Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 37

Raphael schildert Gottes Wesen.

01] Sagt Raphael: »Lieber Freund, du hast dich ein wenig zu früh gegen mich in einen leeren Eifer gesetzt! Laß mich erst auch ein paar Worte mit dir reden, und es wird sich dann schon zeigen, ob ich dir gewachsen bin!
02] Höre, du hast gleich von vornherein ein förmliches Interdikt dahin an mich erlassen, dir keinen andern Gott aufzubürden als allein einen solchen, den deine Vernunft gutheißt! Und siehe, ich selbst kenne wahrlich auch keinen andern als Den, welchen du mit deiner Vernunft gefunden hast! Der Unterschied zwischen uns beiden ist nur der, daß du dir einen solchen Gott wünschest, den ich wahrhaft persönlich zu kennen die allerhöchste Ehre habe, und habe zugleich auch noch diese hohe Ehre, Sein allzeit bereitwilligster Diener zu sein.
03] Dieser allein wahre Gott ist pur Liebe und aus der Liebe heraus erst die vollste Weisheit und durch diese Weisheit allmächtig.
04] Dieser Gott ist zugleich die höchste Ordnung, Wahrheit, Gerechtigkeit und alles Licht und Leben Selbst, und alle Wesen und Dinge auf dieser Erde die Erde selbst mit allen ihren Geistern und Elementen, der Mond, die Sonne und alle die zahllos vielen anderen Sterne, die nichts anderes als eben auch ungeheure Weltkörper sind, manche um unaussprechbar viele Male größer als diese Erde, die so gut eine Kugel ist, als wie du den Mond und die Sonne nie anders denn als Kugeln gesehen hast, von denen die letzte, die Sonne nämlich, um eine ganze Million Male größer ist denn diese Erde -, alles das sind Werke eines und desselben Gottes, der ganz so beschaffen ist in Seiner ureigentlichsten Wesenheit, als wie Ihn deine wahrlich sehr geläuterte Vernunft sich vorstellt!
05] Er weiß um alle die schlechten und falschen Vorstellungen von Ihm und erweckt auch gleichfort Menschen, die von Ihm einen wahren Begriff bekommen; aber sie werden von den trägen und blinden Menschen gewöhnlich auf dieser Welt nie recht verstanden, und diese bleiben bei ihren alt angewohnten Torheiten.
06] Du meintest freilich, daß ein solch reeller Gott denn doch unmöglich so lange die Greuel der Menschen ansehen und dulden könnte. Ihm, als dem allmächtigen Gebieter, müßte es ja doch wohl möglich sein, all den argen und falschen Quark über den Haufen zu schmeißen. Da hast du im Grunde durchaus nicht unrecht.
07] Ich fühle und denke da geradeso wie du, und es geschieht mir dabei um so schwerer, weil auch ich, als ein schon lange vollkommen konsolidiertes Geistlebenswesen, ganz die Macht habe, durch meinen Willen, wenn es darauf ankäme, in einem Augenblicke alle jene Berge, die dort über dem Meere emporragen, in ein für deine Sinne blankstes Nichts zu verwandeln; denn etwas können und nicht dürfen, ist bitterer gewiß, denn etwas mögen und nicht können!
08] Daß man aber trotz der innehabenden Macht nicht dreinschlagen darf, wenn es einen auch noch so gelüstete, rührt daher, weil es auf dieser Welt für jeden Menschen darauf ankommt - wie du es ganz gut gegen das Ende deiner Besprechung mit dem Cyrenius bemerket hast -, daß sich nämlich ein rechter Mensch selbst finden und als eine konkrete Lebenskraft konsolidieren soll, ansonst er sich gegen die beständige und feindliche Einwirkung der großmächtigen Kräfte unmöglich als ein freies und selbständiges Wesen für ewige Dauer erhalten könnte! Wenn du auch nicht mit eben diesen meinen Worten dich ausgedrückt hast, so hast du aber doch denselben Sinn hineingelegt.
09] Nun wirst du es schon einsehen, daß beim Menschen hier auf dieser Erde, wo er sein innerstes Lebensprinzip selbst, ohne irgendeine fremde, gewaltsame Beihilfe, rein nach seinen Erkenntnissen und ganz nach seinem freiesten Willen, zu konsolidieren hat, sich nicht mit den dicksten Prügeln dreinschlagen läßt. Solange irgendwo die Menschen aus sich eine solche Lebensordnung herausgefunden haben, unter der sowohl eine moralische wie auch physische Existenz denkbar ist, so läßt man sie darin so lange bestehen, als sie nicht in zu große Ausartungen übergehen. Geschieht bei einem Volke aber das, so ist der Herr Himmels und der Erde auch allzeit da und führt das entartete Volk wieder in die rechte Lebensordnung zurück, wie es soeben beim Judenvolke der Fall ist.«


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