Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 30


Sinn von 'Soll'-Anordnungen. Gesetzeszwang und Härte erzeugen Widerstand, Rache und Unglück - auch durch Rachegeister aus dem Jenseits.

01] Der Herr: »Wenn aber der Mensch, ohne Unterschied des Geschlechtes, der Hautfarbe und des irdischen Standes, für solch allerhöchsten Beruf von Gott erschaffen worden ist - was du nun sicher mit den Händen greifen kannst -, so kann seinem geistigen Teile ewig kein Mußgesetz gegeben werden, so aus ihm endlich das werden soll, wozu ihn Gott bestimmt hat; sondern da solle ein jedes Gesetz mit 'Soll' gegeben sein, und nur für offenbar böswillige Gegner des freien Gesetzes solle eine taugliche, stets auf die freie Besserung des Menschen berechnete Züchtigung gesetzt sein, die aber allzeit so gestellt sein solle, daß sie nicht als eine willkürliche, sondern nur als eine notwendige Folge des unterlassenen Ordnungsgesetzes erscheint. So wird der menschliche Geist dadurch zuerst zum selbständigen Denken gelangen und wird das gegebene Gesetz ehest zu dem seinigen machen und danach handeln, während eine ganz willkürlich bemessene Strafe auf ein Vergehen das menschliche Gemüt allzeit verhärtet und erbittert und aus dem Menschen einen Teufel zieht, dessen Rachgier nicht eher erlöschen wird, als bis er sich, entweder noch in dieser, ganz sicher aber in der andern Welt, auf das unerhörteste rächen wird, - was ihm zugelassen werden muß, weil er sonst in der Hölle seines eigenen Herzens ewig nie zu bessern wäre!
02] Der Gesetzgeber und Züchtiger soll nie vergessen, daß der Geist des Menschen, ob gut oder böse, nicht getötet werden kann, sondern fortlebt! Solange er noch sichtbar auf der Erde umherwandelt, kannst du dich ihm zur Wehr stellen und ihn vertreiben, wenn er dich verfolgt; ist er aber einmal aus dem Leibe und kann sich dir nahen auf tausendfache Art, um dir zu schaden bei jedem Schritte und Tritte, ohne von dir gesehen und wahrgenommen zu werden, - sage, mit welchen Waffen kannst du ihm dann entgegentreten?
03] Siehe, nun sage Ich dir: Dein großes Unglück, das dich ohne Mich gänzlich zermalmt hätte, hast du rein jenen Geistern zu verdanken, die du dir durch deine oft zu straffe Handhabung der römischen Staatsgesetze zu unversöhnlichen Feinden gemacht hast! Laß dir daher diese Meine umfassende Belehrung fruchtbringend zu Gemüte führen, so wirst du dadurch selbst ein guter Arbeiter im Weinberge Gottes werden, denn dir fehlt es weder an Macht noch an Mitteln und an einem stets gleich guten Willen; was dir aber gefehlt hat, das hast du nun von Mir empfangen. Wende es treulich an, und der segensreichsten Früchte Krone wird für dich sicher nicht unterm Wege verbleiben!«
04] Sagt Cyrenius ganz gerührt von der praktischen Weisheit dieser Meiner an ihn ergangenen Lehre: »O Du mein heiligster, erster und größter Freund, Meister und Gott meines Herzens! Nun erst bin ich vollends klar, und tausend und aber tausend Begebnisse aus meinem Leben tauchen nun auf, und ich sehe nun erst, daß eben ich selbst bei meinem sonst ehrlichen und guten Willen an jenen gegen die Ordnung Gottes bei weitem mehr und stärker gesündigt habe als alle, die ich deshalb, leider nach der ganzen Strenge der Gesetze, habe richten lassen. Wir aber wird nun solche meine gröbsten Sünden vor Dir, o Herr, je gutmachen können?«
05] Sage Ich: »Freund, sei darum ruhig! Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und Ich habe für dich schon lange alles gutgemacht, - ansonst du nicht bei Mir wärest!«


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