Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 12

Von der Rechthaberei.

01] Sage Ich: »Ja, du Mein sehr lieber Freund, da wird es Mir sehr schwer werden, dir oder deinen etwas anders meinenden Gefährten recht zu geben! Denn stelle dir einen Stock vor, der etwas locker in der Erde steckt; dieser soll, um dann etwas fest anhängen zu können, mittels einiger Holzschlägelschläge fester ins Erdreich getrieben werden. Es kommen aber zwei etwas ungeschickte Zimmerleute, noch sehr Jünger ihrer Kunst, hinzu, und einer, der sich für tüchtiger erachtet, sagt zu seinem Gefährten: "Bruder, gleich ist zwar unsere Kunstfertigkeit; aber dennoch gib mir den Schlägel, auf daß ich den ersten Hieb führe auf des Stockes Haupt! Denn mir ist das sehr eigen, den Nagel auf den Kopf zu treffen!" - "Gut", sagt der andere, "laß sehen, wie du der Nägel Köpfe gar so treffend zu behandeln imstande bist!" Darauf nimmt der erste den Schlägel und führt einen kräftigen Hieb. Er trifft den Stock, aber nur auf der linken Seite streifend, was den Stock durchaus nicht fester gemacht hat. Darüber lacht sein Kollege und sagt: "Gib nur wieder mir den Schlägel; denn mit solcher Bearbeitung seines Kopfes wird der Stock wohl nimmer fester als zuvor in der lieben Mutter Erde stecken!" Spricht der, der den Stock nicht auf den Kopf getroffen hatte: "Da, nimm den Schlägel und versuche du dein Glück!" Nun führt auch dieser einen allerkräftigsten Hieb, trifft des Nagels Kopf aber auch nicht, sondern streift ihn auf der rechten Seite. Und es entspinnt sich nun unter beiden ein Streit darum, welcher von ihnen etwa doch den besseren Hieb geführt habe. Daß darüber die beiden nicht leicht einig werden, ist begreiflich; denn wo zwei untereinander zu streiten anfangen, da nimmt der Streit nicht eher ein Ende, als bis ein Stärkerer und Geübterer hinzukommt und den beiden Streitern ums Recht zeigt, wie man den Nagel auf den Kopf trifft. Nachher geht es bei den beiden auch; aber ohne den dritten hätten die beiden wohl noch einige Zeit lang bloß darum gestritten, wer von ihnen den besseren Hieb geführt habe, ob der Streifhieb nach links besser war denn der nach rechts.
02] Und siehe, gerade also steht es mit eurem Streite, und Ich muß am Ende der dritte sein, der eurem Weisheitsstreite dadurch ein Ende macht, daß er den Nagel vor euch auf den Kopf trifft, ansonst ihr unterwegs zu einem blutigen Streite gelangen könntet, und das alles darum, ob der verfehlte Streifhieb nach links besser war als der ebenso verfehlte nach rechts!
03] Also weder du noch deine Gefährten habt in bezug auf das zustande gebrachte Wunder, und ob ein solches ein geistig ganz vollendeter Mensch auch zu bewirken imstande wäre, die Wahrheit gefunden, sondern kaum nur an dieselbe nach links und rechts gestreift!
04] Nun, daß Ich den Nagel wohl auf den Kopf treffen werde, das ist sicher und gewiß; aber bevor Ich noch darin für euch den sichern Hieb führen werde, mußt du hingehen zu deinen Gefährten und ihnen sagen, daß da weder die links noch die rechts meinende Partei recht hat, sondern eine jede kaum an die Wahrheit gestreift ist. Ihr müßt euch zuvor darin vergleichen, daß ihr völlig nichts wisset und verstehet in dieser Angelegenheit. Dann erst komme, und Ich werde dir dann kundtun, was da wahr und recht ist zu wissen und zu denken in dieser Sache!«
05] Mit dem geht der schwarze Anführer wieder zu seinen Gefährten und sagt ihnen alles. Diese aber sagten recht klug: »Es ist ganz recht, wohl und gut, daß der Herr Selbst uns gegeben hat diesen Bescheid; denn er taugt nicht nur für jetzt, sondern für alle künftigen Zeiten. Wie oft kam es schon unter uns vor, daß einer eine Sache so, und ein zweiter anders und ein dritter noch verschiedener anders beurteilte! Wer von den dreien hatte denn der vollen Wahrheit gemäß recht geurteilt? Gar keiner hatte den Stock auf den Kopf getroffen, vielleicht oft kaum gestreift! Es mußte endlich durch einen allgemeinen Rat und durch die Mehrheit der Stimmen entschieden werden, wer da in der Beurteilung einer Sache oder einer Handlung recht habe; und da geschah es sicher nicht selten, daß gerade derjenige von der Stimmenmehrheit das Recht zuerkannt bekam, der seinen Hieb am fernsten vom Stocke geführt hatte. Hätten wir damals schon solch weisesten Wink von jemandem erhalten, wie viele unnötige Zänkereien wären da hintangehalten worden! Aber so hatten wir diesen heiligen Wink nicht und gerieten oft in Zank und Hader bloß darum, weil ein jeder von uns der Weiseste sein wollte.
06] Aber es hatte das doch auch wieder sein Gutes; denn dieses ewige Zanken hat unsern Durst nach einer reinen Wahrheit stets mehr und mehr geweckt. Ohne diesen hätten wir fürs erste dich, Oubratouvishar, sicher nie zu unserem Wegweiser erwählt; ohne dich aber wären wir nie nach Memphis, und ohne Memphis noch weniger je hierher gekommen, wo wir nun gar die allerreinste Wahrheit aus dem Munde Dessen vernehmen können, der der ewigste Urgrund alles Lebens, alles Seins und aller Dinge ist. Gehe nun hin und entrichte unser aller innigsten Dank für den an uns alle gerichteten göttlich weisesten Wink, den wir durch die Tat von Nachkommen zu Nachkommen allerlebendigst und wahrhaftigst ehren wollen und werden! Keinen Zank darum unter unverkennbaren Brüdern!«


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