Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 53

Essäer Roklus rechtfertigt die Gründung des Essäerordens.

01] Sagt Roklus etwas betroffen: »Freund, kein wie immer geartetes Verbrechen macht erbangen mein Gewissen! Ich lebte stets streng gesetzlich; was sollte mir die Haare gen Berg steigen machen? Ist aber unser Institut schon so ein Greuel in den den Menschen nie sichtbaren Augen eines Gottes, dessen Dasein ich nun freilich nicht mehr leugnen kann nach all dem von dir Vernommenen, so sollte der allwissende, allsehende und allmächtige, höchst urweise Gott denn ja doch irgendein Mittel haben, durch das Er die Errichtung von derlei Instituten gar leicht verhindern könnte! Wir und eigentlich unsere Vorfahren aber haben weder vor noch bei und nach der Errichtung dieses Institutes von gar keiner Seite her irgendein Hemmnis verspürt; auch der Staat, dem doch der Plan offen vorgelegt ward, hat mit aller Bereitwilligkeit die Errichtung dieses ihm allernützlichst scheinenden Institutes bewilligt und seine Verschwiegenheit für alle Zeiten uns treulichst zugesagt und auch versprochen, uns nötigenfalls mit den Waffen zu schützen und zu schirmen. Das Volk, zu dessen sichtlichem Wohle das Institut errichtet ward, hat auch keine Einsprache erhoben. Von keiner Seite also, weder von der göttlichen noch von der staatlichen und bürgerlichen, ist bei der Errichtung irgendeine Widersprache geschehen, und es war somit rein unmöglich, sich mit der Errichtung dieses Institutes gegen jemandes Willen zu versündigen, und wir Glieder dieses Institutes können daher jedermann und auch einem Gotte mit einem ganz ruhigen Gewissen unter die Augen treten, und ich wüßte daher wahrlich nicht, womit du mir die Haare rechtlichermaßen gen Berg treiben solltest!
02] Du hast zwar nach deinen Worten eine besondere Macht inne, bist am Ende selbst eben derjenige, der dies Wunder verübt hat, kannst vielleicht auch so bloß durch Wort und Willen Tote erwecken, wie nun in unsere Stadt die Sage von einem Nazaräer gekommen ist, der solches vor aller Welt Augen etwa gar wohl vermöchte, was ich auch gar nicht in einem zu hohen Grade bezweifle; denn die Menschen sind inwendig Geister von sehr verschiedenen Größen, und da erfindet bald einer entweder aus sich oder durch einen Zufall etwas, wovon Millionen vor ihm und Millionen mit und nach ihm gar keine Ahnung haben, und er übt es aus und setzt dadurch oft den halben Erdkreis ins größte Erstaunen. Und da ist ja eben wieder unser Institut mit keinem Golde zu bezahlen, das eben solche Erfinder aufsucht und sich alle Mühe gibt, sie für sich zu gewinnen und ihre vereinzelten Erfindungen zu einem Gemeingute der Menschen zu machen!
03] Wir Essäer werden nie einen Menschen von außerordentlicher Art verfolgen oder ihm auf seinen Wegen Hemmschuhe anlegen, sondern wir leisten ihm noch allen möglichen Vorschub und suchen ihn womöglich für uns zu gewinnen, was uns schon mehrfach gelungen ist. Daß es ihm dann bei uns nicht schlecht geht, dafür steht das ganze Institut wie ein Mann! Siehe, so denken wir, so stehen und so auch handeln wir, ohne Hinblick auf irgendeine Belohnung weder diesseits noch jenseits! Wir tun das, was wir nach einem allgemeinen Rate als gut erkennen, seiner selbst wegen! Vor welch einem Richter sollen wir wohl noch erheben?
04] Bist du am Ende gar jener wunderbare Nazaräer selbst? Auch gut, und eigentlich noch besser: denn da lernen wir den Mann oder Jüngling am Ende doch selbst kennen, von dem wir schon so vieles und überaus Außerordentliches vernommen haben! Nur etwas zu jung siehst du mir für den Nazaräer aus, der nach der Beschreibung mindestens dreißig Jahre haben soll! Aber es macht das nichts, du brauchst der berühmte Nazaräer auch gar nicht zu sein; denn du besitzest ja auch einen sehr regen und strebsamen Geist, bist weit und breit herum gewesen und hast dir allerlei Erfahrungen sammeln können. Warum solltest du dadurch nicht auch zu Fähigkeiten gelangen können, von deren Größe ich gar keinen Dunst haben kann? Oh, ich bin da nicht im geringsten etwa eifersüchtig auf dich! Auch leugne ich nicht, daß es neben unseren Scheinwunder auch wahre gehen könnte; denn es müssen den Scheinwunder allzeit wahre vorangegangen sein, ansonsten die falschen von den Menschen nicht leichtlich je hätten erfunden werden können. Aber nur das eine lasse ich dir durchaus nicht gelten, daß wir mit Willen durch unsere Scheinwunder je etwas eigentlich anerkannt Böses haben erreichen wollen.
05] Freilich, wohl wußten wir nicht, daß durch solch trügliche Wunder die moralische Seelensphäre der Menschen total zugrunde gerichtet werden muß, was für den Menschen ein großes Übel ist; aber wir waren ja samt und sämtlich Atheisten und konnten ja keine andere Lebensglückssphäre der Menschen vor uns haben als die irdische, da wir an ein Leben nach dem Leibestode nicht glaubten, wenigstens an ein seiner selbst bewußtes nicht! Was uns aber von dem Dasein eines Gottwesens abgelenkt und zum vollkommensten Atheismus geführt hatte, habe ich dir bereits auf die möglich vernünftigst anschauliche Weise per longum et latum (des langen und breiten) dargestellt und glaube nun, vor dir, und wenn du auch Gott Selbst wärest, so rein als möglich dazustehen.
06] Einen irgend geheim gehaltenen kranken Gewissenspunkt gibt es nicht in meinen Eingeweiden, und so stehe ich dir hier ganz mutig entgegen! Den Tod fürchte ich nicht, obwohl ich wahrlich kein Freund von Schmerzen und Leiden bin. Mit was sonst könntest du einem Manne, der auch von sich sagen kann: "Si totus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae" (Wenn auch der ganze Weltkreis einstürzt, so werden doch die Trümmer den Unerschrockenen tragen!), vor Angst die Haare gen Berg treiben? Bleiben wir nun lieber gute Freunde und unterstützen wir uns in allem Guten und Wahren, was sicher allen Menschen sowieso frommen muß, und wir werden dann meines Erachtens gar nicht nötig haben, uns gegenseitig die Haare gen Berg zu treiben! Übrigens aber magst du tun, was du willst, so wird die Welt im allgemeinen dennoch nie besser werden, als sie nun ist und auch allzeit also war!
07] Am liebsten aber wäre es mir nun schon, mit meinen Gefährten mich wieder zu entfernen! Denn ich bemerkte soeben mehrere Pharisäer hier, und - vergib es mir, Freund! - mit diesen komme ich sehr ungern irgendwo zusammen, weil diese jedem Fortschritte ex diamentro (schnurstracks) entgegen sind. Ich schenke dir alle weiteren Erklärungen und Mühen! Ich weiß nun, woran ich bin, und wie ich mich geistig zu richten habe, um zu erreichen das ewige Leben aus Gott; mehr benötige ich nicht vorderhand, und die weitere Erklärung dieses Hauswunders erlasse ich dir auch, obschon ich sie gerne fundamentalisch vernommen hätte! Aber die mehreren Pharisäer, sogar der echt stierbeinige Oberste aus Cäsarea Philippi auch hier?! Oh, da werden wir bald unsichtbar werden!«
08] Sagt Raphael: »Oh, wegen dieser könnet ihr schon bleiben; denn diese sind so wenig mehr Pharisäer, als wie du einer bist! Wer immer hier wandelt, ist ein reiner Mensch bis auf einen, der unterdessen der Schrift wegen geduldet wird. Also die hier seienden Pharisäer hast du nicht mehr zu scheuen! Aber du willst von dem wundervollen Nazaräer etwas gehört haben? Erzähle mir etwas davon, und ich will absehen von dem, dir die Haare gen Berg zu treiben! - Willst du das?«
09] Sagt Roklus: »Warum nicht? Viel weiß ich zwar nicht; aber was ich weiß, hat Kopf, Hand und Fuß und verdient allen Glauben. Nur eine ganz kleine Geduld bitte ich mir zu meiner Fassung aus!«


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