Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 47

Die Früchte der Nacht und die Früchte des geistigen Lichts.

01] Sagt Roklus: »Das wäre ein allerverzweifeltster Zustand, für einen sehenden Arzt auch noch dazu! Da wäre es ja tausend Male besser, schon gar nicht zu bestehen, denn als Sehender unter den Blinden, die voll Mißtrauens, Eigendünkels und Hochmutes sind, zu leben! Aber du hast recht, lieber wohl- und hochweiser Junge! Es ist in der Welt einmal so und nicht anders; daher ist es meines Erachtens besser, die Blinden zu verlassen und jeden Zusammenstoß mit ihnen soviel als möglich zu vermeiden. Werden sie dadurch jedes sehenden Führers bar, so müssen sie alle endlich über kurz oder auch der Zeit nach etwas länger an den Rand eines Abgrundes gelangen, der sie alle unvermeidbar verschlingen wird. Ihr Ende ist zwar ein trauriges, aber ein sicheres, und niemand kann sie bewahren vor demselben!«
02] Sagt Raphael: »Nun hast du einmal ganz gut geurteilt, und siehe, also handelt der Herr mit den Menschen auch gleichfort aus Seiner Ordnung heraus! Wenn immer irgendeine Menschengemeinde oder auch ein ganzes Volk frei- und böswillig der Wahrheit und dem Lichte aus den Himmeln feind wird, so läßt der Herr es dann auch zu, daß solch ein Volk in die vollkommenste Lebensnacht übergeht. In dieser begeht es dann bald eine schreiende Unklugheit um die andere und offenbart dadurch allen nur ein wenig Sehenden die eigene böse Blindheit und Lüge in allem Wollen, Streben und Handeln. Solch ein unheilbares Volk muß dann ja endlich an den Rand eines Abgrundes kommen, der es ohne alle Gnade und Erbarmung verschlingen muß. Die Sehenden aber werden sich auszubreiten und mit ihrem Lichte zu segnen anfangen den Erdboden, geistig und körperlich.
03] Aber der Herr läßt ein Volk, solange es nur einen ganz leisen Schimmer des wahren Lichtes unter sich hat, sicher nicht an den Rand des Abgrundes gelangen, weil im Schimmer doch noch eine warnende Ahnung vor dem Verderben wohnt.
04] Aber wo bei einem Volke einmal ein förmlicher Haß gegen das Licht der Wahrheit eingetreten ist und das Volk und seine Priester einmal die Sehenden auf jede mögliche Weise anzufeinden und zu verfolgen anfangen, wie es nun, ich sage es dir, soeben schon seit langem bei den Juden der Fall ist, da hat dann auch des Herrn Geduld ein Ende, und solch ein Volk entgeht seinem Untergange nimmer.
05] Da ist es dann, daß der Herr aus den Himmeln Selbst zur Erde kommt und ein Gericht hält über die bösblinden Frevler, wie es nun auch soeben auf der Erde, und zwar im schönsten Lande der Juden, dem einstigen Volke Gottes, der Fall ist!
06] Der Herr aber wird nun noch die wenigen Treuen und Sehenden um Sich versammeln und ihnen geben ein vollstes Licht aus den Himmeln: aber neben diesem Lichte wird alles Lichtlose nicht bestehen können, sondern getrieben werden an den vollsten Rand des unvermeidlichen Abgrundes. Da nützet dir vor den Sehenden kein falsches Wunder mehr, sondern nur ein solches, das ganz wahrhaftigst aus der Kraft Gottes hervorgeht, die Er in eines jeden Wahrheit sehenden Menschen Herz gelegt hat.
07] Denn wie der falsche und der blinde Glaube, der eigentlich ein Aberglaube ist, sich nur zu bald erweist durch allerlei Lüge und Trugwerke und durch eine stets steigende Lieblosigkeit, also erweist sich ein wahrer, lebendiger Glaube durch die vollste Wahrheit in allen Dingen ohne irgendeinen Rückhalt und durch eine stets steigende Liebe unter den Menschen und zu Gott und aus solcher Wahrheit und Liebe in der Gotteskraft und Macht, die Gott in eines jeden wahrsehenden Menschen Herz gelegt hat.
08] Was nützen dem Menschen dann alle seine geheime Kunst und Wissenschaft, wenn sogar am Ende die sehenden Sperlinge von den Dächern herab es dem falschen Propheten vor aller Welt zurufen: "Du bist ein stets eigennütziger, arger Betrüger und machst deine Wunder so und so vor den Blinden! Aber die wahren, sehenden Kinder Gottes täuschest du nimmer; denn diese vermögen etwas anderes aus der Gotteskraft in ihren Herzen, welche da ist der Geist der ewigen Liebe, und durchschauen dein elend Machwerk und deine schnöde Absicht auf das allergenaueste. Packe daher zusammen deine alten Trugmittel und werde ein sehender Mensch in der wahren Kraft Gottes, - oder wir Sperlinge werden dich noch des bißchen Schimmers, den du besitzest, berauben!" - Sage! Könntest du den Sperlingen darum gram werden? Wohl ist dem Betrüger sicher nichts ärgerlicher, als so man ihm mit dem Vollichte der Wahrheit entgegentritt; aber anerkennen muß er sie am Ende dennoch auf Gnade oder Ungnade!
09] Da sieh an das unverkennbare Wunderwerk, hervorgegangen aus der wahren Kraft Gottes! - Du bist ein Essäer und dazu ein Hauptmagier dieses Ordens. Du machst Tote lebendig, den Mond ziehst du den geistig blinden Staunenden nahezu gerade vor ihre Nasen herab, machst Bäume und Gras und Wasser, Felsen und Mauern reden. Was möchtest du dazu sagen, so diese Sperlinge von Menschen aller Rassen und Klassen es dir nun ganz laut zu erklären anfingen, wie du und deine Helfershelfer, wenn euch eure Dienstzeit ins Kloster ruft, eure Toten erwecket und eure Bäume, Gras, Wasser, Felsen und Mauern reden machet, und brächten dir dann einen Toten her und forderten dich auf, ihn ins Leben zurückzurufen? Was würde deine reine Vernunft und dein scharfer Verstand dazu sagen?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers