Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 44

Essäer Roklus berichtet von den Zaubereien eines indischen Magiers.

01] Roklus, dessen Augen stets größer wurden, je länger er den vermeinten Jüngling anhörte, rief, in großverwunderlicher Aufregung zum Raphael: »Aber höre, Junge! Du zählst kaum sechzehn Jahre und trittst mir mit Kenntnissen und Erfahrungen entgegen, die ein anderer ehrlicher Mensch sich kaum in sechzig Jahren bei allem Fleiße angeeignet haben würde. Ich will nun nicht davon reden, daß du mich im Ernste zu der Annahme eines wahren Gottes, der geradeso aussieht, wie ihn mein Herz schon lange heimlich sich gewünscht hat, umgewendet hast und ich dir nun gar nichts dagegen einzuwenden habe, sondern lediglich davon, wie und wann du zu solchen Kenntnissen und Erfahrungen gekommen bist.
02] Du kennst ein Reich noch hinter Indien, von dem ich kaum ein paar Male, und zwar nur in Indien, habe faseln hören; denn ein Indier hat mir davon so wunderliche Dinge ganz treuherzig erzählt, daß ich mich dabei des Lachens kaum erwehren konnte. Jetzt erst komme ich durch deinen Mund zu einer richtigeren Vorstellung dieses fabelhaften Reiches, dessen Einwohner etwa die größte Kultur bezüglich der Industrie, Künste und Gewerbe besitzen sollen. Ja, du hast freilich durchgängig recht und scheinst auch in der Magie aller Völker großartigst bewandert; denn sonst hättest du von einer gewissen Allmacht, die dir eigen sei, wohl sicher nimmer eine Erwähnung gemacht!
03] Ich sehe nun, wenn auch noch etwas dunkel, wohl ein, daß die Gottheit aus wahrlich höchst weisen Gründen alles, wie es nun ist, auf der Erde sein und geschehen läßt, da es ihr nur um die Bildung der Seele, nicht aber um die Wohlfahrt der Leiber der Menschen zu tun sein kann! Aber um meine volle Ein- oder Nichteinsicht in dieser Sache handelt sich's jetzt auch gar nicht, auch fällt mit einem Schlage keine alte Zeder des Libanon um, - sondern es handelt sich nun, für mich vom höchsten Interesse seiend, ganz einfach nur einzig und allein darum, wie du zu dem allem gekommen bist!
04] Du brauchst mir nun auch gar nicht mehr zu erzählen, wie des alten Markus neues palastartiges Haus samt Garten und samt dem Hafen und seinen ganz neuen Schiffen entstanden ist; denn du stehst als der zauberische Baumeister ja offenbar vor mir und hast dich als solcher schon verraten, wahrscheinlich absichtlich, um mich zu erproben, ob ich nicht trotz meines geweckten Verstandes zu dumm sei, um solche deine hingeworfenen Worte zu verstehen.
05] Das Feld der Magie ist ein ungeheures und unbegrenztes, und selbst der größte Meister darin ist und bleibt nichts anderes als ein schülerhafter Anfänger. Wir Essäer, unter uns gesagt, verstehen uns gewiß darauf, da wir doch persische und ägyptische Magier in unserem Solde haben, die Wundertaten zu verrichten imstande sind, vor denen unsereinem ganz ordentlich zu schwindeln anfängt, obwohl auch ich selbst in dieser Sphäre nicht als ein Laie dastehe; aber abgesehen von dem habe ich in Indien Magier gesehen, die da Dinge verrichtet haben, gegen die unsere ganze Magie als ein purstes Kinderspiel anzusehen ist! Ich hätte tausend Pfunde Goldes darum gegeben, wenn mich der Königsmagier von Thiba nur einige seiner unübertrefflichen Zaubereien gelehrt hätte; aber er war um kein Geld dazu zu bewegen.
06] Und so kannst du ebenfalls irgend in Geheimnisse eingeweiht sein, von denen mir noch nie etwas geträumt hat, und kannst deine unsichtbaren Helfershelfer und dienstbaren Naturgeister verwenden, wie du sie nur immer willst, und es ist dir also ein leichtes, einen ganzen Berg, und um so leichter ein solches Haus usw. in einem Augenblicke herzustellen. Denn ich habe von dem früher erwähnten Magier zu Thiba gesehen, wie er in einem Augenblicke aus einer vor uns stehenden weitgedehnten Landschaft einen See gebildet hat, aus dem mehrere Inseln emporragten und auf dessen Oberfläche mehrere Schiffe herumschwammen. Mehrere Augenblicke lang war dieser See zu sehen; darauf machte der Magier einen Wink, und die frühere Gegend war wieder unversehrt zu sehen.
07] Freilich hat er uns zu dem Behufe in ein ganz dunkles Kabinett geführt und ließ uns durch ein Fenster die Gegend schauen, die ganz dieselbe war, wie sie außer dem Kabinett frei zu sehen war. Darauf schloß er das Fenster, machte einige Zeichen, öffnete darauf das Fenster abermals, und von der früheren, natürlichen Gegend war keine Spur mehr, sondern wir sahen die vorher beschriebene Seegegend weit und weit ausgedehnt, und das alles so natürlich, wie nur etwas natürlich sein kann. Nur merkte ich dabei ein eigenes Ziehen in den Augen, wovon der Grund offenbar in der großen Überraschung lag.
08] Der Magier sagte dann, daß er uns durch dasselbe eine Fenster noch eine Menge der wunderbarsten Gegenden vorzaubern könnte, - aber so was würde uns viel Goldes kosten; wir ließen uns daher die weitere Neugierde vergehen. Ich fragte ihn, ob er solch eine Gegend auch fixieren könnte, daß sie bliebe. Er bejahte solches und verbarg sich dann plötzlich. Als wir darauf ins Freie kamen, war von der Seegegend keine Spur mehr.
09] Ich frage, wie solches möglich, beantworte mir aber die Frage dahin selbst, daß jener Magier von Thiba offenbar mit den geheimen Kräften der Natur um noch vieles vertrauter war. Wie wäre es sonst möglich gewesen, durch ein und dasselbe Fenster, durch das ich vorher ganz gut die wirkliche Naturgegend geschaut habe, eine Seegegend herzuzaubern und die frühere Naturgegend ganz vergehen zu machen? Er machte dann freilich wieder die Seegegend verschwinden und wieder entstehen die erste Naturgegend; aber er hätte auch für immer die Seegegend können stehen lassen, - was er aber nicht wollte, weil die frühere Gegend schon sehr lange zu einer der fruchtbarsten gehörte und so schöne Äcker, Wiesen und Gärten der Menschheit doch offenbar von größerem Nutzen sind als ein meerähnlicher und unabsehbar weit ausgedehnter See mit etwelchen Inseln und Schiffen.
10] Für dies Zauberstück hätte ich ihm gerne zweihundert Pfunde Goldes gegeben; aber er wollte davon nichts hören und wissen. Sein Haus mußte ganz voll von allerlei der allermächtigsten Naturgeister gewesen sein, ohne deren Beihilfe der Magier die besagte Seegegend nimmer zustande gebracht hätte!
11] Und so hast denn auch du junger Zauberer, dieses zustande gebracht, dessen plötzliches Auftauchen uns eigentlich hierher gelockt hat! Es ist ein ganz dem zu Thiba von mir und diesen elf Gefährten gesehenen vollkommen ähnliches Zauberstück, dessen Hervorbringungsgeheimnis ich mit viel Gold bezahlen würde; aber ich weiß es, daß dir das so wenig feil ist wie jenem Magier von Thiba. Denn du bist noch jung und wirst dir damit viel Geldes und andere Schätze verdienen.
12] Du siehst auch aus dem nun wohl sicher ein, daß ich dir nicht einmal das Geheimnis entlocken will; aber nur das einzige möchte ich aus deinem Munde erfahren, wie, wo und wann du zu solcher Weisheit und zu solcher magischen Kunst gelangt bist! Du hast mich samt meinen Gefährten zur Annahme eines wahren, höchsten Gottwesens gebracht, und es wird dich demnach auch gar nicht beirren, so du es mir sagst, wenigstens nur das, wo du hinter alles das in so früher Jugend gekommen bist!«


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