Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 58

Richtet nicht!

01] Nach diesen Warten schlief unser Zorel wieder ruhig, und Zinka sagte: »Nein, was dieser Mensch uns jetzt alles geoffenbart hat! Wenn das alles also wahr ist, dann haben wir eine Kenntnis erhalten, von der schwerlich je irgendeinem Propheten etwas geträumt hat! Nein, ich bin ganz wie aufgelöst von dieses Menschen tiefster Weisheit! Wahrlich! Kein Engel kann eine tiefere Weisheit besitzen!«
02] Sagt auch Cyrenius: »Ja, dem Menschen muß geholfen werden; denn so viel des höchst Wundervollen aus Deiner göttlichen Ordnung ist hier noch nicht enthüllt worden! Mathaels Enthüllungen waren groß und machten mich sehr denken; aber was nun dieser Zorel alles enthüllt hat, ist unerhört! Kaum glaublich und denkbar, daß solche innersten Weisheitstiefen sich noch in menschliche Worte einkleiden und dann als klar verständlich darstellen lassen! Kurz, ich bin ganz außer mir ob diesem Zorel! Könnte er das auch im nachfolgenden fleischwachen Zustande sagen, oh, ich würde ihn auf einen Thron setzen, von dem herab er den Menschen die hohe Wahrheit predigen sollte, auf daß sie alle desto sicherer erreichten ihres Seins und Lebens wahre und vollendete Bestimmung!«
03] Sage Ich: »Ganz gut, Freund Cyrenius! Es liegt vorderhand weniger an dem, was er in seinem dritten Stadium geweissagt hat - obschon es durchgängig wahr ist -, als vielmehr an dem, daß ihr in der Folge über keinen Menschen darum den Stab brechet, weil er an sich eine kranke Seele ist. Denn ihr alle habt es nun gehört und empfunden, wie auch in einer noch so kranken Seele ein völlig allergesundester Lebenskeim rastet; und wird die Seele durch eure brüderliche Mühe gesund gemacht, so habt ihr einen Gewinn gemacht, den euch ewig keine Welt bezahlen kann! Welchen Nutzen kann danach ein solch vollendeter Mensch stiften! Wer ermißt dessen Tragweite?! Ihr Menschen wisset es nicht, aber Ich weiß es, wie weit solch eine Mühe sich der Mühe lohnt!
04] Darum sage Ich es euch: Seid allzeit barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider eure und wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begehen möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, da die Sünde stets nur eine Folge einer kranken Seele ist.
05] Wer aus euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet?! Ein Gesetz aus Mir aber besteht ja eben darin, daß ihr niemanden richten sollet (vgl. mt.07,01 f.}! Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an Meinem Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja im gleichen Maße an Meinem Gesetze! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder einen andern Sünder richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß, während ihr euren seelenkranken Bruder zur harten Sühne verdammet, ihr damit auch für euch ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst, wenn nicht nach Umständen auch schon hier, vollzogen werden wird?!
06] So einer aus euch ein Sünder ist, der lege das Richteramt nieder; denn richtet er, so richtet er sich selbst in doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat. Kann denn je ein Blinder einen andern führen oder ihn setzen auf den rechten Weg?! Oder kann ein Tauber einem andern Tauben etwas erzählen von der Wirkung der Harmonien der Musik, wie sie am reinsten geübet ward vom David? Oder kann ein Lahmer zum andern sagen: "Komme her, du Elender, ich werde dich führen auf die Herberge!?" Werden da nicht alle beide bald ausgleiten und fallen in einen Graben?!
07] Daher merket euch das vor allem, daß ihr niemanden richtet, und leget das auch allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel zeihen, - bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst.
08] Niemand zwar ist ganz vollkommen auf dieser Welt; doch der Vollkommenere im Verstande und im Herzen sei der Leiter und Arzt seiner kranken Brüder und Schwestern, und der selbst stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er samt dem Schwachen, und sie werden beide nicht mehr von der Stelle kommen!
09] Daß ihr alle aber das so recht grundrichtig und wahr einsehet, dazu habe Ich euch eben mit diesem Zorel so ein recht handgreifliches Beispiel gestellt, aus dem ihr wohl erkennen möget, wie sehr und wie hoch gefehlt es ist, einen Verbrecher nach eurer Art zu richten! Zwar wird eure Art zu richten stets ein Angehör der Welt verbleiben, und dem Drachen der Tyrannei wird das harte, diamantene Haupt schwer je völlig zertreten werden - denn die Erde ist ja eben darum eine Probewelt für Meine angehenden Kinder -; aber unter euch soll es nicht also verbleiben, denn unter euch streuen die Himmel Früchte mit reichlichen Samenkörnern versehen.
10] So ihr die Früchte Meines Eifers nun genießet, da vergesset es ja nicht, die davon entfallenden Samenkörner so reichlich als möglich in die Herzen eurer Brüder und Schwestern zu streuen, auf daß sie darin aufgehen und eine reichliche und gesunde neue Frucht tragen mögen! Wie sich aus den ins Herz gelegten Samenkörnern aber eine neue wunderbare Frucht erzeugt, das hat euch Zorel nahe ins kleinste klar und deutlich gezeigt. Tut also danach, so werdet ihr wie aus euch selbst schon Leben zeihen und eben dadurch selbst das ewige Leben in aller euch nun bekannten Vollendung überkommen! Das ist nach diesem Händeauflegungsakte für euch zur möglichst genauesten Danachachtung und Handhabung gegeben.
11] Nun aber ist die Zeit herangekommen, wo du, Zinka, dem Zorel deine Hände entgegengesetzt auflegen mußt, auf daß er wach werde; dann aber, so er wach wird, gib du, Markus, ihm Wein mit etwas Wasser, auf daß sein Leib in die frühere Kraft komme! So er aber wach wird und zu reden anfangen wird wieder wie früher, da ärgert euch nicht und erinnert ihn nun gar nicht an das, was er in seiner Ekstase geredet hat; denn solches könnte ihm einen leiblichen Nachteil bewirken. Belachet ihn aber auch nicht, so er mit irgendeiner Dummheit zum Vorscheine kommen wird! Ganz sachte könnet ihr nach und nach auf Mich hinlenken; aber nur keine Übereilung dabei, weil durch sie vieles auf lange Zeit für ihn verdorben werden könnte! Und jetzt gehe du, Zinka, an dein Werk, dieweil der Markus mit dem Weine und Wasser bereits schon da ist!«


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