Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 53

Jorel im Paradiese.

01] (Zorel:) »Ah, mein inneres Lebenslicht wird nun aber schon ungeheuer stark; es durchdringt nun schon alle meine Eingeweide! Oh, wie wohl doch tut dieses Licht meinem ganzen Wesen! Aber ich sehe es nun in der Gestalt eines vierjährigen Kindes von ungemein freundlichem Aussehen! Und sehr weise muß es sein; denn es sieht aus wie ein reinst gedachter kleiner Gott, aber nicht wie ein Phantasiegott der Ägypter, Griechen und Römer, sondern wie ein wundersames Abbild des wahren Gottes der Juden! Es ist ein Abbild der wahren Gottheit!
02] Oh, jetzt erkenne ich es wohl, daß es nur einen wahren Gott gibt; aber nur diejenigen werden Sein heiliges Angesicht schauen, die eines vollkommen reinen Herzens sind! Ich werde wohl schwer zu dessen Anschauung gelangen; denn mein Herz war schon ganz verzweifelt unrein! Du wohl, Freund Zinka; denn an deinem Herzen entdecke ich beinahe gar nichts Unreines, außer den Fleck und den Faden, mittels welchem du notwendig mit der Welt noch eine Zeitlang zusammenhängend bleiben mußt!
03] Aber nun erst erschaue ich in wohl noch ziemlicher Ferne das breite Ende der Allee. Nun ist von keinem Meere irgendwo mehr eine Spur, überall üppigstes und wunderschönstes Land, Gärten an Gärten; überall stehen die schönsten Häuser und Paläste! Ach, ist das doch eine unbeschreibliche Herrlichkeit!
04] Mein Freund sagt, dies sei noch lange kein Himmel, sondern das sei das Paradies. In den Himmel wäre bis jetzt noch kein Sterblicher gekommen; denn dahin sei bis jetzt noch keine Brücke erbaut worden. Alle die Guten, die vom Anfange der Schöpfung an auf der Erde gelebt haben, weilen hier mit Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Jene hohen Berge begrenzen dieses gar wundersam herrliche Land. Wer auf jene Berge käme, der würde wohl den Himmel erschauen mit den großen Scharen der Engel Gottes, aber hinein könnte niemand kommen so lange, als über die große Kluft, die keinen Boden habe, nicht eine feste Brücke für ewig dauernd erbaut sein wird.
05] Wir gehen nun so schnell wie ein Wind. Mein Lichtmensch in mir hat bereits die Größe eines achtjährigen Knaben, und es kommt mir vor, daß seine Gedanken wie Blitze mein ganzes Wesen durchzucken. Ich fühle wohl ihre unbegreifliche Erhabenheit und Tiefe, aber ihre Formen erfasse ich noch nicht. Es muß etwas Wundersamstes darin sein! Jeder ausfahrende Gedankenblitz aber verursacht mir ein unbeschreibbares Wonnegefühl! So eine Wonne kennt die ganze Erde nicht, kann sie auch nicht fühlen! Denn die ganze Erde ist ja nur ein Gnadengericht Gottes, aber immerhin ein Gericht; im besten Gericht aber sind die Wonnen stets spärlich ausgeteilt.
06] Nun kommen wir den hohen Bergen schon sehr nahe, und immer herrlicher wird es! Welch eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Wundern über Wundern! Sie alle zu beschreiben würden tausend Menschenalter nicht auslangen!
07] Und da siehe erst, an den Bergen wohnen eine Unzahl von den schönsten Menschen! Aber uns beide, das heißt mich und meinen lieben Freund, scheinen sie nicht zu bemerken; denn sie gehen eilenden und stets muntern Schrittes an uns vorüber, tun aber nicht dergleichen, als sähen sie uns, während doch meinen Freund sichtlich alle Bäume begrüßen! Ein sonderbares Geistervolk das!
08] Aha, aha, bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Gipfel eines hohen Berges erstiegen! O Gott, o Gott, da stehen wir nun, und besonders ich, wie ein wahrer Ochse am Berge! Ich erschaue stets klarer in die weiteste Ferne hin einen großen, übersonnenhellen Horizont. Da soll der Himmel Gottes Anfang sein, der aber dann immer fortginge, höher und höher ewig fort!
09] Aber zwischen hier und dort gähnt eine Kluft, größer denn der Raum zwischen der Erde und der Sonne! Darüber werde nun eine Brücke erbaut werden! Bei Gott mag das wohl alles ganz gut möglich sein!
10] Aber nun ist mein innerer Lichtmensch schon so groß wie ich selbst, und sonderbar, ich werde nun schläfrig, und der Freund heißt mich auf dem grünen und duftigen Rasen ausruhen! Ich werde es auch tun!«


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