Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 11

Freundliche Antwort des Cyrenius an Zinka.

01] Cyrenius macht über diese Einwendung große Augen und sagt zu Mir mit halblauter Stimme: »Der Mensch ist wahrlich nicht auf den Kopf gefallen und scheint recht viel Gemüt zu besitzen. Dem sollte geholfen werden! Was meinst Du, o Herr, soll der Mann und etwa auch sein Gefolge zu uns gewendet werden?«
02] Sage Ich ganz offen: »Mit einem Hiebe fällt kein nur einigermaßen starker Baum! Mit einer gewissen Geduld aber kann ein Mensch viel ausrichten. Auch muß man den, den man führen will ans Licht, nicht in die volle Mittagssonne schauen lassen. Denn gibt man ihm mit einem Male zu viel Licht, so wird er blind auf eine längere Zeit; wenn man ihn aber so nach und nach uns Licht gewöhnt, so wird er dann auch im hellsten Lichte alles in großer Klarheit zu sehen imstande sein und darauf in keine Blindheit mehr übergehen.
03] Dieser Mensch aber hat Mir damit nun einen guten Dienst erwiesen, indem er als Augen- und Ohrenzeuge vor Meinen Jüngern getreulichst ausgesagt hat, wie Mein Vorläufer Johannes, der in den Gegenden des Jordans gepredigt und getauft hatte, von Herodes gefangen und ums Leben gebracht wurde. Nicht Meinet-, sondern Meiner Jünger wegen soll er noch kundgeben, warum denn Herodes den Johannes so ganz eigentlich fangen und ins Gefängnis werfen ließ. Stelle du an ihn die Frage!«
04] Sagt Cyrenius, sich zu Zinka wendend: »Freund, meine Sentenz wollte ich nicht also verstanden haben, daß ich die Diener und Knechte eines Wüterichs auch dann möchte züchtigen lassen, wenn sie nicht von ferne in ihrem Gemüte seines Sinnes sind, - nur dann, so sie es wären und hartnäckig und gewisserart schon eigenwillig das arge Vorhaben ihres herrscherischen Wüterichs vollziehen würden! Aber Menschen wie du, die das Unmenschliche ihres unmenschlichen Gebieters nur zu gut einsehen und es in ihrem Herzen tiefst verabscheuen, werde ich stets nach Recht und größter Billigkeit zu behandeln verstehen!
05] Warum aber Gott nicht selten das Laster auf dieser Welt triumphieren läßt, während die Tugend oft leidet und bis zum Leibestode erdrückt wird, davon, Freund, ist wohl auch ein gar herrlicher Grund vorhanden, liegt aber für deinen gegenwärtigen Verstandeszustand noch viel zu tief, als daß du ihn nun fassen könntest samt deinen Gefährten, deren Verstand noch um vieles äußerlicher zu sein scheint als der deinige; aber es wird schon noch eine Zeit - vielleicht in Kürze - kommen, in der du es ganz genau einsehen wirst, mit deinem ganzen Gemüte sogar, warum es auch Herodesse geben muß!«
06] Sagt Zinka: »Herr, der du mir soeben die Gnade erwiesest, mich mit dem Worte 'Freund' anzureden, laß dies vielbedeutende Wort keinen leeren Schall sein, so wie es nun unter den Menschen leider nur zu oft gebräuchlich ist! Hast du aber das Wort in der wahren Bedeutung genommen, so erweise mir die Freundschaft und lasse auch meine neunundzwanzig Gefährten losbinden von den schweren Fesseln! Daß weder ich noch sie dir durchgehen werden, dafür steht schon erstens die starke Wache, und zweitens und haUptsächlich dein freundliches Wort. Glaube es mir - ich rede nun ganz frei und offen -: Wir alle sind mit höchstem Widerwillen das, was wir leider sind! Könntest du uns von diesem Joche befreien, so würdest du das menschlichste und gerechteste Werk vollbracht haben!«
07] Sagt Cyrenius: »Laßt das gut sein; das soll meine Sorge sein! Sehet umher, und ihr erblicket lauter Gerettete aus der Hand des Verderbens! Es werden darunter wenige sein, die nicht nach unserer römischen Strenge entweder das scharfe Beil durch den Hals oder gar das Kreuz verdient hätten; und siehe sie an, wie sie als wahre Menschen nun wie lauterstes Gold vor uns stehen und keiner sich wünscht, unsere Gesellschaft zu verlassen! Ich hoffe es, daß es euch jüngst ebenso ergehen wird; denn bei Gott sind alle Dinge ganz leicht möglich, wovon ich selbst die lebendigste Überzeugung habe.
08] Aber nun erlaube du mir, noch eine recht gewichtige Frage an dich zu richten, und diese besteht darin: Du hast uns allen einen recht gewichtigen Dienst dadurch erwiesen, daß du uns ganz offen kundgetan hast, wodurch und wie der würdige Seher Gottes durch Herodes ums Leben gebracht worden ist; nun, du warst aber sicher auch bei seiner Gefangennehmung zugegen!? Könntest du mir denn nicht auch dazu noch kundgeben, warum und aus welcher Veranlassung denn so ganz eigentlich Herodes den Johannes, der ihm sicher nichts zuleide getan hatte, hat gefangennehmen lassen? Denn irgendeinen Grund muß er dazu denn doch gehabt haben!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers