Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 55

Die von Roklus geforderte Wundertat Raphaels.

01] Sagt Roklus lachend: »O du Hauptwindmacher! Wenn du noch nie eine Unwahrheit geredet hast, so hast du das jetzt getan! Läßt sich der junge Schlingel von mir den herrlichen Nazaräer zuvor so recht klar beschreiben und sagt nun, daß er schon eine geraume Zeit in seinen Diensten stehe. Nicht übel, gar nicht übel! Früher weiß er noch so gut wie nichts von ihm, und nun ist er sein Diener sogar! Nein, jetzt aber fordere ich dich auf, mir das zu beweisen, sonst mache ich dir deine blonden Locken gen Berg stehen! Hast du mich verstanden?! Also nur her mit dem Beweise!«
02] Sagt Raphael: »Ja, mein Freund, mit dieser deiner Aufforderung machst du mir nicht bange, und ich werde dir alles zu tun imstande sein, was du nur immer verlangst, vorausgesetzt, daß du etwas Vernünftiges und denkbar Mögliches verlangst; denn für etwas Dummes und Unmögliches besitze ich keine Kraft und keine Macht. Stelle mir somit rasch die Beweisaufgabe, und ich werde sie auch ebenso rasch in den Vollzug setzen!«
03] Hier sah Roklus dem Raphael scharf ins Gesicht und sagte: »Nun wohl, du mein lieber, junger Freund, da habe ich einen bei fünf Pfunde schweren Stein vom Boden gehoben. Es ist ein brauner Granit, der mit keinem mir bekannten Metalle irgendeine Verwandtschaft hat. Mache aus ihm Gold, aber im gleichen Gewichte!«
04] Sagt Raphael: »Kurzsichtiger Mensch, wenn daraus Gold wird, so wird der Klumpen wohl dreimal schwerer werden! Das Gewicht kann daher nicht dasselbe bleiben, wenn an der Form und Größe nichts abgeändert werden darf! Was willst du nun, das da verändert würde?«
05] Sagt Roklus: »So lassen wir Form und Gestalt, und das Gewicht verändere sich zum Vorteile des Wunders!«
06] Sagt Raphael: »So halte nun fest den Stein, daß er dir als ein über dreimal schwerer gewordener Goldklumpen nicht aus der Hand falle; denn die urplötzliche Gewichtserhöhung ist stets nahe so fühlbar, als so dir ein etwa zehn Pfunde schwerer Stein aus der Luft auf die Hände fiele! Du könntest sonach ganz leicht mit dem ganzen Goldklumpen umfallen!«
07] Sagt Roklus: »Dieses Unglück wird mich wahrscheinlich nicht treffen!«
08] Dieses sagte Roklus nur aus einer Art Zweifel am Gelingen des Beweises. Aber im selben Augenblicke will Raphael den Stein in Gold verkehren. Der Stein wird auch im Momente ganz Gold und wirft durch die plötzliche Gewichtsvermehrung den Roklus zu Boden, und zwar auf eine ganz heftige Weise, so daß sich Roklus sehr wehe tat und sich kaum wieder zum Aufstehen zusammenraffte.
09] Als er (Roklus) wieder auf den Beinen sich befand, fing er an, des Raphael Mutwillen zu tadeln, und sagte: »Höre, du wunderbarer, mutwilliger Junge, zehn solche Goldklumpen sind nicht wert, daß man sich ihnen zuliebe einen solchen Schmerz solle gefallen lassen! Hättest du mir denn nicht sagen können: 'Jetzt geschieht die Verwandlung!'? Ich habe mich ja am Kopfe und mit den Händen am Boden so stark angestoßen, als wäre ich von einem hohen Baume herabgefallen! Mich schmerzt der Kopf noch ganz gewaltig! O du mutwilliger Wunderjunge, heile mich nun auch zum größeren Beweise für die Wahrheit deiner Aussage von meinem sehr heftigen Kopfschmerze!«
10] Hier blies Raphael den Roklus an, und im Augenblicke fühlte Roklus keinen Funken Schmerzes mehr, und Raphael sagte zu ihm: »Klaube nun auch den Goldklumpen vom Boden auf und besieh ihn, ob er nicht ganz gediegen Gold ist!«
11] Roklus tat das, rief aber zugleich auch seine elf Gefährten herbei und sagte: »Da sehet her und urteilet selbst!«


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