Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 7

Vom römischen Oberpriester. Eine Kritik am Heidenpriestertum in Rom.

01] Sagt Cyrenius: »Herr, Du kennst mein wichtiges und schweres Regierungsamt; aber nun kommt es mir vor, als läge gar nichts daran und als täte es sich von selbst auch ohne mich und besorgte sich von selbst ohne mein Zutun! Ich komme mir nun schon ordentlich also vor wie ein fünftes Rad am Wagen; denn ich weiß, daß Du, o Herr, nun alle Geschäfte für mich besorgst und in meiner Regierung noch nie eine größere Ordnung bestanden hat als eben jetzt, da Du, o Herr, für mich sorgest!
02] O du glückliches Kaiserreich! Rom, du mein Vaterhaus, wie sehr kannst du dich im geheimen freuen darum, daß der Herr Sein gnädiges Auge dir zugewandt hat und Sich auch aus deinen alten Mauern und Burgen und Hütten Kinder zeihen will! Herr, ich stehe Dir mit meinem Leben: Wärest Du statt hier in Rom und hättest vor den Römern ein solches Zeichen gewirkt, nicht ein Mensch bliebe übrig, der Dir nicht zollte die höchste göttliche Verehrung! Aber Du kennst Deinen Plan und kennst Deine Wege, und es ist darum schon so am besten, wie Du es angeordnet und bestimmt hast!«
03] Sagte endlich auch Meine Jarah, die bisher wie eine Maus geschwiegen hatte: »Wegen Rom sei du, hoher Statthalter, ganz ruhig! Die eigentlichen Römer wohl, die lasse ich mir schon noch gefallen; aber in Rom gibt es auch sehr viele Götzenpriester, die alle unter einem sogenannten Pontifex Maximus (Oberpriester bei den alten Römern) stehen! Diese haben das Volk im Sacke und mit ihren Hades- und gar Tartarusstrafen, welch letztere nur gleich ewig in einer allergräßlichsten Art fortbestehen sollen, beim Gewissenskragen! Wehe dem, der sich erkühnte, in solch ein Wespennest hineinzustechen! Wahrlich, dem würde es wohl ehest ganz erbärmlich schlecht ergehen! Ich glaube, daß eure Priester da noch um tausend Male ärger wären denn unsere Templer, die doch noch den Moses und die Propheten auf dem Rücken und an der Brust tragen, wennschon zumeist nur auswendig. Die euren aber haben auch auswendig nichts; all ihr Tun und Treiben ist die höchste Selbstsucht und unbezwingbare Lust, zu herrschen gleich nur über alles.
04] Haben mir doch einmal zwei bei uns Herberge nehmende untergeordnete Priester Roms erzählt und gesagt, daß der Pontifex maximus ein so hohes Wesen sei, daß sogar Zeus selbst, der alljährlich ganz gewiß einmal den P. M. besuche, sich sicher drei bis sieben Male vor ihm verneige, bevor er sich getraue, mit seinem allerhöchsten Stellvertreter auf Erden ein Wort zu reden und ihm in größter Ehrfurcht irgend neue Gesetze für das sterbliche Volk der Erde zu geben. Freilich ehre Zeus den P.M. nicht gerade seinetwegen, sondern nur der dummen Sterblichen wegen, die aus dem erkennen sollen, welch eine unaussprechliche und unermeßliche Hoheit und Majestät den allerhöchsten Stellvertreter des allerhöchsten Gottes auf Erden umkleidet.
05] Er sei ein Herr auf Erden über alle Kaiser, Könige, Fürsten, Feldherren und viele andere größte Herrlichkeiten. Dann habe er alle Elemente in seiner ausschließlichen Gewalt. Wenn er mit seinem heiligsten Fuße zornig auf die Erde stampfe, so bebe sie gleich vor Furcht wie das Laub einer Espe im wütendsten Sturme, und die Berge der Erde fingen an Feuer auszuspeien und unterstützeten so den erzürnten P.M., damit er desto ergiebiger kühle seine allzeit gerechte Rache im Namen des Zeus.
06] Von ihm allein hingen gute und schlechte Jahre ab. Segne er die Erde, so gebe es gleich überreiche Ernten auf der ganzen Erde; segne er die Erde aber nicht, so werde es auf der Erde mit den Ernten schon sehr mager aussehen, - und möchte er gar einen Fluch über die Erde aussprechen, da wäre aber dann schon alles rein hin, und über die Erde kämen Krieg, Hungersnot, Pestilenz und noch tausend andere allerunerhörteste Plagen! Außer dem Zeus müßten ihm alle anderen Götter gehorchen; im Verweigerungsfalle könnte er sie auf hundert Jahre von der Erde verbannen, - was aber nie geschähe und nie geschehen werde, weil alle Götter von der unaussprechlichsten Hoheit des P.M. zu sehr und zu lebenstief überzeugt seien.
07] Es habe demnach ein P.M. eine dreifache Hauptgewalt: erstens über alle Götter bis auf den Zeus, mit dem er natürlich auf einer ganz gleichen Rangstufe stehe, zweitens über die ganze Erde und deren Elemente, und endlich drittens über alle Menschen, Tiere und Bäume, Gesträuche und Pflanzen. Nebst dem aber gebiete er noch über alle Planeten und über alle Sterne, habe die Wolken, Winde, Blitze, den Donner, Regen, Hagel und Schnee in seiner Hand, und das Meer bebe in einem fort vor seiner unendlichen Macht!
08] Und so in dieser Weise haben mir die zwei römischen Priester noch eine Menge von ihrem P.M. vorgesagt. Ich dachte eine Weile, daß sie sich mit mir nur einen unzeitigen Spaß erlaubt hätten; aber ich überzeugte mich leider nur zu bald, daß die beiden Narren solches ganz ernstlich nahmen. Denn, als ich ihnen darauf von dem allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu vermelden begann und von Seinen Taten, da fingen sie an, mich recht brav auszulachen, und versicherten mir auf das lebendigste, daß ich total irrig und falsch daran wäre; denn sie hätten tausend Beweise für einen, daß es also sei, wie sie es mir kundgetan hätten.
09] Ich fragte sie, ob sie nicht wüßten, ob der P.M. sterblich oder unsterblich sei. Darauf hatte sich der eine etwas voreilig verschnappt und sagte, daß der P.M. zwar für die Erde wohl noch sterblich sei; sowie er aber sterbe, da nehme ihn Zeus sogleich ins höchste Elysium, allwo er dann hundert Jahre hindurch am Tische des Zeus speise und dadurch endlich auch im Reiche der Götter selbst eine wirkliche Gottheit werde. Diese Erzählung war dem andern gar nicht recht; denn er korrigierte gleich also: "Du hast nun wieder einen germanischen Stiefel zusammengeplaudert! Seit wann ist denn ein P.M. sterblich gewesen?! Was du von ihm aussagtest, das gilt ja nur von uns Unterpriestern, besonders, so wir uns nicht ganz und gar des P.M. Gunst haben zu erwerben verstanden; der P.M. stirbt nie und kann nicht sterben, weil ihm Zeus für alle Zeiten die Unsterblichkeit verliehen hat! Siehe<, sagte er weiter, >ich kenne nun schon bereits den vierten, und von allen vieren ist noch keiner je gestorben, und dennoch sitzt stets nur ein Unsterblicher auf dem Throne und nicht vier, obwohl sie alle vollkommen unsterblich sind, da kein P.M. je sterben, wie auch des allerhöchsten Thrones auf Erden nie verlustig werden kann!"
10] Sagte endlich einmal wieder ich: "Aber das ist ja rein unmöglich! Wie können denn vier einer sein und einer vier?! Das kommt mir wohl wie ein germanischer Stiefel vor! Kurz<, sagte ich, >euer P.M. ist durch euch zu einem Weltnarren gestempelt und ist sonst ebensogut ein sterblicher Mensch wie unsereiner, und seine Macht besteht vor allem in den Waffen des Kaisers, in der großen Dumm- und Blindheit des verwahrlosten Volkes und endlich in einer Art schlechtester Zaubereien; denn vor sehr dummen und geistig blinden Völkern ist leicht Wunder wirken! Geht, laßt mich mit euren Dummheiten gehen! Es wird wohl genug sein, daß ihr so recht blitzdumm seid! Warum soll auch noch ich an eurer Seite es werden?"
11] Darüber wurden die beiden ganz grimmig auf mich und auch unter sich und fingen bald an, sich gegenseitig die bittersten Vorwürfe zu machen, und prügelten sich gegenseitig zur Tür hinaus. Ich aber fragte sie noch zum Fenster hinaus, als sie sich wie ein paar Hunde herumbalgten, ob das auch der P.M. verordnet hätte durch ein neues Zeus'sches Gesetz aus dem Elysium. Aber sie vernahmen zum Glück meine Stimme nicht und bewiesen einander gegenseitig pro und contra stets mehr die Unsterblichkeit des Pontifex Maximus, bis endlich einige unserer Hausknechte sie auseinanderbrachten.
12] Nun aber bitte ich dich, du lieber, hoher Cyrenius, wie hätte sich bei solch einer dümmsten Volksfanatik der Herr in Rom ausgenommen? Ohne Feuer und Schwefelregen sicher schlechter als schlecht! Oh, der liebe Herr wußte es schon von Ewigkeit her, wo es zu dieser Seiner Zeit auf der Erde noch immer am besten und am zweckmäßigsten sein werde, und ist darum auch gerade dahier und nirgends anderswo in die Welt unter Seine Menschen getreten! Siehe, das ist so meine Ansicht; wie lautet dagegen etwa die deinige? Was hältst denn du oder der Kaiser in Rom von dem so ominösen Pontifex Maximus?«


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