Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 35

Essäer Roklus zeigt das Herz als Sitz der wahren Gottheit.

01] (Roklus:) »Aber diese Gottesstellvertreter in Jerusalem sind erstens dumm wie die Nachteulen am Tage, dabei gefräßig wie die Wölfe und herrschen eifersüchtig wie ein roter Hahn, und dabei aber dennoch roh, ungeschlacht und unverträglich wie die Wildschweine! Wer kann da mit solchen Nachbarn in Frieden und Einigkeit leben?! Wer muß bei so bewandten Umständen in seiner gerechten Erbitterung nicht gegen sie zeugen?! Solchen Auswürflingen der Menschheit gegenüber muß man ja dann und wann mit der reinen Wahrheit vor allen Menschen auftreten und diesen wohlmeinend zeigen, mit welchen allerschändlichsten Lumpen sie zu tun haben! Wir nehmen dadurch der Menschheit gewiß nichts anderes weg als ihre alte Blindheit!
02] Daß das den alten, an Herz und Seele versteinerten Schoßkindern Abrahams eben nicht sehr angenehm ist, läßt sich ganz wohl denken; aber wir können da wahrlich nichts dafür, und es wäre nun wohl schon hoch an der Zeit, diesen alten Augiasstall einmal zu reinigen! Diese Kerle verschreien uns als gottlos und nennen uns Lästerer des Allerheiligsten. Wo ist denn ihr Gott, den wir verlästerten, und was ist ihr Allerheiligstes?! Etwa ihr Tempel, der Vorhang in demselben, oder die halbeherne und halbhölzerne Bundeslade mit der Naphthaflamme oder vormals mit einer Rauchsäule, die freilich etwas schwerer herzustellen war als die Naphthaflamme?! Oder sollen etwa die riesigen sogenannten Cherubs das Allerheiligste darstellen, oder das alte Manna in der Lade, der Stab Aarons, oder die alten Ochsenhornposaunen, durch deren Schall Jerichos Mauern eingestürzt sind, die goldene Harfe Davids und seine Krone, oder die gesamte sogenannte heilige Schrift, die die Pharisäer nicht mehr lesen, sondern bloß nur anbeten dürfen?! Kurz, ich möchte der Juden Gott und sein Allerheiligstes denn doch einmal anderswo sehen oder in etwas anderem wahrnehmen als in solch einem antiken Gerümpel, darin nichts anderes ersichtlich und wahrnehmbar ist als eine alte, ägyptisch typische Plumpheit menschlicher Künstlerhände, die von etwas rein Göttlichem aber noch um vieles weiter entfernt ist als das Blaue des Himmels von der Erde! Wenn man aber das verlästert, was an und für sich nichts als eine alte, allerschmählichste Lüge ist, - was Arges tut man denn da?!
03] Oder soll man etwa so einem alten und verrosteten Menschenbetruge gar noch einen Lobredner machen, um der jüdischen Gottheit, die gleich dem römischen Zeus eine barste Null ist, einen angenehmen Dienst zu erweisen?! Nein, so etwas wird ein ehrlicher Essäer wohl nie tun! Wir kennen ein anderes Allerheiligstes, und das ist ein ehrliches und biederes Menschenherz! Darin ist der Sitz der wahren Gottheit! Diese soll ein jeder wahre und ehrliche Mensch in sich, wie auch in seinem Nebenmenschen, anerkennen! Tut er das, so achtet er seine Menschenwürde auch in seinem Nächsten; tut er das aber nicht, so gibt er sich selbst ein ganz erbärmlich schlechtes Zeugnis und würdigt sich unter das allervernunftloseste Tier herab. Ja, es kann einen Gott geben; aber den findet der Mensch nur in der wahren Lebenstiefe seines eigenen Herzens, und dieses wahren Gottes Name heißt 'Liebe'! Das ist die einzige und wahre Gottheit; außer dieser gibt es ewig keine irgendwo! Wer diese so recht gefunden hat, der hat das Prinzip des Lebens gefunden und wird dann mit diesem noch ein mehreres finden, vielleicht sogar ein ewiges, unverwüstbares Leben!
04] Man sammle in sich durch Liebe die Liebe und mache sie dadurch mächtiger und mächtiger! Durch solch eine konzentrierte Lebenskraft wird man vielleicht ganz leicht und gewiß jenen feindlichen anderen Kräften mit Erfolg die Spitze bieten können und wird sich dadurch als ein Sieger seinen Lebensfortbestand inmitten von tausend feindlich auf ihn blind einwirkenden Kräften für ewig sichern können, wennschon nicht leiblich, so doch gewisserart geistig, was an und für sich doch ursprünglich eine jede Kraft ist und sein muß; denn das, was wir einmal zu Gesichte bekommen, ist nicht mehr die wirkende Kraft selbst, sondern nur das von ihr Gewirkte. Wenn wir aber die Werke der allgemeinen Naturkraft mit einem aufmerksamen Blicke betrachten, so finden wir gar bald und leicht, daß sich irgend Kräfte, als Teile der allgemeinen Urkraft, unter irgend von selbst aufgefundenen Bedingungen konsolidiert haben müssen, ansonst sie, als stets die gleichen daseiend, es nicht vermöchten, die stets gleichen Wirkungen an das Tageslicht der Welt zu liefern. Gleiche Wirkungen setzen auch die stets gleichen Ursachen voraus. Eine Kraft aber, die sich aus den stets unverändert gleichen Wirkungen als eben auch unverändert daseiend offenbart, muß in sich ein volles Bewußtsein und eine für ihr Wirken ganz genügende und helle Intelligenz haben, durch die sie sich tunlichst mit den ganz gehörigen Waffen versieht, mittels welcher sie allzeit siegreich aus einem Kampfe mit andern, noch roheren Kräften hervorgehen kann und auch wird; denn könnte sie irgend besiegt oder völlig aufgelöst werden, so würde das, was sie durch ihr Wirken hervorgebracht hatte, auch sicher nie und nimmer zum Vorscheine kommen. Nehmen wir nur an, daß die unsichtbare Kraft, aus deren Wirken zum Beispiel die Feige hervorgeht, irgend von andern Kräften aufgelöst werden könnte, so würde auch keine Feige je irgend mehr zum Vorscheine kommen!
05] Wenn wir aber durch solche Beobachtung schon eine zahllose Menge von Kräften in ihren verschiedenen Wirkungen von stets gleicher Art als notwendig unzerstörbar konsolidiert erkennen müssen und auch sehen, wie selbst wir Menschen unserer Form und ursprünglichen Beschaffenheit nach gleichfort regenerieren, so können wir auch als ganz bestimmt annehmen, daß jene Kraft, aus der wir hervorgegangen sind, sich selbst notwendig als ein bleibendes Lebensprinzip für ewig konsolidiert hat. Hat sich aber diese erhalten, so kann sich auch jedes Menschenleben, wenn es sein Lebensprinzip wahrhaft gefunden und mit den rechten Mitteln kultiviert hat, für sich konsolidieren und nachher geistig für immer und ewig fortbestehen. Denn ich meine, daß eine einmal ihrer selbst bewußte und denkende Lebenskraft, wenn sie sich einmal ordentlich selbst gefunden hat, sich und auch ihre Umgebung ganz erkennt, so dürfte es ihr eben gar zu schwer nimmer werden, Mittel zu erfinden, mittels welcher sie einer übermächtigen, aber nur roh und blind wirkenden Kraft für ewig den entschiedensten Trotz bieten kann, wie solches auch die Menschen auf dieser Welt zeigen. Laßt alle Orkane und eine ganze Million Blitze los über die Pyramiden Ägyptens! Werden sie den in ihren innersten Katakomben weilenden Menschen wohl etwas anhaben können? Kurz, schon auf dieser Welt zeigen die Menschen, daß sie sich vor den allerrohest und bösest wirkenden Kräften ganz gut zu schützen verstehen. Wer lehrte sie das? Die Erfahrung, ihre scharfe Vernunft und die Notwendigkeit!
06] Kann das der im allgemeinen noch sehr wenig gebildete Mensch, um wieviel mehr wird er solches als ein konsolidiertes Geistleben vermögen! Also haben wir auf wissenschaftlichem Felde auch eine gegründete Aussicht auf das Fortleben des Geistes des Menschen nach dem Abfalle des Leibes und benötigen dazu weder eines Zeus und ebensowenig eines Lama der Indier und eines Jehova der Juden; die reine Vernunft gibt uns dasselbe im reinsten und hellsten Lichte.
07] Und so, mein hoher Freund, habe ich dir nun die Gründe meines bisherigen Atheistentums klar und deutlich gezeigt und auch, daß meine Gründe sicher nicht aus den Fingerspitzen gesogen sind, sondern auf dem soliden Boden vieler Erfahrungen stehen! Ich wollte mich aber dadurch gar nicht vom Theismus für immer entheben! Zeige mir andere Gründe, und ich bin ein Theist! Wie sieht es nun aus mit diesem wunderbar entstandenen Hause für Markus und seine Familie? Gib mir davon doch nur einige Winke; denn nun kennest du mich ja doch schon ganz!«


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