Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 21

Das atheistische Glaubensbekenntnis des Roklus.

01] (Roklus:) »Daher ist nun mein Gedanke von der Art: Ich habe zwar an keine Gottheit mehr geglaubt, sondern an eine geheime, rein geistige Allkraft der Natur, die allenthalben ganz ernstweise und dabei dennoch freundlich sich zeigt und nach den ihr zugrunde liegenden Gesetzen in einer bestimmten Ordnung gleichfort wirkt und sich sicher nie darum kümmert, was die vergänglichen Menschen machen. Sie kennt kein Gutes und kein Böses; denn das bewirken nur die argen Menschen unter sich. Die große, heilige Natur weiß nichts davon!
02] Es ist ein großes Unglück für den Menschen, ein Sklave zu sein; aber wer hat ihn zum Sklaven gemacht? Die großheilige Natur sicher nicht, sondern nur der zufällig stärkere Mensch hat aus lauter Lust fürs höchsteigene Nichtstun und dennoch dabei Gut- und Bequemleben den Schwächeren zu seinem Lasttiere gemacht, und im gleichen Maße auch das Vieh. Wer warf an den Nacken des Ochsen das harte und schwere Joch, wer belastete den Esel, das Kamel und das mutige Pferd, und wer erbaute sogar Türme auf dem Rücken des geduldigen Elefanten? Wer erfand das Schwert und wer die Ketten, die Kerker und gar das allerschmählichste Kreuz, an das ihr Römer die unfolgsamsten und eigensinnigsten Menschen, die auch herrschen und morden möchten, festknebelt und sie unter den größten Schmerzen den Tod erleiden läßt? - Alles, alles das Elend stammt vom Menschen her!
03] In der großen Natur ist alles frei; nur der Mensch ist gleichsam ein Fluch für sich und für die gesamten anderen freien Werke der großen Meisterin, der Natur. Müßige Menschen fingen einst an, sich Luftburgen zu erbauen und erfanden die nichtigen Götter, die sie ganz nach sich und mit allen den menschlichen bösen Leidenschaften ausgerüstet sich dachten und auch also gestalteten. Mit diesen Göttern errichtete also der Mensch sich neue Plagegeister, die für sich dem Menschen sicher nie etwas zuleide tun würden; aber der Mensch erbaute diesen von ihm erfundenen Göttern, die in der Wirklichkeit nie irgend waren und auch nie irgend sein werden, Tempel und weihte sich selbst zu ihren Stellvertretern, versehen mit allerlei Treib- und Schreck- und Plagemitteln, und führte dadurch nebst seiner Herrschaft über die schwache Menschheit auch die allerunerbittlichste Tyrannei der von ihm erfundenen unsichtbaren Wesen ein. Die in der Wirklichkeit nie irgend existiert haben, existieren nun fort und fort zur Qual der armen Menschheit, aber dafür desto mehr zum Nutzen und Frommen der Mächtigen, weil diese durch ihre vorgeschützte mächtige Einflußnehmung viel leichter denn durch das ledige Schwert die Menschheit im blinden Gehorsam erhalten. Und so kann man naturgerecht mit der reinen Vernunft denken wie man will, so steht überall der starke und mächtige Mensch für alles, was nur immer irgend vorkommen kann, da und herrscht bald als ein mit Schwert und Lanze wohlversehener König und gleich daneben aber auch als ein schon allmächtigster Stellvertreter der Götter. Wehe dem, der da sich als ein uneingeweihter Mensch erkühnen würde, hinter den von Menschen gewebten Schleier der Isis zu blicken! O weh, o weh, o weh, den würden die Götter schön zurichten!
04] Das war bis jetzt mein freier Glaube, der aber nun durch diese Erscheinung einen ganz jämmerlichen Rippenstoß erhielt, und ich fange nun an, denn doch an ein höheres Gottwesen ganz leise zu glauben, weil ich nur zu auffallend einsehe, daß so ein Werk kein Mensch mit seinen bekannten Kräften zuwege bringen kann und auch nie zuwege bringen wird. Das kann denn nur eines Gottes Werk sein, der zwar auch nur eine Art Mensch sein kann, aber ein Mensch, dem die Kräfte der großen Natur leicht und allzeit sicher derart gehorchen wie die gemeinen Krieger einem erprobt einsichtsvollen Feldherrn, von dem sie wohl wissen, daß er noch niemals irgendeine Schlacht verloren hat.
05] Aber diesen Gottmenschen möchte ich hier nun kennenlernen! Du, hoher Cyrenius, bist es in keinem Falle. Denn wäre dir das möglich, so wäre das große römische Kaiserreich schon lange mit einer berghohen Mauer umfangen, über die zu fliegen selbst einem Adler grauen müßte. Gib uns, du hoher Herr, Herr, Herr, darüber nur einigen Bescheid, und wir wollen dann ganz ruhig von hier wieder heimkehren!«
06] Sagt Cyrenius: »Wäre schon alles recht, wenn dies nur gleich so mir und euch nichts gang und gäbe sein könnte; aber dem ist nicht also, als wie ihr es euch etwa vorstellet! Ihr könnet wohl einen Feldhüter fragen, um welche Zeit es sei, und er wird euch, wenn die Sonne scheint, nach seinem in die Erde gesteckten Pfahle genau und ohne Anstand kundtun des Tages Stunde, wofür ihr ihm dann einen Stater zu entrichten habt; aber hier geht das nicht gleich also! Geduldet euch, vielleicht kommt am Ende denn doch noch etwas heraus; aber es wird das schon etwas mehr kosten als einen Feldhutstater!«
07] Sagt Roklus: »Nun, für so etwas können wir auch ein Pfund Goldes und zehn Pfunde Silbers, ja auch noch mehr, in die Schanze schlagen!«
08] Sagt Cyrenius: »Ja, wenn man so etwas um viel Gold und Silber erkaufen könnte, so wäre das freilich etwas anderes! Aber ich kann euch diesfalls dahin die allerbestimmteste Versicherung geben, daß das um gar keine Schätze der ganzen Welt erreicht werden kann! Wofür es aber erreicht werden kann, darüber müßt ihr erst belehrt und durch noch so manche Proben aus euch selbst geläutert werden! Vom größten Unglauben an einen Gott der Person nach und an andere persönliche, gottähnliche Wesen durchdrungen und im selben förmlich erzogen, wollet ihr, um dann eine recht derbe Lache über uns alle in eurem Alleinbeisammensein erheben zu können, nun gleich von mir eine Anzeige Dessen erfahren, dem es möglich war, alles bloß durch Seinen allmächtigen Willen im schnellsten Momente hervorzurufen! Da sage ich: Halt, meine Lieben, wir werden erst sehen, ob ihr irgendeines Glaubens fähig seid! Kann bei euch gar kein Glaube mehr Eingang finden, so kann an euch auch die von mir verlangte Mitteilung nicht gemacht werden! Ist bei euch aber noch ein Glaube möglich, so werdet ihr mit dessen Lebendigwerden auch alles andere zu erhalten imstande sein! - Habt ihr mich wohl verstanden?«
09] Sagt Roklus: »Verstanden ganz sicher; denn keiner von uns ist vernagelten Gehirnes! Aber es ist für uns dein Verlangen vorderhand so gut wie rein unmöglich, wofür wir dir zum Teil unsere Gründe schon dargetan haben und dir, so du sie zu hören wünschest, noch weiter dartun wollen und können!«
10] Sagt Cyrenius, durch Mein ihm auf die Zunge gelegtes Wort angetrieben: »So tut solches, und ich werde daraus entnehmen, wie weit ihr euch vom Wege der Wahrheit entfernt habt! Lasset denn hören eure Gründe, und ich werde daraus ganz wohl zu entnehmen imstande sein, ob ihr einer wahren, geistigen Bildung fähig seid, und ob man euch euren Wunsch wird gewähren können! Denn seid ihr keiner reingeistig wahren Bildung mehr fähig, dann möget ihr wieder in Frieden von hier ziehen und leben nach den Lehren eures Epikur, der für mich einer der allerletzten Weltweisen ist!
11] Ja, man kann nach Epikur als ein reicher und physisch kerngesunder Mensch mit dieser Welt am besten auskommen; denn der Grundsatz: "Man sei seiner selbst willen ehrlich und wohlverträglich gegen jedermann, aber stets gegen sich selbst am ehrlichsten!" läßt sich zwar mit weltlichen Ohren anhören, aber eines Menschen von Gottes Odem erweckte Seele schaudert davor, weil so ein Epikureer doch stets nur ein abgefeimter Egoist ist und nur für seine Haut sorgt! Was kümmern ihn alle Menschen? Kann er von ihnen keinen Vorteil ziehen, so können sie alle vom Blitze getötet werden.
12] Das sind so die Hauptzüge eines Epikureers! Wieviel Geistiges in solch einem steinernen Gemüte Platz hat, das wird hoffentlich wohl schon sogar für jeden Blinden mit Händen zu greifen sein. Ja, zum Reichwerden auf dieser Erde taugen des Epikur Lehren am meisten, besonders wenn sie mit dem stoischen Zynismus unterspickt sind, wie es bei euch der Fall ist; aber zum Geistig-Reichwerden taugen sie am allerwenigsten, weil sie die reine Liebe zu Gott und zu dem armen Nächsten gänzlich ausschließen. So viel zu eurer Selbstbeleuchtung! Und nun lasset eure Gründe für euer recht essäisches Atheistentum hören!«


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