Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 54

Ein zweites Wunder nach Ribars Wunsch.

01] Sage Ich: »Gut denn; aber nun sage du mir noch so ganz unverhohlen, ob du denn nun nicht auch mit dem großen Meister aus Nazareth persönlich bekannt werden möchtest! Wenn du willst, so kann Ich dir ihn aufführen.«
02] Sagt Suetal: »Aufrichtig gesagt, dieser die Fülle des göttlichen Geistes in sich bergende Mann steht für unsereinen zu endlos hoch in allem und jedem, und ich habe eine förmliche Furcht, ihn nur von ferne zu sehen, geschweige mit ihm in die nächste Berührung zu kommen! Daher ist es mir nun schon lieber, ihn persönlich gar nicht kennenzulernen. Siehe, mich geniert nun schon die Nähe dieses jungen Jüngers von ihm, und aufrichtig gesagt, es wäre mir gar nicht unlieb, wenn er wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehrte. Die Probe hat er uns abgelegt, und sie genügt! Zu einer zweiten würde er sich ohnehin nicht gerne mehr herbeilassen, und es wäre auch unnötig; denn wem die eine nicht die genügendste Überzeugung verschafft, den werden auch tausend Wunderwerke nicht überzeugen. Und so wäre es mir schon lieber, so er sich wieder zu seiner Gesellschaft begäbe; belohnen können wir ihn nicht dafür, weil wir außer uns selbst nichts besitzen. Sage ihm daher, du liebster Freund, daß er sich nun wieder zu seiner ihm ebenbürtigen Gesellschaft zurückbegeben möchte!«
03] Sage Ich: »Ah, zu was denn das?! Er ist ja frei und kann gehen, wann er will; und wird auch schon gehen, wenn er hier nichts mehr zu tun haben wird! Du bist nun freilich vollends befriedigt, aber nicht also alle deine Gefährten, selbst Ribar nicht, der doch nun in allem mit dir einverstanden ist. Er kaut noch immer am ersten Wunder und findet sich noch lange nicht vollends zurecht. Daher, weil es noch Zeit ist, werden wir allenfalls noch ein Zeichen von ihm uns bedingen!«
04] Sagt Suetal: »Wäre schon alles recht, und ich möchte selbst noch etwas sehen von ihm; aber es fragt sich da nur, ob das auch seinem heilig großen Meister genehm sein wird; denn immer sehen es die Meister nicht gerne, so sich ihre Jungen zu viel produzieren.«
05] Sage Ich: »Sei du darob ganz unbesorgt; denn das nehme ja alles Ich auf Mich und werde es seinerzeit wohl zu verantworten verstehen, so Ich darum hergenommen werden könnte. Aber den Ribar und die andern müssen wir dennoch fragen, in welcher Art sie ein Zeichen wünschen, ansonst bald einer aus ihnen sagen könnte, man habe das Zeichen schon lange vorher vorbereitet und ganz genau sich dazu verabredet; bestimmen sie aber das Zeichen selbst, so kann da von einer früheren Verabredung keine Spur vorhanden sein. - Bist du damit einverstanden oder nicht?«
06] Sagt Suetal: »Das ist salomonisch weise gedacht und gesprochen, und man muß damit dann ja doch einverstanden sein!«
07] Sage Ich: »Nun denn, so wollen wir den Ribar fragen! - Sage uns du, Ribar, worin das noch folgende Zeichen, vom Jünger gewirkt, bestehen soll!«
08] Sagt Ribar: »Freund, wenn er noch eines wirken will, so soll er aus dem Steine, den ich nun in meinen Händen halte, einen der edelsten Fische, die in diesem Meere zu Hause sind, machen!«
09] Sage Ich pro forma (der Form wegen; zum Schein) zu Raphael: »Wirst du diese Aufgabe wohl zu lösen imstande sein?«
10] Spricht Raphael: »Wir werden es versuchen; aber der Petent (Bittsteller) soll sich zuvor fest stellen, sonst wird ihn der Fisch zu Boden werfen. Die edelsten Fische in diesem Wasser sind groß und stark, so daß sie ein Mensch nicht überwältigen kann; wenn sich daher Ribar sehr fest stellt, so wird auch sogleich ein achtzigpfündiger Fisch die Stelle seines nun kaum zehn Pfund schweren Steines einnehmen.«
11] Sagt Ribar: »Oh, sorge du dich nur darum nicht! Ich bin so ein bißchen von einem Simson und habe schon hundertpfündige Fische gemeistert! Übrigens stehe ich nun schon ganz gehörig fest.«
12] Sagt darauf Raphael: »Es sei, was du verlangt hast!« - Raphael hatte diese Worte noch kaum ausgesprochen, so machte schon ein gut achtzigpfündiger Edelfisch in den Händen Ribars, zum Schrecken und übermäßigen Staunen aller Anwesenden, einen derart heftigen Schneller, daß darob Ribar weidlich auf den Rücken fiel, und da der Fisch ganz gewaltig herumhüpfte und sich mit seinem Schweife heftig hin- und herwarf, so flohen die Zuschauer nach allen Seiten hin, und auch der Ribar, der sich bald wieder vom Boden erhoben hatte, zeigte keine Lust mehr, den großen Fisch anzupacken. Es war aber ein Sohn des Markus auch in der Nähe; der kam schnell mit einem starken kleinern Handnetze herbei, warf dasselbe auf den noch stark herumarbeitenden Fisch, umwickelte ihn und trug ihn in eine Wanne, die voll Wasser war.
13] Als sich der Fisch in seinem Elemente befand, ward er natürlich ruhig, und alle gingen nun zu der Wanne hin und betrachteten voll Verwunderung den großen Fisch, und Ribar sagte: »Nun bin ich mit aller meiner nichtigen Weisheit geschlagen und glaube nun fest an alles, was ich von dem großen Meister vernommen habe! Da hört jede Weisheit der Menschen auf, und die Herrlichkeit Gottes offenbart sich auf eine nur zu buchstäblich wahrhaft handgreifliche Weise! Mathael hat recht in jedem seiner Worte, und der Freund auch, dessen Güte wir die zwei nie dagewesenen Wundertaten zu verdanken haben. Groß darum, darum Gott, und ewig gepriesen sei darum Sein herrlicher Name, daß Er auch den Menschen auf dieser Welt solche Macht gegeben hat! Wir sind zwar höchst unwürdig, solche reinen Gotteswunder zu schauen mit unseren sündhaften Augen, aber da Gott uns dessen Selbst gewürdigt hat, so sei darum ewig gepriesen Sein herrlicher Name!«


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