Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 46


Warum Engel ihre Liebe Menschen nicht zeigen. Jesu Freundschaft mit Borus in seiner Kindheit und Jugend. Wann Heilgaben unentgeltlich, wann gegen Bezahlung angewendet werden sollen..

01] Sagt Cyrenius: »Ja, Du mein Herr und offenbarst min Gott nun verstehe ich auch das wieder; ihre (der Engel) scheinbare Kälte ist dennoch pur Liebe!
02] Ich entsinne mich da der Mythe von einer Jungfrau, die durch sonderbare Fügungen der Kräfte der Natur wohl unbegreiflich schön und reizend war. Das merkten die Jünglinge, Männer und Greise und gerieten bald in einen großen Kampf, damit es sich entscheide, wessen Weib sie würde. Aber der Kämpfer Schar mehrte sich von Tag zu Tag zum Verderben der vielen Kämpfenden. Da man endlich sah, daß man da mit dem Kampfe auf Leben und Tod nimmer zum Ziele gelangen konnte, so trafen die Kämpfer endlich unter sich dahin das Übereinkommen und sprachen: »Dies Wesen gehört nicht dieser Erde an, sondern den hohen Himmeln, und ist eine Göttin. Daher müssen hier hohe Opfer entscheiden! Wem aus den vielen Opfernden sie ihre schönste Hand reichen wird, der soll sie dann fürderhin ungestört besitzen!« Und man brachte auf diesen Beschluß von allen Seiten her unermeßliche Schätze zum Opfer und gab ihr göttliche Verehrung. Die Adoration (Anbetung) dieser Schönheit ging am Ende so weit, daß man die Verehrung und Anbetung der Götter gänzlich beiseite setzte. Darob erzürnten sich die Götter und gaben der schönen Jungfrau einen noch größeren Reiz, machten aber dafür ihren Odem giftig, daß davon ein jeder, der von ihr in die Ferne hin angehaucht wurde, besinnungslos zu Boden fiel und stundenlang in solcher Betäubung liegenblieb; dazu gaben sie in der Jungfrau Zunge einen überaus tödlich giftigen Stachel, mit dem sie nach Willkür jeden töten konnte, der sich, als ihr mißliebig, ihrem Munde nahte.
03] Als aber einer kam, ein Jüngling von blühend schönster Gestalt, da ward es auf einmal lebendig im Herzen der Jungfrau; aber was sollte sie tun, um ihn zu lieben, da sie darin sicher ist, von dem Jüngling glühend geliebt zu werden? Kehrt sie ihm ihr Antlitz zu, so wird ihr Liebling betäubt zu Boden sinken; küßt sie ihn, so wird er sterben. Sie wandte darum aus Liebe ihr Antlitz vom Jünglinge ab und stellte sich kalt gegen ihn, auf daß er sich ja nicht ihrem Munde nähern möchte. Auf daß ihr sonach ihr Liebling nicht stürbe, mußte sie ihn mit der scheinbar möglichsten Kälte lieben.
04] Und so, dieser Mythe völlig ähnlich, lieben diese beiden Jünglinge denn auch die Menschen dieser armseligen Erde mit der scheinbar größten Kälte, weil sie nur zu gut wissen, daß die Menschen die Liebesglut ihrer himmlischen Herzen nicht ertrügen!«
05] Sage Ich: »Ja, ja, also ist es; nur ist natürlich ihr Odem nicht giftig, und ihre Zunge führt keinen tödlichen Stachel; sondern ihr (Engel) Odem belebt, und ihre Zunge segnet die Erde
06] Hier trat wieder Borus mit der Sarah zu Mir und fragte Mich, was er denn doch tun müßte, um sich für diese überschwenglich große Gnade dankbarer zeigen zu können, als solches bis auf diesen, für ihn überglücklichen Augenblick der Fall war!

Jesu Freundschaft mit Borus von Kindheit an

07] Sage Ich: »Sage Mir, du Mein Freund und Bruder, wo ist denn der Mensch, der von seiner Kindheit an Mir mehr zugetan gewesen wäre als du!? Du warst als Knabe Mein täglicher Gefährte und tatest Mir, was du nur Meinen Augen ansahest, daß es Mir eine Freude wäre. Wenn du alle Jahre mit deinen Eltern auf deren Besitzungen in Griechenland zogst und nach etlichen Wochen wieder heimkehrtest, so war stets Ich der erste, den du besuchtest, und dem du allerlei gute und oft recht kostbar schöne Sachen als Geschenk mitbrachtest, und du bist nicht ärgerlich geworden, als Ich einmal einen Mir geschenkten silbernen Dianatempel mit einem Hammer zerschlug und verbot, Mir je so etwas wieder zum Geschenke zu bringen!
08] Als Ich ein Jüngling ward und fast niemand auf Mich achtete, warst du der einzige, der sich gleichblieb; und wie du allzeit warst, so bist du noch und wirst auch also bleiben. Darum habe Ich dir hiermit nichts als einen schon seit vielen Jahren schuldigen Gegenfreundschaftsdienst erwiesen. Mache darum nicht viel Aufhebens davon! Du hast das sicher liebenswerteste junge und schöne, wie auch geistig geweckteste Weib bekommen - und die Sarah an dir den besten, treuesten und in jeder Hinsicht den reichsten und angesehensten Mann. An Meinem Segen in jeder guten Hinsicht sollt ihr von Mir aus auch ewig nie einen Mangel haben, und du bleibst zudem der beste Arzt nicht nur in diesem Lande, sondern in der ganzen Welt! Und so meine Ich, werdet ihr wohl recht gut leben können!?
09] Aber nur vergesset der wahrhaft Armen nie, und laß dir deine, von keinem Menschen der Welt erreichbare Kunst in der Heilung aller Krankheiten von keinem armen Bürger und noch weniger von einem Diener zahlen, sei's mit Geld, mit Abdienen, mit Getreide oder mit Vieh!
10] Aber den großen Geldbesitzern, Maklern und Wechslern, Kaufleuten und den großen Grundbesitzern rechne deine Kunst nach Recht und Gebühr; denn wer da hat und leben will, der soll dann und wann für sein Leben nur ein Opfer bringen! Es gibt dann schon Arme genug, denen du das zubringen kannst, um was sich ein begüteter Reicher sein Leben erkauft.
11] Ein Arzt wie du verkauft den Menschen das Leben, das besonders für die Weltmenschen das größte Gut ist. Darum sollen sie sich's auch nur ums teure Geld und Gut allzeit erkaufen und dabei noch überfroh sein, daß es auf der Erde irgendeinen Menschen gibt, bei dem sich das Leben erkaufen läßt.
12] Denn Ich sage es dir: Das ist wahrhaft eine übergroße und allererste Kunst in der Welt, die kein Weltmensch je erlernen kann: durchs Wort, durch den Willen und nur zuweilen durch die Auflegung der Hände alle Krankheiten, vom ärgsten Besessensein - alle Pestarten mit inbegriffen - bis zum leichten Schnupfen herab, in einem Augenblick zu heilen und alle Aussätzigen zu reinigen, die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen gehend und die Krüppel gerade zu machen - und dazu noch den Armen Kunde zu geben vom Reiche Gottes! Freund, gehe hin in die ganze Welt und suche, ob du einen findest, der dir vollends gliche! Ich sage dir, da gibt es außer dir und Mir keinen!
13] In Sichar habe Ich wohl auch einen Arzt geweckt, daß er sehr namhafte Heilungen bewerkstelligen kann; aber er kann sich von seinen Kräutersäften nicht völlig trennen und steht daher dir bei weitem nach.
14] Meine Jünger werden dir in etlichen Jährchen auch nachkommen, aber nicht alle, die du hier siehst.
15] Meine allerliebste Sarah aber soll auch eine Kunst sich aneignen, und zwar die einer Wehemutter (Hebamme); denn es ist vor Gott ein sehr wertvoller Dienst, den stets mit vielen Schmerzen gebärenden Weibern beizustehen. Und so seid ihr beide sicher also versorgt, wie noch nie ein königlich Paar versorgt war!
16] Aber diesen Rat gebe Ich dir auch: Wenn ein Kranker zu dir kommt oder du zu einem gerufen wirst, so frage ihn stets ganz ernstlich: »Glaubst du, daß ich dir im Namen Jesu, des Heilandes aus den Himmeln, helfen kann?« Sagt der Kranke darauf vollernstlich: »Ja, ich glaube!«, so heile ihn; zweifelt er aber, da heile ihn nicht, bis er glaubt, daß du ihn in Meinem Namen heilen kannst! - Nun aber noch ein Wort zu dir, Jairus!«


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