Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 69

In der Gruft des Jairus.

01] Wir kamen also auch bald daselbst an, betraten die Synagoge und begaben uns in die Gruft, in der die Sarah schon über vier Tage gelegen hatte, in der noch die Leichenbänder und Tücher lagen, mit denen Sarah als Leiche umhüllt war, und in welcher Gruft aber auch noch ein Leichnam aus der Freundschaft des Jairus lag. Das war ein Knabe von zwölf Jahren, der an einer bösen Krankheit schon vor ein und einem halben Jahre verstorben ist; dieser lag in einem aus Zedernholz angefertigten Sarge und war schon völlig in die Verwesung übergegangen bis auf die Knochen.
02] Beim Anblick dieses Sarges kamen dem Jairus die Tränen in die Augen, und er sagte halb weinend: »Was ist doch die Welt für ein arges Ding! Die zartesten Blumen läßt sie auf ihrem Boden entstehen, und was ist ihr Los? Daß sie sterben und vergehen! Der Rose balsamischer Duft wird nur zu bald zum Ekelgeruch, und die zarte, unschuldige Lilie verbreitet widrigen Gestank in ihrer Verwesung; der Hyazinthen Himmelblau wird totengelblich grau, und die Nelke stirbt - gleich Tausenden ihrer lieblich duftenden Schwestern.
03] Dieser Knabe war, man könnte sagen, ein Engel! Gottesfurcht hatte ihn schon von der Wiege an beseelt, und in seinem zehnten Jahre verstand er schon die Schrift und hielt die Gebote wie ein frommer erwachsener Jude; kurz, sein wahrhaft kindlich frommer Lebenswandel und seine zum Verwundern geweckten Geistesfähigkeiten berechtigten uns zu den schönsten Hoffnungen. Aber da kam eine böse Krankheit über ihn, und kein Arzt konnte derselben Meister werden, und so starb in diesem Knaben alles, was man in Kürze von ihm mit Recht hätte erwarten können.
04] Da läßt sich denn doch fragen, warum Gott der Herr, der voll Liebe und Barmherzigkeit ist, solches den Menschen tut, die auf Ihn hoffen und vertrauen! Tausend arme Kinder irren ohne Obdach und jegliche Bildung herum, und Gott ruft sie nicht von dieser Erde; aber Kinder solcher Eltern, die jegliches Vermögen besitzen, ihren Kindern jene Erziehung zu geben, die Gott allein nur wohlgefällig sein kann, müssen gewöhnlich ins Gras beißen! Warum denn also?
05] Wenn es Gott wohlgefällig ist, lauter Wildlinge auf diese Erde zu setzen, die kaum fünf Worte zu reden imstande sind, dann tut Gott wohl daran, jedes Kind, das nur irgendeinen besseren Geist zu verraten beginnt, sogleich von der Erde zu nehmen und allein die Trottel leben zu lassen neben den Affen! Aber wenn es Gott darum zu tun ist, im Geiste geweckte, fromme, Gott erkennende und liebende Menschen auf dieser Erde zu haben, so glaube ich, daß Gott das Leben solcher Kinder mehr beachten sollte, als es bisher der stets traurige Fall war!«
06] Sage Ich: »Mein lieber Freund Jairus, du redest, wie du es in menschlicher Weise verstehst; aber Gott tut, wie Er es in Seiner göttlichen Weise von Ewigkeit her einsieht und versteht und einsehen und verstehen muß, ansonst du und alles, was da ist, kein Dasein hätte! Danebst aber tust du in deinem Hader Gott dennoch unrecht.
07] Denn so Gott alle Kinder, die schon in ihrer Kindheit Geist und Talente verraten, von der Welt nähme, so wäret ihr alle, die ihr nun hier bei Mir seid, schon in der Erde verwest! Aber da ihr nun noch hier seid in einem bedeutenden Alter, so ist dein Vorwurf gegen Gott ein ungerechter! Denn gleich also habt auch ihr in eurer Kindheit besonders viel Geist verraten, wäret auch Kinder in jeder Hinsicht überaus vermögender Eltern, und Gott hat euch dennoch leben lassen, während Er draußen den Heiden viele Tausende armer Kinder durch Ruhr und durch manche andere böse Krankheiten von dieser Erde genommen hat, wofür die armen Eltern ebensoviel Leid getragen haben wie die Eltern dieses Knaben, die noch leben und für diesen Knaben drei arme Kinder an Kindes Statt aufgenommen haben. Diese drei Kinder sind nun ganz würdige Nachfolger dieses einen Kindes, das mit der Zeit ob seiner bedeutenden Talente von seinen es mehr denn Gott liebenden Eltern zu sehr verzärtelt und verweichlicht worden wäre und am Ende den hochgestellten Hoffnungen seiner Eltern nicht im geringsten entsprochen hätte; denn es wäre am Ende aus ihm nichts als ein eingebildeter, stolzer und eigensinniger Tropf geworden, mit dem kein Hoherpriester etwas ausgerichtet hätte!
08] Gott aber sah das im voraus, nahm ihn zur rechten Zeit von dieser Welt und gab ihn jenseits den Engeln zur besseren Erziehung, auf daß er desto eher jene Bestimmung erreichen möge, die ihm, wie jedem Menschen, von Gott aus besonders gestellt ist.
09] Zu all dem aber hatte Gott auch vorgesehen, daß nun eine Zeit kommen werde, in der für euch wenige Gottes Name verherrlicht werden soll. Und siehe, darum auch ließ Gott eben diesen Knaben schon vor anderthalb Jahren sterben, auf daß dieser sich in der rechten Verwesung dann befinden solle, wenn ihn Gott der Herr wieder erwecken werde. Hebet darum den Sarg heraus und öffnet ihn!«


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