Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 25

Mathaels Naturphilosophie.

01] (Der Seher:) »Es ist auf der Erde wohl eine Ordnung und irgendein Gleichmaß, aus dem man am ehesten eine Überzeugung nehmen kann, daß es einen höchst weisen Gott geben müsse, der die Dinge alle einmal also erschaffen hat, wie sie nun noch stets gleichfort zu sehen und zu begreifen sind; anderseits aber bemerkt man wieder eine oft grenzenlose Unordnung und gar nie zu ermessende Willkür unter den Dingen, daß man zu sich selbst am Ende sagen muß: Ja, da schaut denn doch wieder kein Herrgott heraus!
02] Man nehme nur die Unbeständigkeit der Witterung! Wo ist da irgendeine Ordnung oder irgendein Ebenmaß zu entdecken? Man betrachte die durcheinanderstehenden, verschiedenartigen Bäume in einem Walde, oder desgleichen das Gras auf dem Felde; weiter das höchst ungleiche Maß der Berge, der Seen, der Ströme, der Flüsse, der Bäche und der Quellen! Da ist doch ewig kein Ebenmaß und keine Ordnung zu entdecken, wenigstens für unser Verständnis nicht. Das Meer macht sich seine unebenen Ufer je nach dem Zufalle des mehr oder weniger mächtigen Wellenschlages, ebenalso die Seen, die Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen. Nur der Mensch kann ihnen hie und da einen Damm setzen; vom höchst weisen Gotte aus geschieht da nie etwas.
03] Also legt auch der Mensch nur irgend geordnete Gärten an und bestellt die Weinberge und die Äcker; und er nur erkennt die edlen Früchte, sondert sie von den unedlen ab, pflegt sie und macht sie sich möglichst nutzbar. Wo aber steht ein Garten von nur irgendeiner Ordnung auf der ganzen Erde, den Gott selbst angelegt hätte, wo ein geregelter Strom? Die Erdschichten liegen auch derart chaotisch durcheinander, daß man dabei nie etwas anderes als die blindeste Macht des lieben Zufalls entdecken kann; da sieht demnach ganz entsetzlich wenig von irgendeiner obwaltenden göttlichen Weisheit heraus, und man kann da tun, was man will, und denken auch was man nur immer kann und will, und es kommt dabei doch nirgends etwas zum Vorscheine, das zu unsereinem allenfalls sagte: 'Siehe, da schauet denn doch wieder eine ganz tüchtige Gottesordnung heraus!'
04] Ja, jedes Ding einzeln für sich genommen hätte wohl offenbar sehr bedeutende Spuren von irgendeiner urgöttlichen Macht und ordnungsvollsten Weisheit; aber betrachtet man dann das zufällige Durcheinandergeworfensein der geschaffenen Dinge, so kommt es mir vor: Gott ist entweder des Ordnens müde geworden und kümmert sich entweder um alle die einmal geschaffenen Dinge wenig oder gar nicht mehr, wie es bei einigen auffallend also zu sein scheint, oder er besteht gar nicht, sondern die nach Ewigkeiten im Endlosen des Raumes aus sich selbst entstandenen zufälligen Etwas gestalteten sich nach und nach - nach dem durch ihr zufälliges Sein entstandenen Naturgesetze - zu Dingen von schon irgendeinem Gewichte, vergrößerten sich nach und nach, wurden mit den Zeiten zu Welten, zu Sonnen und Monden; die Welten entwickelten in sich je nach ihrer Größe und ihrem Gewichte wieder notwendig neue Gesetze, die dann von selbst als Grundlagen zu neuen Bildungen wurden.
05] Je vielfältiger aber notwendig die Dinge auf einem nach und nach und mehr und mehr ausgebildeten Weltkörper wurden, desto verschiedenartigere, wenn schon kleinere Dinge mußten ihnen dann auch notwendig folgen. Die am Ende sehr vervielfältigten Dinge auf den Welten und die ungeheure Vervielfachung der Welten bewirkten aus sich Gesetze und Wirkungen, aus denen die ersten Spuren eines sich fühlenden Lebens hervorzugehen anfingen; war einmal nur ein Lebensfunke aus den vorhergehenden Notwendigkeiten gebildet, dann mußte diesem auch ein zweiter folgen, und nach und nach Milliarden, die untereinander abermals neue Gesetze erzeugten, die zur Ursache für die Entwicklung eines vollkommeneren Lebens wurden. Und es mag sich das Leben so fort hinauf bis zu einer höchsten Lebenspotenz durch die in sich gefundenen Lebensgesetze ausgebildet haben, so, daß nun erst die tiefst intelligente, sich und alle ihre Umgebung wohl erkennende Lebenskraft rückwirkend die vorangegangene stumme Natur zu ordnen und sich ergeben und untertänig zu machen beginnt!
06] Ist aber alles auf diesem ganz natürlichen Wege entstanden, dann freilich gibt es nur Lebenspotenzen unter höchst verschiedenen Lebensgraden von der kleinsten Blattmücke bis zu jener Lebensvollendung, die der vollkommenere Mensch die göttliche nennt. Es mag sich auf diesem Wege auch wohl schon seit undenkbaren langen Weltenzeiten her eine gute, aber gegenüber auch eine böse Gottheit entwickelt haben. Haben sich die beiden Gottheiten einmal entwickelt, so müssen sie sich als Gegenkräfte auch so lange schroffst entgegenstehen, bis höchstwahrscheinlich die böse Kraft nach unseren moralischen Begriffen von der mächtigeren guten in sich aufgenommen wird zu einem geordneten Gegensatze, aus welcher Ehe dann nach undenkbar langen Weltenzeiten alles, was nun noch stumm, bewußtlos und tot ist, in ein volles Leben mit freiem Willen und freier Erkenntnis übergehen wird!
07] Daß aber in diesen Zeiten sich noch alles so unordentlich wie in einem wahren Durcheinanderkampfe befindet, scheint darin zu liegen: Die nun gute und höchste Lebenspotenz, die wir Gott nennen, ist mit der argen Lebenskraft, die wir Satan heißen, noch lange nicht in der gewünschten Ordnung, sondern noch in einem fortwährenden Unterjochungskampfe, aus welchem Kampfe sie endlich als Siegerin hervorgehen muß; denn die nach unseren Begriffen böse Kraft würde die gute nicht in einem fort ankämpfen, so sie diese nicht in ihren Bereich zu ziehen einen Grund hätte.
08] Satan muß sonach dennoch ein stummes Wohlgefallen an dem Guten haben und will darum die ganze gute Lebenskraft sich unterordnen; aber eben aus diesem fortwährenden Bestreben nimmt er stets mehr des Guten in sich auf und macht dadurch, ohne es zu wollen, sein Arges stets besser. Dadurch aber kommt in sein Lebenswesen auch stets mehr Ordnung, mehr Erkenntnis und rechte Einsicht, und er wird zuletzt nimmer umhin können, sich endlich ganz zu ergeben, weil er es durch seine Natur und durch seinen Trieb unmöglich verhindern kann, daß er nicht in einem fort teilweise besiegt würde.
09] Er wird zwar auch nach seinem völligen Besiegtsein noch immer ein Gegensatz zum reinen Guten verbleiben, aber ein geordneter, gleich wie das Salz auch ein Gegensatz vom reinen, süßen Öle ist; aber hätte der Ölbaum nicht Salz in der gerechten Ordnung in seinen Wurzeln, im Stamme, in Ästen, Zweigen und Blättern, nimmer würde ein süßes Öl seine Frucht geben!
10] Ich verliere mich zwar nun in Erörterungen, die von dir sicher nicht in der Art verstanden werden, wie sie verstanden zu werden verdienen. Aber es macht das gerade nicht viel aus; denn es sei sehr ferne von mir, daß ich dir solches als eine Wahrheitslehre auftischen wollte, sondern lediglich als eine Eypothese nur, zu der eine Seele durch viele und unerträgliche Leiden, in denen sie durch alles Flehen zu Gott durchaus keine Linderung erhält, geführt wird.
11] Die Seele oder die eigentliche primitive intelligente Lebenskraft wird durch große Leiden und Schmerzen ihres Leibes viel heller; sie sieht und hört alles, was vor den Augen und Ohren der Naturmenschen oft noch so entfernt liegt, und du darfst dich wohl gar nicht wundern, so ich dir zuvor von mehreren Weltkörpern die Erwähnung machte. Denn meine Seele hat sie geschaut besser und heller, als du je diese Erde geschaut hast und sie auch je in diesem deinem Leben schauen wirst, und ich kann darum mit gutem Grunde Meldung geben von allem, was sie gesehen hat im endlosen Raume! Aber nun ein Ende von allem dem, und du sage es uns, was wir nun anfangen sollen! Denn hier können wir doch unmöglich bleiben!«
12] Sagt Markus: »Nur noch eine kleine Weile, bis der Heiland, der euch hier vor unsern Augen von euren fürchterlichen Leiden geheilt hat, es anordnen wird!«


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