Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 15

Die Judenpriester werden Jesu Jünger.

   01] Am Morgen noch vor dem Aufgange waren wir, das heißt Ich, die Jünger, unser Wirt und Lazarus mit dem ganzen Hause schon auf den Füßen. Des Lazarus Schwester Martha war mit ihren Helferinnen schon auf das emsigste beschäftigt, um uns ein reichliches und gutes Morgenmahl zu bereiten; Maria aber ging mit uns ins Freie und war nur Aug und Ohr wie immer, um von Mir etwas für ihr Herz und ihre Seele zu erbeuten.
   02] Als wir schon bei einer Stunde lang im Freien umhergewandelt waren, da wurden erst die Juden wach, wuschen sich nach ihrer Sitte und fragten dann eiligst, ob Ich noch schliefe.
   03] Martha aber sagte: »Oh, der Herr ist schon vor einer Stunde mit Seinen Jüngern, mit meinem Bruder, meiner Schwester und dem Wirte hinaus ins Freie gegangen und wird wahrscheinlich bald wieder zurückkehren, weil das Morgenmahl auch bald bereitet sein wird!«
   04] Sagte ein Priester: »Wohin hat Er Sich gewendet, auf daß wir Ihm nacheileten und Ihm die Nachricht brächten von dem bereiteten Morgenmahle?«
   05] Sagte Martha: »Oh, dessen hat's beim Herrn wohl nicht vonnöten; denn Er weiß es um den Augenblick, in welchem das Morgenmahl bereitet sein wird!«
   06] Als die Juden solches vernahmen, fragte einer von ihnen die Martha, sagend: »Also mußt du Ihn wohl schon länger kennen, weil du mit Seinen unverkennbar göttlichen Eigenschaften schon so sehr vertraut bist?«
   07] Sagte Martha: »Ich kenne Ihn wohl seit einer geraumen Zeit; aber es ist eben nicht sehr löblich von euch, daß ihr Ihn bis jetzt noch nicht erkannt habt!«
   08] Sagten die Juden: »Jawohl, jawohl, dieser dein Vorwurf trifft uns ganz gerecht, und wir bedauern es nun selbst, daß wir in unserem Weltgetümmel uns noch nie näher nach Ihm erkundigt haben, obwohl wir schon so manches von Seinem Treiben aus Galiläa erfahren haben. Auch kommt es uns vor, daß Er auch am Osterfeste hier in Jerusalem war und merkwürdigermaßen alle Käufer und Verkäufer aus dem Tempel trieb und den Wechslern und Krämern ihre Buden umstieß!«
   09] Sagte Martha: »Ja, ja, Er ist Derselbe, aber damals waren eure Augen noch sehr geblendet und eure Ohren und Herzen verstopft; darum habt ihr Ihn nicht erkannt!«
   10] Sagten die Juden: »Jawohl, jawohl, du hast recht; aber da wir Ihn nun erkannt haben, so werden wenigstens wir zwanzig gar nicht mehr von Seiner Seite weichen, und wir haben uns fest vorgenommen, in anderen Kleidern als Jünger mit Ihm zu ziehen, auf daß uns die Templer und andere überall zerstreute Judenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrte nicht vorwerfen können, als hätten auch wir Tempelpriester uns von Ihm als einem Neusektenstifter und Volksverführer verleiten lassen. Wir wollen hernach gleich nach Jerusalem ziehen und uns auskaufen zu einer vorgeschützten Reise nach Persien und Indien, was uns gerne und nur zu gerne gewährt werden wird. Haben wir das in wenigen Stunden abgemacht, dann kommen wir noch heute wieder und werden Ihm als Seine Schüler auf unsere Unkosten überallhin nachfolgen.«
   11] Sagte Martha: »Das ist von euch ein ganz löblicher Entschluß und wird euch Seine Segnungen bringen! Aber sehet nur hinaus; Er kommt schon, dieweil ich völlig fertig bin mit der Bereitung des Mahles, und wir wollen Ihn mit der Ihm allein gebührenden höchsten Achtung und Liebe empfangen,Ihm noch einmal aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen danken für die gestrigen großen Tröstungen, die Er uns bereitet hat, und wollen Ihn dann bitten, daß Er gnädigst dieses Morgenmahl segnen und mit uns verzehren möchte!«
   12] Während Martha noch also mit den Juden sprach, die sie ganz andächtig anhörten, trat Ich schon ins Zimmer ein und sagte: »Meine liebe Martha, dessen hat es mit dem Munde nicht vonnöten; wer es in seinem Herzen tut, der tut wohl und gut daran. Der Lippengruß kann dann da schon ganz füglich unterbleiben; denn Ich sehe nur allein auf das Herz und seine inneren Gedanken. Aber es haben bei dir schon auch deine Worte einen rechten Wert vor Mir, weil sie ganz genau aus deinem Herzen kommen.«
   13] Darüber war die Martha sehr beruhigt und wurde voll Fröhlichkeit.
   14] Ich aber wandte Mich zu den Juden und sagte zu ihnen: »Ihr wollt also im Ernste Meine Jünger werden?«
   15] Sagten nun gar alle, auch die Nichtpriester, die da nur ganz wohlhabende Bürger Jerusalems waren: »Ja, Herr, so Du uns nur für würdig hältst, Deine Jünger sein zu dürfen! Wir wollen sogar alles aufbieten, um desto ruhiger und sicherer auf allen Deinen Wegen und Stegen Dir, o Herr, folgen zu können!«
   16] Sagte Ich: »Da tut ihr wohl daran; aber eines muß Ich euch bemerken, und das besteht darin: Seht, die Vögel der Luft haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher, aber Ich, als purer Menschensohn Meinem Leibe nach, besitze nicht einmal einen Stein, den Ich mir als Mein irdisches Eigentum unter Mein Haupt legen könnte!«
   17] Sagten die Juden: »Darum ist dennoch der Himmel und die ganze Erde Dein Eigentum! Für diese Welt aber haben schon wir für Dich, für Deine Jünger und für uns genug auf zehn und noch mehrere Jahre! Laß uns nur mit Dir ziehen und vernehmen Deine Worte des Lebens, um alles andere werden wir uns nach Deinem Willen überall sorgen und kümmern!«
   18] Sagte Ich: »Nun wohl denn, so gehet nach dem Mahle nach Hause, und bestellet eure Sachen gut! Dann kommet wieder, und Ich werde euch dann sagen, was wir dann tun und unternehmen werden! Nun aber zum Mahle!«
   19] Darauf setzten sich alle zu den Tischen, sprachen ihre Danksagung und aßen und tranken dann gleich Mir.


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