Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 53

Die Bestimmung der Geschöpfe.

   01] Hierauf sagte der Wirt: »Ich kenne in mir selbst auch einen solchen Menschen und weiß nun auch, was ich zu tun habe. Ich will nicht reden von all den Propheten und von dem Hohenliede Salomos, - was alles ich bis jetzt noch sehr wenig oder auch gar nicht verstanden habe; aber das habe ich beim Durchlesen solcher Weisen der Vorzeit wohl oft gedacht, daß sie eben durch ihre mystische Sprache den Menschen sehr im Denken üben und ihn dadurch zu einem stets tieferen In-sich-Gehen ordentlich zwingen, und das finde ich für sehr gut. Ist man dann so recht tief in sich gedrungen, so kommt dann ein Lichtlein ums andere, und man kommt dann über so manches ins klare, was einem früher ein unentwirrbares Rätsel schien. Aber wie gesagt, ich rede hier nicht von der Unverständlichkeit der Schriften der alten Weisen und Seher, sondern von ganz natürlichen Dingen.
   02] So zum Beispiel über die wahre Bestimmung irgendeines Geschöpfes auf dieser Erde, und da haben wir gleich unsere Edelfische. Sie sind seltene und sogar sehr lebensmuntere und schöne Tiere des Wassers. Der Mensch erst erfand es, durch seinen Hunger getrieben, sie zu fangen und zu essen. Nun, ist das ihre wahre Bestimmung, von uns Menschen gefangen, getötet und sodann als ordentliche Leckerbissen gegessen zu werden?! Wenn das ihre wahre Bestimmung ist, so weiß ich nicht, was dann damals ihre Bestimmung war, als der Mensch es noch nicht erfunden hatte, die Fische zu fangen, zu töten und dann wohlzubereitet zu essen.
   03] Dergleichen Fragen hätte ich zu Tausenden, und je mehr ich darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich und entferne mich vom Lichte nur stets mehr, anstatt demselben näher zu kommen, und bei eben solchen Nachforschungen und Grübeleien kann ich über die sicher höchst weise Absicht des Schöpfers mit diesen und zahllos vielen anderen Geschöpfen nie so recht ins reine kommen. Es wäre so etwas eigentlich für uns Menschen auch gar nicht nötig; denn die Geschöpfe sind einmal da, und der gute und höchst weise Schöpfer wird es schon wissen, warum Er sie erschaffen hat.
   04] Aber der Mensch ist und bleibt ein Denker und kann in sich zu keiner Ruhe mehr gelangen, wenn er einmal so recht gedankenwach geworden ist. Und so geht es mir! Wenn ich auch weiß, daß mir all solch eitles Denken zu gar nichts nützt, so denke ich aber dennoch fort und fort, und dafür möchte ich denn auch von Dir ein wahres Heilmittel bekommen; denn mir wird ein solches Denken nun schon ordentlich lästig, und ich gäbe etwas darum, so ich davon für immer befreit werden könnte.«
   05] Sagte Ich: »Ja, du Mein lieber Freund, da ist dir freilich wohl ein wenig schwer zu helfen; denn da müßte Ich gar lange mit dir reden, um dir von allen den vielen Geschöpfgattungen den wahren Zweck ihres Daseins zu erhellen. Nur im Allgemeinen kann Ich dir so viel sagen, daß alles für den Menschen sichtbar und fühlbar Erschaffene ein gerichtetes Geistiges ist und die Bestimmung hat, durch eine lange Reihe von allerlei Formen endlich in ein freies und selbständiges Leben überzugehen.
   06] Die Formen aber beginnen schon vom Steine angefangen durch alle Mineralreiche hindurch übergängig zum Pflanzenreich, durch das gesamte Pflanzenreich wieder übergehend ins Tierreich und durch dieses hindurch bis zum Menschen und sind Aufnahmegefäße vom Leben aus Gott.
   07] Jede Form entspricht einer gewissen Intelligenz. Je einfacher jene ist, desto einfacher und geringfügiger ist auch die ihr innewohnende Intelligenz; je ausgebildeter und ausgebreitet zusammengesetzter aber du dann eine Form erschaust, desto mehr Intelligenz wirst du in derselben auch finden.
   08] Nimm zum Beispiel einen nackten Regenwurm an, und du wirst aus seinem Tun leicht erkennen, daß seine höchst geringe Lebensintelligenz mit seiner Form ganz im Einklange steht; betrachte dagegen die schon sehr komplizierte Form einer Biene, und du wirst daraus auch die um sehr vieles höhere Intelligenz in der Lebensform dieses Tierchens finden! Und so steigert sich das bis zum Menschen herauf.
   09] Da diese Formen aber nur zeitweilige Sammler und Träger eines sich stets mehr befestigenden und intelligenter werdenden Lebens sind, und da dieses im steten Aufsteigen begriffene Leben auch nach dem Maße und Verhältnisse der größeren Vereinigung der früheren, einfacheren Lebensintelligenzen die früheren Formen verläßt, so liegt nach dem wohl wenig daran, was mit der lebensleeren Form, die nichts als eine organisch-mechanische und für den Zweck der ihr innewohnenden Lebensintelligenz wohleingerichtete Hülse war, fürder geschieht. Ob also nun diese Fische von uns Menschen oder von anderen Tieren verzehrt werden, so beirrt das die große Absicht des Schöpfers nicht im geringsten, und der Endzweck des Lebens wird dennoch unvermeidbar erreicht.
   10] Daß aber in den lebensleeren Hülsen Nährteile sich befinden, ist bekannt, und es geht durch das wechselseitige Aufzehren der lebensleeren Formen auch das Edlere wieder in ein anderes Leben über, und so siehst du hier auf dieser Erde durch den ganzen, großen Kreis der Geschöpfe einen fortwährenden Kampf und Lebensumtausch bis zum Menschen herauf.
   11] Aber selbst des Menschen äußere Form, die da ist sein Leib, hat nur so lange einen Wert, solange sie von der allein lebendigen Seele bewohnt wird. Ist die Seele einmal reif geworden, dann verläßt sie für ewig den Leib, und dieser wird verzehrt. Da ist es dann ganz gleichgültig, von wem oder durch was. Was an ihm noch Substantielles und der Seele Angehöriges ist, das wird der Seele auch wieder gegeben; alles andere geht wieder als Nährstoff in tausend andere geschöpfliche Lebensformen über. Da hast du in aller Kürze eine gründliche Darstellung alles dessen, worüber du dir so viele Gedanken vergeblich gemacht hast. - Verstehst du dieses nun wohl?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 6  |   Werke Lorbers