Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 53


Chiwars Hinweise über Person und Wunder Jesu. Furcht vor der Rache des Tempels an Abtrünnigen.

01] Sagt Chiwar: »Wahrlich, ich muß eure Weisheit loben! Wie lange wir auch schon beisammen leben und wirken, so hat sich dennoch nie eine Gelegenheit ergeben, bei der ich euch, meine Gefährten, so wie heute hätte kennenlernen können, und es freut mich nun ganz besonders, an euch auch Menschen statt dummer Tempelknechte an meiner Seite zu haben: aber alles dessen ungeachtet bleibt die Erscheinung des Zimmermanns das Außerordentlichste, was je, solange die Erde von Menschen bewohnt ist, von Menschensinnen wahrgenommen worden ist. Da geht Adam mit allen seinen tausendjährigen Erlebnissen und Gesichten unter! Ein Henoch gehört zum geistigen Bettelvolke; Abraham, Isaak und Jakob, Moses, Aaron und Elias sind arme Schlucker gegen uns! Ein Tag bringt nun mehr des Wunderbarsten und nie Erhörten zustande, als alle die Ur- und Erzväter je erlebt haben!
02] Ich selbst habe gestern und auch heute schon so von weitem hin einen geheimen Beobachter alles dessen gemacht, was in und außer dem Hause des alten Joseph vor sich gegangen ist. Ich sage es: nichts als Wunder über Wunder! Zwei sichtbare, vollkommen lebendige Engel dienen ihm! Des Faustus Weib war in Kapernaum, und der Zimmermann wollte sie an der Morgentafel haben; aber es wären dazu nahe vier Stunden Zeitdauer erforderlich gewesen, um sie von Kapernaum nach Nazareth zu bringen. Was geschieht aber? Der Zimmermann winkt den zwei offenbarsten Engeln. Diese verschwinden nur auf ein paar Augenblicke und bringen ganz heiteren Mutes die schöne Lydia, des Faustus Weib, nach Nazareth! - Was sagt ihr dazu? Das wird doch offenbar mehr sein, als was wir zu fassen vermögen?!«
03] Fragen die Ältesten: »Was hast du denn noch gesehen?«
04] Sagt Chiwar: »Ihr kennet doch des Jairus Tochter und wisset auch, daß sie zweimal gestorben ist, und daß sie das zweite Mal schon etliche Tage im Grabe gelegen ist, wißt ihr auch; aber ihr wißt es nicht, daß diese Sarah, des Jairus himmlisch schöne Tochter, des Borus Weib geworden ist! Ist das nicht unerhört, daß ein zweimal vollkommen gestorbenes weibliches Wesen eines Mannes Weib wird, und das in einer Art und Weise, wie die Erde noch nie eine Vermählung erlebt hat?! Als des Zimmermanns Sohn sie gesegnet, sah sie den Himmel offen, und zahllose Scharen erfüllten die Luft und lobten Gott, daß Er den Menschen der Erde solche Ehren und Gnaden erweise. Als das Paar aber von Jesus gesegnet war, da verschlossen sich die Himmel auf einen sichtbaren Wink des Zimmermanns, und nur die zwei Engel blieben, wie sie früher waren, und wie ihr sie sehen könnt hier in der Synagoge, dort, nahe an der Türe stehend in der Gestalt zweier himmlisch schöner Jünglinge. Betrachtet sie und saget, ob sie von wo anders her sein können als rein aus den Himmeln nur!
05] Wenn aber nun das alles sich also wunderbar verhält, was niemand von uns leugnen kann, warum sollen wir den Sohn des Zimmermanns denn nicht für etwas Höheres halten als bloß für einen Schüler der Essäer, die er nie gesehen haben kann, weil er meines Wissens sich nie aus dieser Gegend entfernt hat, außer ein paar Male mit seinem Vater und seinen Brüdern nach Jerusalem und, glaube ich, einmal nach Sidon, um dort ein Haus aufzubauen; sonst aber war er stets zu Hause.
06] Obschon man weiß, daß er gleichfort ein stiller, eingezogener Arbeiter war, und daß man ihn sogar für ein wenig blöde hielt, so weiß man aber doch auch, daß sich von seiner Geburt an bis in sein etwa zwölftes Jahr ganz sonderbare Dinge mit ihm zugetragen haben; sogar seine Geburt soll eine ganz wunderbare gewesen sein - nach der Erzählung des nun römischen Obersten Kornelius, der mir solches erst unlängst in Kapernaum bei einer festlichen Gelegenheit erzählt hat!
07] Wenn sich aber die Sachen so verhalten, da frage ich aber doch vollernstlich, ob man noch Bedenken tragen soll, diesen Jesus wenigstens als einen Gottessohn anzusehen; denn dergleichen Dinge, die er verrichtet, und wie er den Engeln gebietet und sie ihm auf einen Wink gehorchen, dies alles läßt doch offenbarst den Schluß zu, daß da hinter diesem Jesus eine Fülle des urgöttlichen Geistes stecken muß!
08] Wenn aber das - was seine Taten und Lehren zeigen -, so weiß ich wahrlich nicht, aus welchem Grunde wir noch fortan an der toten Lade hängen, während hier die lebendige vor unsern Augen wandelt und handelt! Wir können pro forma (zum Schein) vor dem Volke das sogar bleiben, was wir nun sind, um die Sache nicht zu auffallend zu machen; aber im Herzen sollten wir uns alle fest zu ihm bekennen!«
09] Sagt der weise Älteste: »Entweder ganz oder gar nicht! Denn, ist Göttliches in ihm, so wird dieses jede Halbheit verabscheuen; ist aber das nicht der Fall, dann ist es dennoch besser, bei der toten Lade mit wenigstens einer lebendigen Erinnerung an ihren früheren Bestand zu verbleiben, als etwas anzunehmen, davon man den Grund nicht kennt!«
10] Sagt Chiwar: »Darum wollen wir die Sache prüfen euretwegen; denn meinetwegen braucht sie gar nicht geprüft zu werden. Ich bin im klaren und weiß ganz genau, was ich tue, wenn ich ihm nachfolge.«

Furcht vor der Rache des Tempels an Abtrünnigen

11] Sagt der Älteste: »Meinst du aber, daß der Tempel keine Schritte mehr tun werde, wenn eine Gemeinde und eine Ortschaft um die andere von ihm abfällt wie eine vollreife Frucht vom Baume? Ich glaube, daß der Tempel gar nicht lange auf sich warten lassen und seine Strafpriester in alle Orte hinaussenden wird! Und dann wehe allen abgefallenen Menschen; die werden mit allerlei bitter geplagt werden! Besser dürfte es dann noch denen ergehen, die der weisen Griechen Lehre angenommen haben, als eben den Jüngern Jesu, die weder völlig Juden und noch weniger Griechen sind und wohlbewußtermaßen wissen, daß diese oder wenigstens einige aus ihnen mit den schlechten und nun vollends leeren Tempelverhältnissen und dessen heiligen Mysterien ganz wohl vertraut sein dürften!
12] Ich sage es euch: nichts wird die Templer nun in eine größere, natürlich ganz geheimgehaltene, aber für uns desto gefährlichere Unruhe versetzen - als das offenbarste prophetische Wesen Jesu und dessen Jünger! Und solch eine Unruhe wird alle Satanskniffe ergreifen lassen, um eine Lehre zu verderben, durch die dem Tempel der offenbarste Untergang bereitet werden muß.
13] Oder habt ihr nicht im vorigen Jahre gesehen, was die Templer sogar mit einem Griechen gemacht haben, der es unters Volk brachte, daß diese nun auch römisches Silber- und Goldgeld als Opfer im Tempel annähmen, während dazu allein nur Aarons Münze bestimmt ist und außer diesem kein anderes Geld je angenommen werden durfte? Seht, man lockte ihn in den Tempel mit Gewinnversprechungen; und als man auf diese feine Weise seiner im Tempel habhaft ward, wurde er sobald auf eine Weise ums Leben gebracht, von der die Chronik kein Beispiel aufzuweisen hat! - Es ist demnach eine große Vorsicht anzuwenden! Wir müssen entweder ganz Griechen werden und als solche dann erst zu den Jüngern Jesu uns gesellen mit Leib und Seele, oder wir müssen ganz das bleiben, was wir sind; denn mit der Halbheit ist uns nirgends etwas geholfen!«
14] Sagt Chiwar: »Da hast du wieder recht, insoweit es die weltliche Vorsicht erheischt; aber unter uns geradeheraus gesagt: Wenn dieser scheinbare Zimmermann eben der verheißene Messias, also - wie David Ihn nennt in tiefster Ehrfurcht - Jehova Selbst wäre, sollen wir auch dann noch auf schlauen Umwegen Seine Jünger werden, oder sollen wir nicht vielmehr sogleich zu Seiner himmlischen Fahne stoßen und uns von all den Kniffen des Satans schon darum nicht abschrecken lassen, weil wir durch Ihn des ewigen Lebens vollauf versichert sein können, so es uns auch dieses wenigsagende, armselige Erdenleben, das ohnehin nur sehr kurz dauert, kosten sollte?!«
15] Bei diesem Antrage Chiwars stutzen alle und wissen nun nicht mehr, was sie entschieden tun sollen.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers