Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 51

Der Leib der Seele.

01] Nun macht Zinka mit seinen Gedanken eine Frage und sagt: »Hat denn die Seele auch einen Leib?«
02] Diese Frage stellte Zinka, weil er selbst keinen Dunst von dem hatte, wie da eine Seele aussieht und beschaffen ist. Denn der gewöhnliche jüdische Begriff von der Seele war, daß sie sich solche als eine Art von einem dunstigen Nichts vorstellten und sagten: sie, die Seele, sei ein purer Geist, der einen Verstand und Willen, aber durchgehends weder eine Gestalt, noch weniger irgendeinen Leib habe.
03] Zinka machte darum große Augen, als Zorel ihm auf die Gedankenfrage zur Antwort gab: »Na freilich hat die Seele auch einen, zwar nur ätherischen Leib, aber für die Seele ist ihr Leib ebenso vollkommen Leib, wie dem Fleische das Fleisch vollkommen Leib ist. Nichts fehlt dem Seelenleibe, was immer da innehat der fleischliche Leib. Du siehst solches mit deinen Fleischaugen freilich wohl nicht, aber ich kann das alles sehen, hören, empfinden, riechen und schmecken; denn auch die Seele hat dieselben Sinne, wie sie der Leib hat als Verkehrsmittel zwischen sich und seiner Seele.
04] Die Sinne des Leibes sind die Leitzügel in den Händen der Seele zur Beherrschung ihres Leibes für die Außenwelt. Hätte der Leib solche Sinne nicht, so wäre er gänzlich unbrauchbar und der Seele eine unerträgliche Last.
05] Denke dir nur einen Menschen, der völlig blind und taub wäre, nichts fühlte, weder Schmerz noch das Behagen der Gesundheit, und auch keinen Geruch und keinen Geschmack hätte; sage es dir selbst, ob der Seele mit solch einem Leibe in etwas gedient wäre! Müßte sie bei ihrem sonstigen vollsten und klarsten Bewußtsein nicht völlig verzweifeln?
06] Aber im gleichen Maße würden der Seele die schärfsten Sinne des Leibes nichts nützen, so sie nicht selbst in ihrem ätherischen Leibe ganz dieselben Sinne besäße! Weil aber auch die Seele dieselben Sinne besitzt wie der Leib, so nimmt sie denn auch leicht und bestimmt mit ihren feinen Sinnen wahr, was vorausgehend die Sinne des Leibes von der Außenwelt wahr- und aufgenommen haben. Nun weißt du, wie die Seele auch eine leibliche Form ist.
07] Du weißt es zwar nun, da ich es dir gesagt habe, wie ich es nun schaue, fühle und wie körperlich empfinde; wenn ich aber wieder wach werde, dann wirst du das noch wissen, aber ich werde nichts davon wissen, weil ich das nun nur mit meinen feinen Seelensinnen sehe, fühle und empfinde und nicht zugleich auch mit den Sinnen des Leibes.
08] Würde ich das alles nun auch mit den Sinnen des Leibes wahrnehmen, so würden diese auf meines Gehirnes Nerven und entsprechend auf die Lebensnerven des Fleischherzens gewisse Merkmale eingraben, und ich Seele würde sie dann in meinem Fleischleibe wiederfinden und sie durch und durch erkennen. Aber da ich nun nahe außer allem Verbande mit meinem Leibe frei dastehe und auf die Sinne meines Leibes nicht rück- und einwirken kann, so werde ich nach dem Wiedereintritte in meinen Leib von all dem gar nichts wissen, was ich nun sehe, höre und fühle und rede, und was alles nun mit mir vorgeht.
09] Es hat aber die Seele auch für sich gar wohl ein Erinnerungsvermögen und kann sich demzufolge an alles Kleinste und Unbedeutendste erinnern, was je mit ihr vor sich gegangen ist; aber nur in ihrem freien Zustande kann sie das. Ist sie aber im sie durch und durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke; ihr Selbstisches aber nimmt sie oft kaum derart wahr, daß sie sich ihrer selbst nur insoweit bewußt wird, daß sie da sei, geschweige daß sie von den in ihr rastenden höheren und tieferen geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.
10] Du hast auch eine Seele, wie ich selbst nun eine völlig freie Seele bin; aber du wußtest auch wenig oder nichts von dir selbst. Der Grund davon liegt im finstersten Fleische, mit dem eine Zeitlang eine jede Seele umhüllt ist. Erst nun, weil ich dir durch des noch lebendigen Leibmundes Stimme einige Eindrücke in deines Hinterhauptes Nerven machte und du als Seele nun durch solche Eindrücke die gleichen Urmerkmale in dir selbst liesest, so weißt du nun auch als Seele und nicht als Fleisch, daß du eine Seele hast und auf Grund deines Denkens und Wollens selbst Seele bist, die in ihrem ätherisch-leiblichen Wesen die gleiche Gestalt hat wie dein Leib.
11] Wundere dich aber übrigens gar nicht, so ich dir nun sage, daß ich nachher bei meinem Erwachen ins irdische Leben nichts mehr wissen werde von alldem, was ich dir nun gesagt habe; denn ich habe dir den Grund davon erklärt!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers