Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 27


Warum die 10 Gebote Gottes allen Menschengesetzen bzgl. Charakterbildung überlegen sind.

01] (Der Herr:) »Ich sage dir: Solange das jüdische Volk unter den Richtern stand, die allein die Gesetze Gottes aufrechterhielten, da war es auch eine lange Zeit im Leben, Handel und Wandel bis auf wenige Eigenheiten völlig der Ordnung Gottes gemäß; als es aber späterhin Gelegenheit bekam, den Glanz der Könige der Heiden zu erschauen, wie diese in großen prunkvollen Palästen wohnten, und wie sich ihre Völker vor ihnen bis in den Staub beugten, so gefiel das den blinden Narren aus dem jüdischen Volke wohl, und sie verlangten, da sie sich für das mächtigste Volk der Erde hielten, von Gott auch einen König. Gott wollte dem dummen Verlangen des Volkes aber nicht sogleich nachkommen, sondern warnte es und zeigte ihm all die bösen Folgen, die sie unter dem Könige würden zu gewärtigen haben! Aber Gott ließ da durch die Propheten tauben Ohren predigen; es half nichts, das Volk wollte um jeden Preis einen König!
02] Und Gott gab dem Volke in Saul den ersten König und ließ ihn salben durch den alten, treuen Knecht Samuel. Als das Volk nun einen König hatte, der ihm sofort schwer zu erfüllende Gesetze gab, da erst fing es an zu sinken immer mehr und mehr - bis auf den gegenwärtigen Punkt der äußersten Verworfenheit.
03] Wer aber schuldet hauptsächlich daran? - Siehe, - die ungeschickten Gesetze, die von Menschen herrühren, die weder ihre eigenen und sicher noch weniger ihrer Nebenmenschen Naturen gekannt haben und mit ihren plumpen und nur auf den speziellen Eigennutz berechneten Gesetzen alles innere Seelenleben gänzlich zugrunde richteten!
04] Sage dir es selber und denke wohl darüber nach: Wenn da irgendwo bestünde ein mechanisches Kunstwerk, das lange Zeit gut ging und dem Willen des Meisters entsprach, aber endlich doch stehenblieb, weil daran irgendein Teil schadhaft geworden war, und es käme dann ein Mensch voll Aufgeblasenheit und Eigendünkel und spräche zum Besitzer der Maschine: 'Übergib mir das Werk, ich werde es herstellen!', und der Besitzer täte dies in der Meinung, daß der Großsprecher ein Verständiger sei, - was wird, wenn der Maulreißer seine höchst ungeschickten Hände ans Werk legt, nur zu bald und zu sicher aus der Maschine werden? Wird dieser, aller mechanischen Kenntnis im Grunde des Grundes völlig bare Maulreißer, der vom ebenfalls blinden Maschinenbesitzer nur einige Goldstücke herauspressen will, der Maschine nicht mehr schaden als nützen? Oder wird er sie am Ende nicht also gänzlich verderben, daß darauf sogar der wirkliche Meister, der die Maschine gebaut hatte, dieselbe kaum mehr wird zurechtbringen können?
05] Wenn aber das schon bei einer höchst einfachen, plumpen Maschine, deren Teile offen liegen, leicht zu zählen, zu übersehen und allenthalben mit Händen zu greifen sind, notwendig der Fall ist und sein muß, so ein unverständiger Maulreißer sie herstellen will, um wie viel mehr muß der Mensch, der in allen seinen Teilen die allerweisest kunstvollste Lebensmaschine ist, von deren totaler Zusammenfügung nur Gott allein die vollste Kenntnis und Einsicht hat, notwendig verdorben werden, so ein unwissender und höchst unweiser, selbstsüchtiger Gesetzgeber ihn durch allerplumpste und zweckwidrigste Gesetze bessern will, wo er doch nicht die leiseste Spur von einer Kenntnis besitzt, durch die er wenigstens nur zum tausendsten Teile einsähe, was alles dazu gehört, um nur ein Haar auf dem Haupte eines Menschen wachsen zu machen!
06] Darum, Mein liebster Freund Cyrenius, laß du deine vermeinten hundert Gesetze fein zu Hause; denn du würdest damit niemanden wahrhaft bessern! Laß aber dafür die Gesetze Gottes walten und sanktioniere sie; durch die Beachtung derselben wirst du aus den Menschenmaschinen wirkliche Menschen machen.
07] Sind sie erst Menschen geworden, dann kannst du ihnen des Staates Bedürfnisse vortragen, und sie werden dann als wahre Menschen freiwillig mehr tun, als sie je als geknebelte Sklaven harter, plumper Gesetze tun könnten.
08] Ich sage dir: Nur das, was ein Mensch aus freiem Willen nach seiner frei- und somit wohlgebildeten Einsicht tut, ist wahrhaft getan und bringt Nutzen auf eine oder die andere Art; jede erzwungene Arbeit und Tat aber ist nicht eines Staters wert. Denn bei jeder gezwungenen Arbeit und Tat arbeitet allzeit Zorn und Rache gegen den Zwinger mit, und das kann ewig kein Segen für was immer für ein Werk sein.
09] Wenn du, liebster Cyrenius, diese Meine Worte recht durchdenken wirst, so wird es dir vollends klar sein, daß Ich dir nun die vollste Wahrheit gesagt habe!«
10] Sagt Cyrenius: »Edelster, göttlichster Freund, da brauche ich wahrlich nicht viel nachzudenken; denn Deine Worte sind ja so klar und wahr wie die Sonne am hellsten Mittage, und ich werde das tun, was Du mir geraten hast. Das Mosaische Gesetz werde ich neu sanktionieren und das Volk zu nötigen verstehen, danach zu handeln! Edelster Freund, so es Dir genehm wäre, würde ich mit Deiner geheimen geistigen Hilfe auch den Griechen das mir wohlbekannte Mosaische Gesetz zu strenger Beachtung verkündigen lassen! Mir kann es dazu sogar an einem politischen Grunde nicht fehlen; denn bekanntlich gibt es zwischen den Juden und Griechen gleichfort Reibungen, die stets und zumeist auf Grund des verschiedenen Glaubens an Gott und der ebenso verschiedenen Erkenntnis desselben entstehen. Die Juden behaupten auf Mord und Brand das ihrige, und die Griechen dagegen, die den Juden in der Dialektik bei weitem vor sind, verhauen mit ihren geläufigen Zungen die schwerfälligen Juden auf eine solche Weise, daß sie den Griechen nicht eins auf tausend zu erwidern imstande sind, und es kommt daher nicht selten zwischen beiden Parteien zu blutigen Tätlichkeiten, was doch sicher keine wünschenswerte Folge von den bestehenden Glaubens- und Gottesgesetzesdifferenzen ist.
11] So ich aber auch den Griechen das jüdische Gottesgesetz zur strengen Beachtung gebe und es, wie gesagt, auch aus politischen Gründen vom Staate sanktioniere, so werden derlei mir stets äußerst unangenehmen Reibungen sicher unterbleiben. Herr und Meister, habe ich recht, wenn ich das tue? Und so ich es tue, da sage es mir aus Deiner unergründlichen Weisheitstiefe, wie ich das anstellen soll, um den vorgestellten guten Zweck zu erreichen!«


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