Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 37

Julius' Bedenken gegen das Verhör der anderen Verbrecher.

01] Darauf fragt Cyrenius, sagend: »Herr, was soll aber nun geschehen mit den fünfen? Sieh, sie sind ja mehr denn halbnackt! Soll ich sie bekleiden? Ich habe wohl Kleider bei mir; aber es sind Staatskleider, die sonst niemand tragen darf als nur Roms Staatsleute. Das tut sich demnach nicht. Römische Dienerschaftsröcke habe ich auch; aber für derlei Röcke sind mit diese fünf doch offenbar zu erhaben, vermöge ihrer zu ergreifend hohen Weisheit; was wird sonach hier zu machen sein?«
02] Sage Ich: »Ein Rock hat keine andere Bedeutung, als daß er bedeckt des Leibes Blöße, ob er da ist ein Staatsrock oder ein Dienerschaftsrock; vorderhand ist es demnach einerlei, ob du die fünf bedeckest mit einem Staatsrocke oder mit einem Dienerschaftsrocke. Bei mir steht der Dienerschaftsrock doch weit über dem Staatsrock, darum gib ihnen Dienerschaftsröcke; denn in einem Staatsrocke würden sie des Rockes wegen zum Gespötte der Welt werden, und dafür sind sie zu gut, obschon auf der Welt eigentlich niemand gut ist! Sie werden mit der Zeit noch genug Verspottung am Meines Namens willen zu bestehen haben, und Ich will darum nicht, daß sie vor der Zeit auch der Welt wegen von der Welt sollen bespottet werden.«
03] Als Cyrenius solches vernimmt, entsendet er sogleich mehrere Diener, die besten Dienerschaftsröcke zu holen. In wenigen Augenblicken sind die Röcke herbeigeschafft, und Cyrenius läßt sie sogleich an die fünf verteilen.
04] Die fünf aber sagen zu ihm dankfreundlichst: »Der große Eine unter uns wird es dir vergelten! Denn mit unseren ganz zerrissenen Lumpen waren wir ja doch kaum mehr imstande, unsere Scham vor den Augen der Welt zu verbergen; darum dir noch einmal unseren liebfreundlichsten Dank dafür!«
05] Danach ziehen die fünf hinter einem Gebüsch in der Nähe ihre alten Fetzen aus und kommen darauf als sich recht gut ausnehmende römische Hofdiener zum Vorschein. Als sie darauf ganz zufrieden zu uns stoßen, begeben wir uns sogleich zu den andern politischen Verbrechern, die unser schon mit einer großen Sehnsucht harren.
06] Als wir bei ihnen anlangen, so fallen sie gleich mit ihren Angesichtern auf die Erde und bitten um Gnade. An der Hauptzahl sind es eigentlich ihrer acht; aber es sind mit ihnen noch einige, die nur mitgezogen und daher auch mit ergriffen worden waren.
07] Hier sage Ich zu Julius: »Freund, das ist dein Geschäft, diese zu vernehmen und sie auf eine rechte Art und Weise zur Verantwortung zu ziehen!«
08] Als Julius solches vernimmt, so sagt er: »Herr, obschon mir sonst so ein Geschäft gerade keine Kopfschmerzen verursacht hätte, so fängt es mir hier aber dennoch an, ein wenig schwindlig zumute zu werden. Du hier, ein Engel hier, Cyrenius hier, Deine nun schon über alle Maßen weisen Jünger hier, die dreißig jungen Pharisäer und Leviten auch hier, - und nun die fünf hier; von der weisen Jarah will ich ohnehin nichts sagen! Und, Herr, die fünf, oh, die fünf! Und vor all denen soll ich die vor uns stehenden politischen Verbrecher befragen und abhören? Oh, das wird kein leichtes Stück Arbeit werden! Das Schönste bei der ganzen Geschichte ist nur das, daß ich so ganz eigentlich selbst nicht recht ex fundamento (aus dem Grunde) weiß, warum sie ergriffen und in Ketten hierhergebracht wurden! Das Ganze besteht eigentlich darin, daß sie Sendlinge des Tempels sind und im Auftrage des Tempels böse Gerüchte über Rom haben ausstreuen müssen. Aber es ist dafür kein gültiger Zeuge da! Wie aber wird man sie zu einem Geständnisse bringen?«
09] Sagt der hinter dem Julius stehende Mathael: »Darum sei doch nur dir nicht bange! Was da die Zeugen betrifft, so stehen schon wir fünf da, aber sicher nicht zu ihrem Nachteile, sondern nur zu ihrem Verteile. Sieh, wir selbst waren ja Augen- und Ohrenzeugen, wie diese bei Vermeidung des Trinkens des verfluchten Wassers diesen Auftrag haben übernehmen müssen; denn wir kennen sie um so genauer, bloß nur äußerlich genommen, da wir mit ihnen fast in der gleichen Zeit zur Bekehrung der Samariten ausgesandt worden sind. So unschuldig aber wir fünf an allem dem, was mit uns mag vorgegangen sein, sind, ebenso unschuldig dürften auch diese sein. Nun weißt du vorderhand zur Genüge, und du kannst nun dein Examen mit ihnen ganz in aller Ruhe beginnen, und hast dich nicht im geringsten zu genieren vor unserer inneren Weisheit.«


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