Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 62

Risas Weltweisheit.

01] Darauf wird es still an dem Tische, dafür aber geraten die dreißig jungen Pharisäer und Leviten in einen Zank untereinander, weil ihnen ihr Redner Hebram auch das Schweigen gewisserart befohlen hat. Besonders ist unter ihnen ein gewisser Risa, dessen Eltern viele Güter besitzen, die nach ihrem Tode ihm als dem einzigen Erben zufallen müßten. Dieser hält sich sehr auf, als ihn Hebram daran erinnert, daß er nun lieber der weisen Worte Mathaels und besonders jener des Heilandes aus Nazareth in der Ruhe seiner Zunge gedenken solle, als in einem fort seinen Mund um sein nichtiges Erbe zu wetzen.
02] Risa aber macht dem Hebram die schmutzige Gegenbemerkung, sagend: »Die armen Teufel werden am Ende stets fromm und rutschen in allerlei Weisheit, weil sie wissen, daß sie von der Welt nicht viel zu erwarten haben; und die Großen und Reichen werden manchmal auch fromm und weise, auf daß sie die rabiat gewordenen armen Teufel leichter wieder zur Sanftmut und Geduld zurückführen können und diese sich künftighin ihre sie sehr drückende Armut wieder gefallen lassen!
03] Der Reiche geht in die Synagoge und betet vor dem Angesichte des Armen, um diesem glauben zu machen, wie fromm man sein müsse, um von Gott also gesegnet zu sein; und der Arme betet ebenfalls viel, erstens, um auch von Gott gesegnet zu werden, und zweitens, daß ihn der Reiche sieht und ihm darob etwa doch ein Almosen reicht. Was Unterschiedes ist dann zwischen beiden? Gar keinen Unterschied gibt es da! Denn da blendet der Reiche den Armen und der Arme so viel als möglich den Reichen, um von ihm etwas zu bekommen. Aber mich führt niemand hinters Licht, auch kein Wundertäter; denn die Wundertäter wissen es gar gut, für wen und warum sie ihre Scheinwunder verrichten! Wenn sie sehr große Meister ihrer geheimen Künste sind, da schlagen sie oft freilich groß und klein breit, werden förmlich als höhere Wesen verehrt und dadurch reich und mächtig!
04] Kurz, für die Blinden ist es leicht, ein Maler zu sein; man malt ihnen einen Bären vor und sagt: 'Seht, das ist eine reizende Jungfrau!<, und sie glauben es. Sollte aber vor mir jemand ein Wunder machen, so wird er dadurch den scharfsehenden Risa dennoch nicht blenden und sich auch kein Almosen verdienen und bekommen!
05] Alles in der Welt ist Betrug; der am meisten betrügen kann, ist stets am höchsten oben! Der es aber in seinen Betrügereien etwas ungeschickter macht, der wird auch auf der holprichten Bahn des Glückes keine zu großen Sprünge tun!
06] Glücklich aber ist nur der, welcher schon vom Anbeginn her ein reicher Besitzer ist von allerlei Gütern und dazu vom möglich größten Scharfblick, auf daß ihm nicht ein Bär für eine zarte Jungfrau vorgemalt werden kann! Das ist meine gesunde, von keinem armen pfiffigen Teufel umnebelte Anschauung der Welt und aller ihrer Verhältnisse! So war es allzeit und wird auch allzeit so verbleiben!
07] Mit dem ewigen Leben nach dem Tode aber lasse mich nur ein jeder in der Ruhe! Denn was daran ist, zeigt uns jedes Grab sowie jeder vor Alter umgefallene Baum in einem Walde. Was aus der Erde kommt, wird wieder zu Erde, und sonst gibt es nichts - außer die fromme Einbildung von seiten der armen Teufel, die von den Reichen natürlich gerne unterstützt wird!«
08] Hebram ist, wie schon ehedem bemerkt, über derlei Äußerungen sehr entrüstet und sagt zu Risa: »Bei dir sind demnach Moses und alle die großen und kleinen Propheten nichts als entweder wirkliche oder erdichtete Betrüger der blinden Menschheit, und der gegenwärtige Heiland aus Nazareth wird bei dir um kein Haar besser stehen?!«
09] Sagt Risa: »Wenn auch gerade für keine böswilligen Betrüger, aber für Betrüger besserer Art immerhin; denn alle verstanden sich gar gut darauf, den blinden Menschen, wennschon gerade keine Bären, so aber doch Affen statt der Menschen hinzumalen und das X für ein U hinzustellen!
10] Was aber den Heiland aus Nazareth betrifft, so ist er sicher auch mit den heimlichen Kräften durch Unterricht sehr vertraut geworden; er kann sie nun benutzen; und wir, als in das Uneingeweihte schauen darein wie ein Ochse in ein neues Tor, und wissen es nicht, wo aus und wo ein die Sache gehet!
11] Aber seine Lehre ist gut; denn so alle Menschen solch eine Lehre hätten und sie befolgten, da müßte es am Ende allen Menschen auch möglichst gut gehen! Aber wer wird solche Lehre jetzt allen Menschen auf der weiten Erde verkünden? Und wäre das auch irgend ermöglicht, Frage: Auf welche unüberwindlichen Anstände und Hindernisse würde solch eine Arbeit stoßen?!
12] Denn in allen Dingen sind die Menschen zugänglicher als eben in der Sache ihrer verschiedenen Religionen und Gotteslehren!
13] Der gemeine Mensch ist überall bei weitem mehr Tier als Mensch. Es fehlt ihm jede höhere Intelligenz, und er wird sich darum von seiner tausendjährigen Begründung trotz aller ihrer mit Händen zu greifenden Falschheit und süßen Torheit nicht herausheben lassen; der mehr intelligente Mensch aber wird sich denken: 'Bei der alten Dummheit ist gut leben; wozu etwas Neues, von dem man keine Erfahrung hat, wie es aufgenommen würde, und wie sich's dann dabei leben ließe?' Daher gelten solche Aufhellungen für einzelne Orte und sind soviel als möglich geheim zu halten, so sie ihren wenigstens einige Menschen beglückenden Wort vor der großen Weltmenge erhalten sollen; geht so etwas einmal in die Allgemeinheit über, so verliert es seinen Wort, wird bald lächerlich, und es krähet dann kein Hahn mehr danach. Was ein - sage - Mensch bewirken kann, das machen ihm dann bald Tausende nach, wenn sie in die Sache nur einigermaßen eingeweiht werden!
14] Und so, meine ich, wird dieser sonst gute Meister aus Nazareth auch bald eingehen, besonders, wenn er seine geheimen Wissenschaften auch den andern Menschen einlernen wird, wie wir solches gerade ehedem bei dem jungen, schönen Menschen gesehen haben, der im Wunderwirken schon eine meisterliche Fertigkeit erlangt hat!
15] Wenn aber ein Jünger schon solche unerhörten Dinge zuwege bringt, was bleibt dann noch für den Meister übrig?! Können die Jünger gehörig schweigen, dann kann daraus wenigstens eine einträgliche Anstalt kreiert (geschaffen) werden, wenn sie sich's mit den Machthabern der Welt nicht verdirbt; denn diese unterstützen gerne solche Institute, die ihrer außerordentlichen Effektuierung (Wirkung) wegen ganz geeignet sind, das Volk mit im Zaume zu halten durch großartige Verheißungen im einstigen Jenseits, bestehend gewöhnlich im Lohn oder in einer unendlichen Strafe.
16] Sowie aber dann dergleichen geheime Wissenschaften ins Volk kommen und demselben reiner Wein eingeschenkt wird, dann ist es aus! Da wird endlich alles bekrittelt und verlacht, kein Mensch hält irgend mehr etwas darauf und aller früher so erhaben begeisternde Wert ist unwiederbringlich verloren, und die Menschen sinnen dann auf etwas noch Außerordentlicheres, finden aber gewöhnlich nichts mehr, solange sie helle bleiben. Nur nach Jahrhunderten, wenn irgendeine alte, süße Dummheit wieder Platz gegriffen hat, kann irgendein abenteuerlicher Pfiffikus schon wieder sich irgendein Völklein auf etliche Jahrhunderte zinspflichtig machen, wenn er es recht gescheit anstellt; stellt er es aber nur so ein wenig dumm an, so kann er dann bald sehen, wie er mit heiler Haut das Freie gewinnen wird.
17] Seht, ich bin wahrlich kein Prophet, wie es einen eigentlichen wahrscheinlich auch nie und niemals gegeben hat! Aber ich getraue es mir nun fest zu behaupten, daß sich der Tempel mit seinen großartigsten Prellereien kaum mehr ein Jahrhundert halten wird, trotz aller seiner vermeinten Vorsicht! Denn wenn solch eine Anstalt einmal zu gewinnsüchtig wird, dann verrät sie sich bald, verliert den erhabenen Nimbus, und aus ist's mit ihr! Zweitausend Jahre scheint aber schon der längste Termin zu sein, den eine Lehre behaupten kann; dann fällt sie in ihre Nichtigkeit zurück, und man kann nur in irgendeiner Chronik noch einzelne Bruchstücke von ihr zu Gesichte bekommen.
18] Nur die Kunst zu rechnen, die schon die alten Phönizier sollen erfunden haben, und die von den Ägyptern und Griechen sehr erweitert worden ist, kann nie vergehen, weil sie Wahrheiten enthält, die für jedermann einleuchtend, höchst nützlich und daher unverwüstbar sind.
19] Jede andere Lehre aber, die von den Menschen allerlei Opfer verlangt und, so man sie sich angeeignet hat, keinen andern Vorteil bietet, als daß man etliche Kranke wieder gesund machen und im Notfalle auch noch ein anderes Wunderchen hinzu wirken kann, kann sich nicht halten! Denn fürs erste beruht sie nicht auf einer mathematisch erweisbaren Basis, und fürs zweite bleibt sie, selbst bei der besten Versicherung von seiten ihres Stifters, für die Folge nie so einfach und rein, wie sie vom Stifter ausgegangen ist.
20] Gewöhnlich fängt man mit allerlei Erklärungen an, weil ein jeder Stifter einer Lehre stets mehr oder weniger ein Huldiger des alten Mystizismus ist und seine sonst oft sehr gesunde Lehre mit allerlei unverständlichen mystischen Brocken ausfüllt, die er zuerst wahrscheinlich selbst nicht verstanden hat und seine Nachfolger um so weniger verstehen können. Nach und nach wird so eine Lehre dann immer breiter und breiter, das alte Mystische in ihr wird immer mystischer, man erbaut große Hallen und treibt allerlei Zeremonie mit einem furchtbar ernsten Gesichte, um dem Volke die alte Heiligkeit einer einst ganz einfachen Lehre desto ersichtlicher und eindringlicher zu machen. Aber es nützt das alles nichts, denn mit der Zeit werden den Menschen durch allerlei Erscheinungen aus dem Gebiete der Natur und der gesunden Vernunft die Augen geöffnet, und mit der ganzen alten Lehre ist es dann so gut wie aus; denn die hie und da noch erhaltenen Bruchstücke können dennoch nie wieder in ein rundes Ganzes zusammengesetzt werden. - Seht, das ist so meine gesunde Meinung, die ich jedoch niemandem aufdringen will und werde.«


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