Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 25

Jesus beleuchtet das Wesen des Essäers Roklus.

01] Cyrenius ist auf alles das, was er nun vom Roklus vernommen hat, sehr nachdenkend geworden und weiß durchaus nicht, was er ihm darauf für eine Antwort geben soll. Er wendet sich darum an Mich und sagt mit halblauter Stimme: »Herr, unrecht hat der Mensch im ganzen nicht, und es kommt mir vor, daß er trotz seines Atheismus ein ganz gutes Herz für die echte Menschheit haben muß. Wäre er zum wahren Theismus zu bewegen, so wäre er bei seiner enormen Verstandesschärfe und durch seine vielseitigsten Erfahrungen ja gerade eine Goldperle für Deine rein göttliche Sache. Aber weil er eben so viele Erfahrungen besitzt und eine Urteilsschärfe dazu, als wie scharf da sein muß der Blick eines Adlers, so ist es wenigstens für mich schwer, ihm nun eine Antwort zu geben, von der man bei ihm einen besten Erfolg erwarten könnte. Wie wäre es denn, so Du Selbst ihn nun in Bearbeitung nähmest? Du könntest ihm mit wenigen Worten sicher mehr sagen als ich. Herr, tue das an diesem Menschen; denn seine Ansichten kommen mir ganz kerngesund vor!«
02] Sage Ich: »Du hast den Menschen ganz richtig beurteilt, und es stehet also mit ihm; denn so viel natürlich gesunde Welterfahrung hat wohl niemand von euch allen wie dieser Roklus und durch ihn auch seine elf Gefährten. Aber weil er in dieser Zeit und häufig durch seine bedeutenden irdischen Schätze auf lauter List und Betrug gekommen ist und die Gottheit überall durch die größten und abgefeimtesten Betrüger vertreten fand, so kann man sich denn auch gar nicht wundern, daß er am Ende notgedrungen das Kind samt dem Bade wegschütten mußte.
03] Er suchte Gott wohl recht emsig und machte darum auch seine großen Reisen. Aber je weiter er kam, desto mehr Unsinn, Narrheit und mit Händen zu greifenden Betrug fand er. Er ließ sich am Ende sogar bei den Essäern einweihen und fand deshalb Wohlgefallen daran, weil diese ihren Divinationsbetrug doch wenigstens zum ersprießlichen Nutzen der Menschheit zusammengestellt haben und dabei unter sich sehr gute und kluge Menschen sind, bei denen einer dem andern ein offener Bruder ist und nichts vor seinem Nächsten voraushaben will; denn dieser Sekte Grundsatz ist: "Gleichviel wissen, gleichviel haben, gleichviel sein, und an keinen Laien das Geheimnis der hohen und dicken Mauern verraten, aus denen für keinen Menschen der Erde irgendein Unheil, sondern nur ein möglichstes Heil hervorgehen soll!"
04] Das ist an und für sich gewiß ganz löblich, aber mit dem Glauben an einen Gott hat es einen ungeheuren Haken; denn das ist bei ihnen die allerausgemachteste Sache, daß es außer den geheimen Kräften in der Natur ewig nirgends einen Gott gebe und geben könne. Und darum ist es schwer, so einen echten Erzessäer zum Glauben an einen Gott umzustimmen. Man muß ihm zuvor noch viel mehr Gelegenheit geben, sich so ganz nach seiner Herzenslust frei zu entäußern in allem und jedem. Erst wenn er sich vor dir ganz enthüllt hat, wird mit ihm schon noch etwas ganz Besonderes zu machen sein. Aber jetzt ist er noch nicht reif dazu, weil in ihm noch vieles steckt, mit dem er infolge eines Mißtrauens gegen deine römische Schwertgerechtigkeitspflege noch lange nicht zum Vorscheine gekommen ist.
05] Solange aber ein Mensch zu jemandem nicht ein vollstes Vertrauen zu fassen sich getraut, wird er auch nie ein wahrer Freund von ihm. Solange er aber nicht ein wahrer, volltrauigster Freund von jemandem wird, da wird er sich ihm auch nicht völlig eröffnen. Eröffnet er sich aber jemandem nicht völlig, so fällt die notwendig völlige Entäußerung von selbst notwendig in den Bach. Du mußt demnach trachten, dir diesen Roklus zu einem volltrauigsten Freunde zu machen, und er wird dir dann noch ganz sonderbare Dinge kundtun, über die du ganz erstaunen wirst!
06] Aber deine hochrichterlich römische Miene und Tugend mußt du vor ihm in die eines rechten Freundes umwandeln, und zwar so offen und aufrichtig als möglich, sonst wirst du nichts ausrichten mit ihm! Hast du ihn aber dahin gewonnen, dann wird mit ihm leicht zu unterhandeln sein, und Ich kann dann erst ein Weiteres mit zu reden anfangen; aber jetzt würde er bei der vollen Belassung seines freien Willens Mir nicht einmal Rede stehen, sondern Mir ganz einfach sagen: "Freund, ich kenne nur den Oberstatthalter und habe nur mit ihm zu verhandeln; denn dich kenne ich nicht und weiß darum auch nicht, wieviel ich dir anvertrauen kann!" Und Ich könnte ihm vorderhand dagegen nichts anderes erwidern als: "Freund, du hast ganz richtig und gut geurteilt!" Suche du darum ihn vorerst ganz freundlichst zu gewinnen und leite ihn sodann erst zu Mir, und wir werden dann die ganze Sache bald abgemacht haben!«
07] Sagt Cyrenius: »Versuchen will ich's wohl; aber ich ahne es, daß mir mein Vorhaben eben nicht zu sehr nach meinem Wunsche gelingen wird!«
08] Sage Ich: »Fasse es nur bei der rechten Seite an, dann wird es schon ganz gut gehen!«


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