Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 68

Zorels Entschuldigungen.

01] Die Neugier der Weiber ist zwar groß gewesen; aber Mein Wort wirkte dennoch mächtiger, und alle begaben sich in die Zelte des Ouran, allwo sie so lange zu verweilen hatten, bis man sie wieder berief.
02] Als die Weiber auf diese Weise versorgt waren, sagte Johannes zum Zorel: »Nun, wie sieht es denn aus mit dem Losdrücken deines gespannten Bogens? Mir scheint es, als hättest du deine vielen scharfen Pfeile alle ins Blaue verschossen, ohne irgend etwas getroffen zu haben. Und doch wolltest du zuvor sogar mit der unendlichen Weisheit Gottes einen Kampf eingehen! Ich sage dir, daß du nun redest, so du noch etwas zu reden vermagst!«
03] Sagt endlich Zorel: »Was soll ich da noch reden? Dir ist - die Götter wissen's woher - ja ohnehin alles bekannt, was ich von der Wiege an alles angestellt habe; warum soll ich dir dazu noch etwas mehreres erzählen? Ich könnte nun auch reden; aber wozu mich noch weiter rechtfertigen? Wie ich war und zum größten Teile noch bin, so handelte ich auch; denn ich konnte ja nicht anders handeln, als ich beschaffen war in meinem Gemüte! Können denn ein Löwe und ein Tiger darum, daß sie wilde, reißende Bestien sind? Das ist einmal ihre Natur, und sie sind doch sicher darum nicht im Grunde und Boden fehlerhaft, weil sie so sind, wie sie sind! Wenn sie schlecht sind, so trägt daran die Schuld nur Der, der sie also geschaffen und gemacht hat!
04] Warum kann es Tausende von Menschen geben, die da frömmer denn die Lämmer sind, und warum bin ich's denn nicht?! Habe ich mich etwa selbst erschaffen und also gemacht?! Wollte ich aber schon ganz schlecht sein, so könnte ich dir jetzt noch alles in die vollste Abrede stellen, was auch du aus deiner Weisheit mir vorgetragen hast; denn einzelner Menschen Weisheitssprüche gelten bei uns vor dem Forum des Weltgerichtes nie als ein Beweis, solange sie nicht durch andere Zeugenaussagen als sich durch und durch bestätigend erwiesen werden. Aber ich erkenne deine Weisheit und glaube in dir den Menschen zu erkennen, der mir nun nicht schaden, sondern nur helfen will, und gestehe darum auch das, was du über mich aussagtest, als etwas Wahres. Ich leugne die Wahrheit alles dessen nicht im geringsten; aber irgend rechtfertigen werde ich mich wohl etwa immer noch dürfen!
05] Du hast aber ohnehin das freie Recht über mich, alles laut vorzutragen, was ich je zufolge meiner dazu inklinierenden (neigenden) Natur angestellt habe; denn mehr als töten könnet ihr mich nicht dafür, und dem Tode kann ich mutigst in die hohlen, finstern Augen schauen und habe keine Furcht vor ihm! Du kannst aus dem schon ersehen, daß ich kein heuriger Hase bin. Wenn dir aus meinem allerlumpigsten Leben etwa noch so einige Mordspektakel bekannt sein sollten, so packe damit nur aus; denn mich geniert nun schon lange nichts mehr in der Welt!
06] Übrigens hast du in bezug auf die fünf Mägdlein dahin ein wenig zuviel aufgetragen, so du mich beschuldigest, daß mir um sie bloß darum leid war, weil mir durch ihren Tod, der auch nicht so ganz von einer leichten Schändung herrührte, sondern durch den Rücktritt eines bösen Aussatzes erfolgte, ein bedeutender Gewinn entging; ich könnte dir sogar etliche glaubwürdige Zeugen auffahren, die es gehört haben, daß ich den Zeus inständigst bat, mir die fünf Mägdlein zu erhalten, und tat den Göttern einen Schwur, die Mägdlein als Töchter zu behalten für immer, so sie gesund würden und am Leben blieben. Als mir aber trotz aller Pflege im Verlaufe von dreißig Tagen dennoch alle fünfe starben, ward ich untröstlich und tat abermals einen Schwur, kein Mädchen mehr zu berühren und keinen Sklavenhandel mehr zu betreiben. Das hielt ich bis zur Stunde, habe mich ebendarum hierhergezogen und meine Besitzung mir angekauft, mit der ich durchs Feuer nun alles verlor, was ich mir je irgend erworben hatte. - Rede du nun, ob ich auch diesmal eine Unwahrheit geredet habe!«


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