Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 57

Die Springflut.

   01] Am Morgen des Nachsabbats aber standen wir früh auf, und Ich ging mit einigen Jüngern ins Freie, wie Ich das gewöhnlich beinahe überall zu tun pflegte. Es war ein heiterer und schöner Frühlingsmorgen, und es war zu verwundern , wie das Meer bei einer nahezu völligen Windstille so hohe Wogen trieb.
   02] Der Wirt, der auch bald zu uns kam, fragte Mich, selbst ganz erstaunt, über die Ursache solch einer mächtigen Bewegung des Wassers, da doch nirgends von einem Winde etwas zu merken sei.
   03] Ich aber sagte zu ihm: »Glaube es, Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, und so geschieht auch hier nun diese starke Wasserbewegung, weil Ich sie also haben will! Ich aber habe einen Grund dazu, von dem du dich später selbst überzeugen wirst.«
   04] Sagte der Wirt, nun noch mehr erstaunt: »Herr, daß Dir alle Kräfte und Mächte der Natur untertan sind, das weiß ich ganz klar und gut; aber daß Du mit dieser Aufregung des Meeres auch einen geheimen Grund verbunden hast, das ist mir neu, zumal in dieser sonst so heiterschönen Morgenstunde. Die Wogen kommen immer mächtiger und höher! Es wird beinahe notwendig werden, daß ich die Schiffe besser verwahre und auch die Fischbehälter, ansonsten da wahrlich ein Schaden geschehen kann!«
   05] Sagte Ich: »Laß das nur gut sein; denn es wird weder deinen Schiffen noch deinen Fischen etwas Schadenbringendes begegnen. Aber denen, die in einer argen Absicht nun zu Schiffe auf dem Wasser sind, denen wird es nicht gar behaglich zumute werden. Sie sollen zwar nicht von den Wogen verschlungen werden, aber ihr böser Mut soll sich nach der sehr mühsamen Erreichung eines Ufers sehr abgekühlt gestalten!«
   06] Fragte der Wirt: »Wer wohl sollten die Argen sein, und was haben sie im Sinne?«
   07] Sagte Ich: »Du weißt es, daß Ich voriges Jahr am Laubhüttenfest in Jerusalem war und da im Tempel gelehrt habe von Meiner Sendung das Volk, nachdem Ich zuvor noch den 38 Jahre lang krank gewesenen Menschen am Teiche Bethesda geheilt hatte, und nachher noch eine Menge um Jerusalem und Bethlehem. Viel Volkes ward darum gläubig, was die Templer wohl erfahren haben, wie auch, daß Mir viel Volkes nachgefolgt ist. Deshalb haben sie in ihrem Grimme nun wieder beschlossen, Mir nachzustellen, Mich zu ergreifen und auch sogleich zu töten. Sie stellen alsonach Mir nach dem Leben. Aber Meine Zeit ist noch nicht da, und so bereite Ich ihnen nun ein Hindernis, Mir nachzukommen, Mich zu ergreifen und zu töten. Und darin liegt der Grund dieser nun so großen und starken Wogenbewegung des Meeres. - Kennst du dich nun aus?«
   08] Sagte der Wirt: »O ja, wenn also, da solle das Meer nur noch mehr zu wüten beginnen! Es solle dazu auch ein recht mächtiger Sturmwind sich gesellen, da würden die Argen erst so recht zu verspüren anfangen, wie Gott ihre arge Mühe zu lohnen versteht!«
   09] Sagte Ich: »Oh, ein Sturmwind käme ihnen, da sie ein sturmsicheres Schiff haben, gerade recht gut zustatten; denn der würde sie gar bald an ein sicheres Ufer bringen. Aber diese windlose Springflut bringt sie erst ganz vollkommen zur Verzweiflung; denn sie kommen da sogar mit dem kräftigsten Rudern nicht vom Flecke, weil jede Woge das Schiff wieder auf seinen früheren Standpunkt zurückwirft und es ihnen dabei so ergeht wie einem Wanderer, der über ein Geröll auf die Höhe eines Berges kommen will. Bei jedem Schritte gibt es nach, und der Wanderer gleitet dahin zurück, wo er zuvor gestanden ist. Daher ist diese Art Meeresbewegung für Meine Verfolger schon ohnehin die beste und dienlichste. - Aber lassen wir nun das und gehen nachsehen, was unser Morgenmahl macht!«
   10] Sagte der Wirt: »Herr, es wird schon bereitet sein; aber ich habe den Dienern aufgetragen, uns zu rufen, wenn alles bereitet ist, und sieh, da kommt schon einer vom Hause herab und bringt uns den Ruf, uns zum Morgenmahle zu begeben, und so wollen wir denn auch gehen!«
   11] Sagte Ich: »Du irrst dich, - der bringt uns nur die Nachricht, daß die Jünger sich nach Mir erkundigt hätten und erfahren möchten, wohin Ich gegangen sei. Denn es ist unter ihnen eine kleine Meinungsverschiedenheit ausgebrochen, und da soll Ich sogleich einen Schiedsrichter machen unter ihnen. Aber nun lassen wir sie nur noch ein wenig wortwechseln; es ist hernach noch Zeit zur Genüge, sie alle auf den rechten Weg zu führen.«
   12] Sagte der Wirt: »Über was mögen sie denn doch in eine Meinungsverschiedenheit geraten sein?«
   13] Sagte Ich: »Oh, über etwas ganz Kleines! Die etlichen Meiner alten im Hause gebliebenen Jünger wurden von den zwanzig neuen um die Ursache dieser starken Meeresbewegung befragt, und die alten Jünger sagten, daß diese windlose Meeresbewegung sicher wunderbarerweise allein von Mir veranlaßt sein werde irgendeines geheimen Grundes wegen. Allein das wollen ihnen die neuen Jünger nicht so recht gelten lassen und sagen: 'Wir wissen es wohl, daß alles Geschehen und Werden allein von Gott dem Herrn abhängt; aber dessenungeachtet hat Er in der Natur geheime Kräfte bestellt aus Seiner Ordnung, Gerechtigkeit und Weisheit, die da wirken nach Seinem Willen. Er regt die Kräfte durch Seinen Willen freilich zuerst an; aber da wirken die bestellten Kräfte unmittelbar und Gott durch sie nur mittelbar. Daß alles Schwere in die Tiefe falle, das hat ursprünglich Gott also angeordnet; aber nun treibt die also bestellte Kraft die eigene Körperschwere von selbst in die Tiefe. Also hat Gott ursprünglich das Wasser schwer und flüssig gemacht. Diese von Ihm gegebene Eigenschaft ist nun eben auch die geheime Kraft des Wassers, die es von der Höhe gegen die Tiefe unaufhaltsam fortfließen macht, ohne daß Gott dabei stets Hand uns Werk legen und das Wasser in den Bächen, Flüssen und Strömen fortschieben müßte. Und also wird es nun auch bei dieser windlosen Meeresbewegung sein; nur ist sie eben wegen der gänzlichen Windstille auffallender denn eine durch einen starken und mächtigen Orkan erregte.' Sie fragten darum eben die schon um vieles erfahreneren Jünger, durch welch eine geheime Kraft Gott nun diese Meeresbewegung hervorgerufen haben möge.
   14] Die alten Jünger aber behaupten steinfest, daß diese Bewegung nicht mittelbar, sondern ganz unmittelbar durch die Macht Meines Willens hervorgerufen sei. Nun aber haben die Neujünger in ihrer Art recht und die Altjünger auch, und dafür brauchen sie Mich als einen entscheidenden Schiedsrichter. Und daher wollen wir uns denn auch zu ihnen begeben und sie einen in Recht und Wahrheit!«
   15] Darauf begaben wir uns sogleich ins Haus, von dem wir ohnehin höchstens bei tausend Schritte entfernt waren.
   16] Als wir ins Haus kamen, da begrüßten Mich alle Jünger und trugen Mir sogleich ihren Streit vor.
   17] Ich aber sah sie alle freundlich an und sagte: »Ihr streitet um den Wert einer Schafwollocke! Ihr Neujünger habt recht, - aber nun die Altjünger auch; denn im allgemeinen habt ihr Neujünger recht, und nun in diesem besonderen die Altjünger. Denn diese euch nun so ganz sonderbar vorkommende Meeresbewegung rührt nicht von einer Mittelskraft her, sondern unmittelbar von Meinem Willen.
   18] Auf daß ihr aber das noch fühlbarer merken möget, so sehet hinaus auf das Meer, das nun in einer durchaus (durchweg) gleich starken Bewegung ist! Ich werde einem kleinen Teile hier in der Ufernähe gebieten, in eine vollkommene Ruhe zu treten, und ihr werdet dann doch einsehen, daß Gottes Wille auch unmittelbar etwas zu bewirken vermag.«
   19] Ich stillte bloß durch den Willen einen zweihundert Acker großen Teil des Meeres also, daß es spiegelglatt dalag, während außerhalb dieses Spiegels das Meer noch ärger tobte denn zuvor. Als die Neujünger das ersahen, fielen sie vor Mir nieder und wollten Mich anzubeten anfangen.
   20] Ich aber sagte zu ihnen: »Lasset das nur gleich ganz gut sein! Denn darum bin Ich nicht in diese Welt gekommen, um Mich von den Menschen ehren und anbeten zu lassen, sondern nur, um ihnen zu zeigen die Wege der Wahrheit und des Lebens und zu helfen allen, die da Not leiden und mühselig und mit allerlei argen Bürden beladen sind.
   21] Wollt ihr aber Gott, der in Sich ein reinster Geist ist, wahrhaft anbeten, so müsset ihr Ihn durch die Liebe in euren Herzen auch im Geiste und in der Wahrheit anbeten, und zwar in der Tat durch allerlei gute Werke. Denn wahrlich, was ihr den Armen tut aus der Liebe zu Gott, das tut ihr Gott! Und daß ihr an Mich glaubet, daß Ich aus Gott gesandt zu euch gekommen bin, in diesem allein besteht die wahre Anbetung Gottes. Alles leere Lippengebet aber ist ein Greuel vor Gott und ist völlig wertlos. Wer Gott mit den Lippen ehrt, und sein Herz ist dabei kalt und untätig, der macht aus Gott einen Götzen und treibt dadurch eine wahre geistige Hurerei. Solches stehet in einem Propheten, der da spricht: 'Siehe, dieses Volk ehret Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!'
   22] Wahrlich, sage Ich euch: Wo das Herz durch die wahre und reine, uneigennützige Liebe Gott in der Tat nicht anbetet, da ist jedes Gebet ein leerer und nichts werter Schall, der in der Luft verhallt und völlig zunichte wird. Ich bin nun euer Meister, und ihr seid Meine Jünger. Was Ich euch sage, das glaubet, und was Ich euch heiße, das tuet, und folget Mir nach! Eines Weiteren bedarf es unter uns nicht.«
   23] Hierauf ließen die Neujünger von ihrer Anbeterei ab, und wir begaben uns zum wohlbereiteten Morgenmahle, das allen ganz wohl schmeckte.


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