Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 5

Der Zweifel des Kornelius.

01] Auf dies Mein Wort tun zwar alle sogleich, was Ich angeordnet habe, - aber die meisten nicht eben gar zu gerne, da sie gern das Wunder in der Nähe beobachtet hätten; es getrauet sich aber niemand, Mir eine Bemerkung zu machen. Wir kommen an unsere Tische und setzen uns, und greifen auch zu den Fischen, die diesmal gar sehr wohlschmeckend bereitet sind, und essen sie recht heitern Mutes.
02] Besonders ist diesmal Meine Jarah bei guter Laune und sagt: »Ich weiß es wirklich nicht, wie das kommt, daß ich heute gar so heitern Mutes bin. Aber etwas merke ich dennoch, und das ist, daß alle andern nicht ebenso heiter sind wie ich! Ich bin zwar ein Mädchen und sollte von der Neugier auch am meisten geplagt sein, - aber es ist hier gerade umgekehrt! Die Männer lugen stets hin, ob die neun schon erwacht seien, Ich habe noch gar nicht hingelugt, habe sie aber dennoch schon fortgehen sehen einen nach dem andern, - und die Männer und Herren und Könige sehen noch immer dahin und fragen sich im Gemüte, ob sie wohl wieder lebend geworden seien? Oh, schon vor einer kleinen halben Stunde! Gleich, als wir zu den Tischen kamen, fingen die neun an, sich zu rühren und erhoben sich vom Boden einer nach dem andern, rieben sich den Schlaf aus den Augen und entfernten sich dann. Ich bemerkte solches ganz leicht durch die uns etwas von jener Stelle verdeckenden Bäume, weil ich klein bin und unter den Zweigen der Bäume recht leicht hinwegsehe; ihr aber seid groß, und die Baumäste verdeckten euch das Wunder der Macht des göttlichen Willen. Jetzt aber ist es schon zu spät; so ihr auch hinginget, würdet ihr nichts finden als höchstens die Stellen, über denen die neun gelegen sind. Auch jene, die der Herr gestern bald nach dem Sturme erweckt hat, sind mit den neun heimwärtsgezogen.«
03] Sagt Kornelius: »Aber hast du doch gute Augen und entdeckest alle. Wenn denn schon alles vorüber ist, da ist ja ohnehin alles wohl und gut, und wir brauchen nichts als das sichere Gelingen dessen, was der Herr anordnet und will; denn ein einziges Mißlingen würde manche Zweifel bei den Hartgläubigen hervorrufen.Hast du die neun aber auch wirklich sich erheben und fortziehen sehen?«
04] Sagt die Jarah, ein wenig aufgeregt: »Na, ich meine doch, daß man in mir keine Lügnerin erschauen wird!? Solange ich lebe und denke, ist noch nie eine Lüge über meine Lippen gekommen, - und an der Seite meines Herrn, meines Gottes und allerwahrhaftigsten Meisters sollte ich eine Lüge vorbringen, um dadurch eure Neugier zu stillen?! Oh, da kennst du, hoher Herr, die Jarah noch lange nicht! Sieh, im noch so hellen Verstande wohnt auch die Lüge; denn du kannst jemandem aus deinem Verstande etwas erklärt haben nach dem, wie es dir einleuchtend war; aber es war dein Dir-einleuchtend-Sein ein ganz grundfalsches, und du hast mit deinem Erklärer vollkommen gelogen, - denn du hast dich und deinen Nächsten hinters Licht geführt. Aber die wahre und reine Liebe lügt nie und kann nicht lügen, weil sie den Nächsten, als auch ein Kind Gottes, mehr denn sich selbst achtet und Gott aber über alles! Ich aber bin voll Liebe zu Gott und somit auch zum Nächsten - und sollte dir demnach eine falsche Kunde zu geben imstande sein?! Hoher Kornelius, diese Zumutung war als von dir ausgehend eben nicht sehr artig!«
05] Sagt Kornelius: »Aber, allerholdeste Jarah, also habe ich es ja ewig nie gemeint! Ich fragte dich darum also, weil dies eine ganz gewöhnliche Frageweise ist, dachte aber nicht im entferntesten daran, als hättest du mir irgend etwas Unwahres sagen wollen! Frage den Herrn Selbst, der doch sicher weiß, wie es in meinem Gemüte aussieht, ob ich dich, du treuherzigstes, holdestes Mädchen, einer Lüge habe zeihen wollen! Die neun sind erweckt worden durch des Herrn Willen und sind auch schon abgereist ebenfalls nach dem Willen des Herrn, und die ganze Sache ist damit abgetan, Ich gab dir aber die etwas plumpe Frage aus purer Gewohnheit und dachte eigentlich gar nichts dabei. - Wirst du mir darum wohl gram sein können?«
06] Sagt die Jarah: »O mitnichten, aber ein zukünftiges Mal mußt du deine Fragen ein wenig besser überdenken! Nun aber verhandelt etwas anderes; denn wir haben nun des Leeren zur Genüge verhandelt!«
07] Sagen Kornelius und Cyrenius: »Ja, ja, da hast du wohl recht; es ist um jede Minute Zeit schade, die wir selbst verplaudern, so der Herr unter uns ist! Lassen wir nun dem Herrn allein die Ehre, etwas zu bestimmen und anzuordnen!«
08] Sage Ich: »Lasset das gut sein; wir haben nun Zeit zum Fischen und wollen dem Markus einen guten Vorrat verschaffen! Nach dem Mittage aber wird schon wieder was vorkommen!«
09] Der alte Markus, der solches von Mir vernahm, gebot sogleich seinen Söhnen, die nötigen Fahrzeuge zurechtzubringen; denn die Fische im großen, eingezäunten Behälter am See hatten durch den gestrigen Sturm ziemlich viel gelitten.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers