Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 42

Seele und Geist.

01] Sagt Mathael, der diese Worte wohl vernommen hatte: »Mach deine Seele möglichst frei von allen Weltbanden, und du wirst dann bald und sehr leicht begreifen, von woher eine Seele in aller Kürze zur größten Weisheit gelangen kann! Aber solange die Seele noch zu fest im alten Moderhaufen des Todes begraben liegt, welcher Moderhaufen da ist ihr Leib, kann von irgendeiner besonderen göttlichen Weisheit noch lange keine Rede und kein Wahrnehmen sein!
02] Dort, einige Schritte vor uns, ersiehst du einen Stock (Baumstumpf), der fest in der Erde zu stecken scheint. Gehe hin und setze dich darauf, und ich stehe dir dafür, daß du damit nicht vom Fleck kommen wirst, auch in vielen Jahren nicht; erst wenn er faul und ganz morsch werden wird, wirst du samt ihm zur Erde fallen. Wirst du dich aber dann auch nicht von deinem Lieblingssitze trennen können, so wirst du denn auch sicher am Ende ganz verwesen mit ihm; denn alles, was tot ist, muß zuvor völlig wie vernichtet werden, wenn es wieder in irgendeine Lebenssphäre übergehen soll. Gehe du aber hin ans Wasser, besteige ein Schiff, mache es frei, spanne das Segel und ergreife das Steuerruder, und du wirst sogestaltig nicht am Flecke bleiben, sondern gar bald erreichen ein neues Land, in dem du viel Neues wirst kennenlernen und bereichern die Schatzkammer der Erfahrungen. Siehe, solange du dich aber sorgest um dein Fleisch und um dessen süßes und bequemes Leben, so lange auch sitzest du auf jenem Stocke und kannst nicht weiterkommen; wenn du aber die überwiegende Sorge an dein Fleisch ganz aufgibst und sorgst dich nur um das, was da betrifft das Leben der Seele und ihres Geistes, da besteigst du das Schiff des Lebens und wirst damit bald vom Flecke kommen. - Verstehst du dies Bild?«
03] Sagt Suetal: »Was hast denn du nun von einem Geiste in der Seele gesagt? Ist doch die Seele ja das, was man Geist nennt!«
04] Sagt Mathael: »Ja, Freund, wenn du das noch nicht weißt, daß in jeglicher Seele ein Geist alles Lebens wohnt, dann kannst du freilich wohl noch lange nicht begreifen, von wannen mir mein bißchen Weisheit kommt! Weißt, da ist es mit dir auch noch schwer zu reden; denn da vernimmst du mit offenen Ohren nichts und siehst ebenso mit offenen Augen nichts!
05] Die Seele ist ja nur ein Gefäß des Lebens aus Gott, aber noch lange nicht das Leben selbst; denn wäre sie das Leben selbst, welcher Ochse von einem Propheten hätte ihr je von der Erreichung des ewigen Lebens, wie umgekehrt von einem möglichen ewigen Tode etwas vorschwätzen können? Da aber die Seele erst auf dem Wege der wahren göttlichen Tugend zum ewigen Leben gelangen kann, wie solches durch gar viele Beispiele erwiesen werden kann, so kann sie ja doch unmöglich selbst das Leben, sondern nur ein Aufnahmegefäß für selbiges sein.
06] Nur ein Fünklein im Zentrum der Seele ist das, was man Geist Gottes und das eigentliche Leben nennt. Dieses Fünklein muß genährt werden mit geistiger Kost, die da ist das reine Wort Gottes. Durch diese Kost wird das Fünklein größer und mächtiger in der Seele, zieht endlich selbst die Menschengestalt der Seele an, durchdringt die Seele endlich ganz und gar und umwandelt am Ende die ganze Seele in sein Wesen; dann freilich wird die Seele selbst ganz Leben, das sich als solches in aller Tiefe der Tiefen erkennt.
07] Wenn sich das Leben alsogestaltig erst völlig erkennt und seiner selbst ganz klar bewußt wird, dann erkennt es die Weisheit aus dem Fundamente; aber solange das nicht der erwünschte Fall ist, kann von einer Weisheit keine Rede sein!
08] Die wahre Weisheit ist das Augenlicht des Geistes im Auge der Seele; wenn aber eine Seele noch fragt, was der Geist in ihr ist - woher soll ihr da das Licht des Geistes und alles Lebens in ihre ansonst stockblinde Sehe kommen?«
09] Sagt Suetal: »Ich bitte dich, Freund, höre auf also zu reden und halte damit so lange inne, bis ich dafür empfänglicher werde; denn das sehe ich nun schon ein, daß ich dafür noch viel zu dumm und blind bin! Aber wir alle wollen von deiner nunmaligen Belehrung eine möglichst tatkräftige Notiz nehmen! Denn das sehe ich nun ein, daß du vollkommen recht hast; aber deine tiefste Weisheit nun ganz gründlich zu fassen, dazu gehört eine große Vorbereitung, die bei uns bis jetzt rein unmöglich war! Aber, wie gesagt, wir wollen dir ganz kräftige Jünger werden!«


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