Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 36


Pharisäer Roban will Jesu Jünger werden. Glaube und Liebe als Aufnahmebedingung. R. sucht Beweise über Jesus in der Ferne. Wann Fernreisen nützlich sind, wann nicht.

01] Am Morgen aber kommt der Roban dennoch zu Mir ins Haus und bittet, ob er mit Mir reden dürfe.
02] Ich aber sage zu ihm: »Was du Mir sagen willst, das weiß Ich; aber was Ich dir zu sagen habe, das weißt du nicht, und so magst du Mich hören.«
03] Sagt Roban: »So du reden willst, so rede, und ich will dich hören!«
04] Sage Ich: »Du hast gestern den Psalm vorgelesen; es war gerade der 37. Dieser Psalm hat dich, wie deine Kollegen, stark getroffen, und ihr seid dadurch ein wenig in euch gegangen und habet dann beraten, ob ihr euch Mir gegenüber ganz indifferent verhalten, oder ob ihr Meine Jünger werden sollet. Ihr habt euch fürs Indifferentsein erklärt! Du aber dachtest in der Nacht nach, ob du nicht Mein Jünger würdest, und bist nun gekommen, Mich darum zu fragen.
05] Ich aber sage zu dir weder ja noch nein, sondern: willst du bleiben, so bleibe; willst du gehen, so gehe! Denn sieh, Ich habe der Jünger zur Genüge! Es sind hier in Meinem Hause etliche Gemächer, und sie sind alle voll von Jüngern. Draußen im Freien siehst du Zelte aufgerichtet; sie werden von Meinen Jüngern bewohnt. Da, neben diesem Meinem kleinsten Gemache, ist das große Arbeits - und zugleich Speisezimmer; darin ruhen nun noch, da es frühe ist, die großen Weltherren Roms, und die sind ebenfalls Meine Jünger. In einem kleinen Gemache daneben wohnt der Oberste Jairus mit Weib und Tochter, die Ich erweckt habe zweimal vom Tode; und sieh, auch er ist Mein Jünger. Wenn Ich aber solche Menschen zu Meinen Jüngern habe, so kannst du ja auch ebensogut Mein Jünger werden; aber wie du auch siehst, so stehe Ich nicht an auf dich! Willst du, so bleibe; und willst du nicht, so gehe! Denn es stehen dir die beiden Wege offen.«
06] Sagt Roban: »Herr, ich bleibe, - und es ist sehr leicht möglich, daß von meinen Kollegen noch mehrere kommen und bleiben werden gleich mir! Denn ich fange nun an zu begreifen, daß hinter dir mehr sein muß als bloß die geheime Zauberkunst eines morgenländischen Zauberers! Du bist ein von Gott gesalbter Prophet eigener Art, wie vor dir nie einer da war, und ich bleibe darum!
07] Es steht zwar wohl geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufstehen solle; aber ich halte mich nun nicht mehr daran, - denn bei mir gilt die offene Tat mehr als das rätselhafte Wort der Schrift, das niemand in der rechten Wahrheitstiefe verstehen kann. Zudem bist du meines Wissens nicht einmal ein Gebürtiger Galiläas, sondern Bethlehems, und da kannst du vermöge der Geburt auch ganz gut ein Prophet sein! Ich fühle mich von dir sehr angezogen, und es tut mir wohl deine Nähe, und so bleibe ich. Ich habe zwar kein großes Vermögen; aber was ich habe, reicht für uns alle hin, davon volle dreißig Jahre zu leben! So du ein Lehrgeld verlangst, steht dir mein halbes Vermögen zu Gebote!«
08] Sage Ich: »Gehe hin und frage Meine Jünger, wieviel sie Mir zahlen für Lehre und Kost; das zahle dann auch du!«
09] Roban fragte sogleich mehrere der anwesenden Jünger darüber. Diese aber sprachen: »Unser heiliger Meister hat noch nie auch nur einen Stater von uns verlangt, obschon wir alle stets mit allem von Ihm versorgt werden. Sicher wird Er von dir nicht mehr verlangen, als Er von uns verlangt! Glaube und Liebe ist alles, was Er von uns verlangt
10] Fragt Roban weiter: »Könnet ihr denn auch schon einige besondere, für den menschlichen Verstand unbegreifliche Taten ausüben? Und so ihr das könnet, verstehet ihr es auch, wie so etwas möglich sein kann?«
11] Sagt Petrus: »So es not tut, da können auch wir durch des Meisters Kraft in uns solche Taten verrichten und verstehen auch ganz durchgreifend gut, wie sie gar wohl und überaus leicht möglich sind. So du Sein wahrhaftiger Jünger sein willst, da wirst auch du solche Taten ausüben können und dann wohl verstehen, was du tust! Denn hier gibt die Liebe das Gesetz, und die Weisheit übt es aus!«
12] Fragt Roban noch weiter, sagend: »Aber davon hast du doch nie etwas bemerkt, daß etwa bei solch außerordentlichen Taten manchmal, so ganz unvermerkt, der Satan einen Anteil hätte!?«
13] Sagt Petrus: »Was Arges fragst du armer, blinder Mensch doch! Wie kann da Satan einen Anteil nehmen, wo alle Himmel den allerhöchsten und allmächtigsten Einfluß haben!? Ich und wir alle haben die Himmel offen gesehen und die Engel Gottes in zahllosen Scharen danieder zur Erde kommen; und wir sahen, wie sie Ihm und uns allen dienten - wenn aber also, wie möglich dann ein Anteil des Satans!?
14] Kannst du mir aber solches nicht glauben, so ziehe hin nach Sichar und erkundige dich dort beim Oberpriester Jonael und bei dem Großkaufmanne Jairuth, der nun außerhalb Sichar das bekannte Schloß Esaus bewohnt! Diese unsere Freunde werden es dir treu kundgeben, wer Der ist, dessen Jünger zu sein wir die nie verdiente, allerhöchste Gnade haben! Beim Jonael sowohl als beim Jairuth wirst du noch dienende Engel in scheinbar leiblicher Gestalt antreffen.«
15] Als Roban solches vernimmt, da tritt er voll Ehrfurcht zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich nichts dawider hätte, so er eine Reise nach Sichar unternähme.
16] Sage Ich: »Nicht im geringsten irgendwas! Gehe hin und erkundige dich um alles; und so du wieder hierhergekommen sein wirst, da unterrichte deine Brüder und Kollegen von allem, was du gehört und gesehen hast! Wenn du solchen Auftrag mit guter Wirkung wirst vollzogen haben, da komme wieder und folge Mir nach! Denn du wirst es schon erfahren, wohin Ich Mich in der Zeit werde gewendet haben! So du aber durch Sibarah, den ersten Mautort (Zollort) von hier, dann durch Kis und Kana in Samaria ziehest und man dich fragen wird, wohin und in wessen Namen du diese Reise machest, so nenne Meinen Namen, und man wird dich allenthalben frei ziehen lassen. Aber mit dem Kleide eines Ältesten der Pharisäer ziehe nicht! Denn damit möchtest du nicht weit kommen; sondern ziehe du eine ganz einfache Bürgerkleidung an, und man wird dich dann auch in Samaria nirgends beanstanden.«
17] Als Roban solches vernommen hatte, machte er sich sogleich auf den Weg und ging in die Fremde, das zu suchen und zu erkennen, was er nun daheim gar so nahe hatte.
18] Aber es gibt immer Menschen und Geister, die stets der Meinung sind, daß man in der Fremde mehr sehen, erfahren und lernen kann als daheim; und doch scheint überall ein und dieselbe Sonne. Ja, man kann in der Fremde wohl andere Gegenden, andere Menschen und andere Sitten und Sprachen kennenlernen; ob aber dabei das Herz etwas gewonnen hat, das ist eine andere Sache!
19] Wer nur aus purer Neugierde in die Fremde zieht, um sich dort besser zu vergnügen und zu zerstreuen, der wird für seines Herzens Bildung wenig gewinnen; wer aber in die Fremde zieht, um den dortigen Menschen zu nützen und ihnen zu bringen ein neues Licht, der wandere und wirke, und die Reise wird ihm viel Gewinnes abwerfen!
20] Jeder Prophet macht in der Fremde mehr Geschäfte denn daheim in seinem Hause.


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