Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 60

Suetal offenbart sich als Schwätzer.

01] Sagt Suetal: »Freund, so wie du redet kein Mensch dieser Welt! Du mußt ein höheres Wesen aus den Himmeln Gottes sein! Am Ende bist gar du selbst der große Heiland aus Nazareth?«
02] Sagt Raphael: »Oh, mitnichten! Dem auch nur die Schuhriemen zu lösen, bin ich ewig unwürdig! Ich bin dem Geiste nach wohl von oben her, aber nun diesem ebenfalls irdischen Leibe nach bin ich nur das und der, als den ihr mich habt kennengelernt!«
03] Sagt Suetal: »Aber nun, da wir, wie die vielen andere Gäste, schon abgespeist haben, möchte ich denn doch den himmlischen Meister kennenlernen, um ihm meine tiefste Verehrung zu bezeigen!«
04] Sagt Raphael: »Bin noch nicht ermächtigt dazu; wenn es an der rechten Zeit sein wird, wirst du und deine Brüder Ihn schon erkennen! Aber sieh, es ist nun noch so manches Unreine in eurem Herzen! Das müsset ihr erkennen und es als solches verabscheuen und aus euch schaffen dadurch, daß ihr in der Folge und von dem Augenblicke an, als ihr das Unlautere erkennet, es nimmer bei irgendeiner Gelegenheit verüben wollet; dann werdet ihr tauglich sein, den großen Meister vollauf zu erkennen!
05] Nun aber gebet alle wohl acht! Der Freund, der früher mit euch geredet hat, wird nun, nach seiner Miene zu urteilen, irgendeinen Vortrag halten; denn ich habe es bemerkt, daß der neben ihm sitzende Oberstatthalter Cyrenius ihn um etwas gefragt hat, - und siehe, wenn die Großen reden, müssen die Kleinen schweigen und zuhören, wo ihnen solches irgend gestattet ist! Darum wollen wir nun schweigen und einmal sie, unsere hohen Nachbarn, reden lassen!«
06] Fragt noch einmal Suetal den Raphael, sagend: »Könntest du, liebster junger Freund, mir denn nicht sagen, wer der nun reden wollende gute Freund eigentlich ist?«
07] Sagt Raphael: »Nein, jetzt nicht, denn nun heißt es schweigen und hören! - denn wenn der so recht über was immer zu reden beginnt, ist es stets vom höchsten Interesse, ihn anzuhören! Darum von nun an, bis er wird ausgeredet haben, kein lautes Wort mehr an unserem Tische!«
08] Mit dem begnügt sich Suetal und auch alle die andern und warten mit Ungeduld auf den Anfang Meiner Rede. Ich aber konnte mit Meiner Rede nicht eher beginnen, als bis der Cyrenius mit seiner durchaus sehr gewichtigen Frage über die Ehe, über den Ehebruch, über die Ehescheidung und über den Beischlaf mit einer Jungfrau noch ledigen Standes zu Ende war.
09] Suetal fragt nach ein paar Minuten schweigenden Harrens: »Na, wann wird er denn doch einmal anfangen?«
10] Sagt Raphael: »Aber du blinder und tauber Mensch, siehst du denn nicht, daß Cyrenius mit der Frage noch nicht zu Ende ist!? Oder kann man wohl eher zu reden und eine Frage zu beantworten anfangen als dann erst, wenn die Frage völlig zu Ende ist?! Gedulde dich, die Antwort wird nicht ausbleiben!«
11] Mit diesem Bescheide ist Suetal vorderhand zufrieden; aber Cyrenius dehnt seine Frage durch allerlei Nebenbemerkungen sehr aus, und Ich komme darum noch immer nicht zur Antwortgebung. Cyrenius spricht der nebensitzenden Jarah wegen etwas schwach, so daß natürlich unsere Nachbarn von seiner Frage nicht viel verstehen und sich darum sehr zu langweilen anfangen, weil sie nun von keiner Seite her ein lautes Wort vernehmen; denn bei den Römern war das eine Hauptlebenssitte, daß da Tausende schweigen mußten, so ein Hoher nur eine Miene machte, die allen andeutete, daß er reden werde.
12] Es vergehen nun abermals einige Minuten, und Ich rede noch nicht; da sagt Suetal zum Raphael: »Freundchen, die beiden Herren reden ja ganz stille miteinander! Von dieser vielleicht sehr weisen Unterredung werden wir nicht gar zuviel gewinnen, und wir könnten darum ganz bequem unter uns über etwas zu reden anfangen, was unsern Nachbarn vielleicht sogar sehr erwünscht wäre! Denn wenn solche hohen Herren still etwas untereinander reden, geben sie den sie umgebenden kleinen Menschen zu verstehen, daß sie nicht gehört werden wollen! Wir tun daher sehr unrecht, wenn wir nun also gänzlich schweigen und dadurch zu deutlich unsere Unartigkeit vor ihnen an den Tag legen; daher sollen wir auch über etwas reden!«
13] Sagt Raphael: »Schau, schau, was du doch für ein pfiffiger Kopf bist! - Dort siehe hin, es kommt noch eine zweite Ladung von wohl zubereiteten Fischen und von Broten und von mehreren Bechern voll des besten Weines auf diesen Tisch, weil ihr alle wegen meines bedeutenden Appetites etwas zu kurz gekommen seid!«
14] Sagt Suetal: »Gott Lob darum; denn ich wenigstens gewahre noch so einige Leerheiten in meinem Magen! Der Fisch, den ich vorhin verzehrte, war keiner von den größeren, und des Brotes war eigentlich auch kein zu bedeutender Überfluß an unserem Tische, und so kann uns ein solcher Nachtrag nur sehr erwünscht kommen.«
15] Nun war Markus auch mit dem erwünschten Nachtrage an dem Tische und sagte: »Verzeiht, liebe Freunde! Dieser Tisch ist vorhin etwas schwächer als die andern bedacht worden, und so habe ich aus meinem großen Vorrate noch einen Nachtrag bereiten lassen; Gott der Herr segne ihn für euch alle!«
16] Darauf greifen nun bis auf den Engel alle wacker in die Schüssel und verzehren mit Hast die sehr gut zubereiteten Fische, sparen dabei das Brot nicht und verstehen sich auch auf den Wein. Es währt nicht lange, und der Tisch ist seiner neuen Last völlig ledig.
17] Als sie also den Tisch ohne Beihilfe des Engels gelüftet haben, sagt Suetal: »Gott dem Herrn und dem allein guten Vater der Engel und Menschen allein alles Lob! Nun wäre ich wieder einmal also gesättigt, wie ich es seit einem halben Jahre nicht mehr war! Jetzt läßt sich's schon schweigen und mit aller Geduld harren auf die versprochene Rede des weisen Griechen, der wahrscheinlich so ein geheimer Ratgeber des Hohen Statthalters von Cölesyrien und respektive Oberstatthalters von ganz Asien ist. Aber die von unserem jungen Freunde vorgesagte Rede läßt hübsch lange auf sich warten!
18] Der Oberstatthalter wird mit seiner sicher sehr umständlichen Frage nicht fertig, und der andere kann ihm nicht eher Antwort bringen, als bis der Oberstatthalter mit seiner sicher sehr gewichtigen Frage zu Ende sein wird! Das wird noch so eine hübsche Zeit hergehen! Aber die dreißig jungen Pharisäerchen und Levitchen spitzen schon sehr ihre Ohren! Aber es kommt noch lange keine Rede zum Vorschein!
19] Das junge Mädchen gefällt mir aber im Ernste gar nicht schlecht; aber in den Griechen scheint es bis über die Ohren verliebt zu sein! Es wendet ja kein Auge von ihm ab und scheint aus seinen Augen allerlei zu lesen; auf den jungen Sohn des Statthalters scheint es kein Auge zu haben, obschon er gar stattlich gekleidet neben ihr sitzt und sich, wie es scheint, so ein wenig zu langweilen anfängt! Oho, nun kommen ja noch vier recht artige Maide aus dem Hause! Das werden wahrscheinlich die Töchter des Wirtes sein! Was sie etwa nun machen werden?!«
20] Sagt Raphael: »Ich meine, daß du, Freund, ein Schwätzer bist und gar nicht stille sein kannst! Siehst du denn nicht, daß die Hausmaide die leeren Schüsseln abzuholen kommen, um sie für den Abend zu reinigen?! Bist du denn eines gar so beschränkten Geistes, daß du so etwas nicht auf den ersten Blick einsiehst? Wahrlich, du wirst noch lange kein Mathael!
21] Versuche dich doch einmal, ob du schweigen und im stillen bloß nur denken kannst; denn eine gewisse äußere Ruhe ist notwendig zur Erweckung des Geistes, ohne welche dieser allergewichtigste Lebensakt nie in die erfüllende Wirklichkeit übergehen kann!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers