nahte sich schon eine bedeutende Schar, die den Unglücklichen grausamst in ihrer Mitte daherschleppte.
   02] Ich aber sagte zu Agrikola: »Nun gehen wir beide diesen Schergen, die von einem Tempelobersten angeführt werden, entgegen!«
   03] Wir kamen ihnen gerade noch am Ausgange des großen Tores entgegen, und Ich legte dem Römer die zu redenden Worte in den Mund, und der sagte zu dem Obersten mit der gewaltigen, ernstesten Stimme und Miene eines Römers (der Römer): »Was gibt es hier?«
   04] Sagte der Oberste: »Wir haben das alte Recht von Moses, auch das Jus gladii, und können es gegen einen gar großen Frevler auch aus eigener Macht in Vollzug setzen!«
   05] Sagte der Römer: »Ich bin aber als erster kaiserlicher Gesandter aus Rom nun hierhergekommen, um eure vielen Mißbräuche der euch von Rom gegebenen Privilegien zu untersuchen! Wo habt ihr das Urteil eines Weltrichters?«
   06] Diese Frage kam dem Tempelobersten sehr ungelegen, und er sagte (der Oberste): »Zeige du mir zuvor, daß du wirklich ein Gesandter aus Rom bist; denn es könnte sich bald jemand als ein Römer verkleiden und uns im Namen des Kaisers neue Gesetze vorschreiben!«
   07] Hier zog Agrikola eine Pergamentrolle aus einer goldenen Büchse hervor, die mit allen Insignien versehen war, die den Obersten keinen Augenblick im Zweifel ließen, daß der Vorweiser eines solchen Dokumentes ein mächtig-hoher Römer sei.
   08] Hierauf aber fragte Agrikola, mit großem Ernste sagend: »Nun, ich habe dir das verlangte Dokument auf dein Begehren sogleich vorgewiesen; wo hast du nun das von mir verlangte weltrichterliche Urteil über diesen Verbrecher?«
   09] Sagte der Oberste: »Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß der Tempel von Moses aus das alte Recht hat, einen großen Frevler am Tempel mit dem Tode zu bestrafen, und dieses Recht ist nun auch von Rom aus sanktioniert, und somit handelt der Tempel recht, wenn er zum abschreckenden Beispiele einen solchen Verbrecher an Gott und Seinem Tempel durch den Tod mittels der Steinigung, die Moses verordnet hat, bestraft!«
   10] Sagte Agrikola, immer ernster werdend: »Stand dieser Tempel auch schon zu den Zeiten Mosis?«
   11] Sagte der Oberste: »Das eben nicht; aber Moses war ein Prophet und wußte in seinem Geiste sicher davon, daß Salomo, der weise und große König, Gott einen Tempel erbauen werde, und es ist sonach ein Frevel gegen den Tempel und seine höchst geheiligten Einrichtungen ebensosehr strafbar wie ein Frevel gegen Gott Selbst!«
   12] Sagte Agrikola: »Warum hat denn hernach Moses selbst für derlei Vorfälle eigene Richter aufgestellt und gab solch ein Gericht nicht in die Hände der Priester? Wie seid denn ihr nun auch zu Richtern über Tod und Leben eines Menschen geworden? Moses hat euch nur zu Priestern gemacht, und Rom hat nun dafür, daß es gleich euren Weltrichtern zu eures Königs Saul Zeiten sich dasselbe Recht nahm, euch allen auch ein weltliches Richteramt gegeben, und das mit der ausdrücklichen Weisung, daß wie immer geartete Verbrecher, besonders die, die den Tod verdient haben, allzeit dem Weltrichter des Ortes zu übermitteln sind, und daß kein Priester sich dann weiter darum zu kümmern habe, was das Gericht über den Verbrecher verfügen mag. Euch kommt es daher niemals zu, je jemanden zu richten, zu verurteilen und am Ende gar selbst Hand an ihn zu legen!
   13] Daher lasset nun diesen euren Verbrecher augenblicklich los! Ich selbst werde ihn vernehmen und daraus ersehen, ob sein Verbrechen wohl den Tod verdient hat oder nicht; und wehe euch, wenn ich da eine Ungerechtigkeit von eurer Seite gegen diesen Menschen finde!«
   14] Auf diese scharfe Androhung ließen die Tempelschergen und Knechte den Verbrecher los und stellten ihn vor Agrikola hin.
   15] Und der Oberste sagte: »Da ist der Bösewicht! Erforsche ihn selbst! Ich und alle diese Knechte aber sind hoffentlich Zeugen zur Genüge und können wider sein hartnäckiges Leugnen auftreten!«
   16] Sagte Agrikola: »Ganz wohl; aber ich habe eben hier einen höchst wahrhaftigen Zeugen an meiner Seite und erkläre euch hiermit zum voraus, daß ich jede Lüge, sowohl von seiten dieses Verbrechers wie auch von eurer Seite, auf das allerschärfste ahnden werde! Aber noch schärfer werde ich mit denen verfahren, die über diesen Armen etwa gar ein boshaftes und somit höchst strafbares Urteil gefällt haben!«
   17] Auf diese eben nicht sehr freundliche Anrede des Römers wurde der Oberste samt seinen Knechten von einer großen Angst befallen, und der Oberste machte Miene, sich zu entfernen, und auch die Knechte sagten: »Was haben wir dabei zu tun? Wir haben keinen Willen, sondern wir müssen selbst dem Willen des Tempels gehorchen. Der Oberste soll diese Sache mit dir, hoher Gebieter, selbst aus- und abmachen! Wenn ein Verbrecher zu bestrafen ist, so sind wir die tätlichen Vollstrecker des Urteils; warum aber jemand im Grunde des Grundes verurteilt worden ist, davon wissen wir selbst nichts anderes und weiteres, als was uns von den Richtern nur stets ganz kurz mitgeteilt worden ist. Wie könnten wir da nun gegen oder für diesen Verbrecher zeugen? Darum laß uns, du hoher Gebieter, weiterziehen!«
   18] Sagte darauf Agrikola: »Das geht hier durchaus nicht an, sondern ihr bleibet des Obersten wegen, also wie auch der hier verbleiben muß, bis ich den Verbrecher werde vernommen haben!«


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