Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 8


Wesen und Ort von Himmelreich und Hölle. Wohin man gelangt.

01] Nachdem nun alle Mir dieses Morgenlob dargebracht haben, fragt Mich schnell Faustus, der natürlich auch beim Mahle wie beim Lobe zugegen war: »Aber woher nahmen denn Deine Jünger alle diese Deiner würdige, gar so herrliche und völlig wahre Exklamation (Loblied)? So etwas Erhabenes habe ich noch nie vernommen!«
02] Sage Ich: »Verschaffe dir von den Pharisäern die Schrift Gottes, und lies darin die Psalmen des Königs David; darin wirst du alles das finden! Der Oberste Jairus, mit dem wir noch heute zu tun bekommen werden, wird dir solche Schrift schon verschaffen. Denn vor zwei Tagen haben sie seine Tochter ins Grab gelegt; sie ist ihm gestorben! Er hat seine Sünde gegen Mich tiefst bereut; darum soll ihm denn auch geholfen werden, und er soll nicht verloren sein für das Himmelreich Gottes!«
03] Fragt Faustus: »Herr, was ist das für ein Reich, und wo ist es?«
04] Sage Ich: »Ja, mein lieber Freund, das eigentliche wahre Himmelreich Gottes ist für die wahren Freunde Gottes überall, für die Feinde Gottes aber nirgends; denn für die ist wieder alles Hölle, wohin du nur immer deine Augen und andern Sinne wenden kannst und magst. Unten und oben ist da gleich. Blicke weder zu den Sternen empor - denn sie sind Erden wie diese, die du betrittst - noch senke deine Augen zur Erde hinab, denn sie ist gerichtet wie dein Fleisch, das einmal sterben und verwesen muß! Forsche und suche aber dafür fleißig in deinem Herzen; dort wirst du finden, was du suchst. Denn in eines jeden Menschen Herz ist der lebendige Same gelegt, aus dem dir des ewigen Lebens ewiges Morgenrot erblühen wird.
05] Siehe, der Raum, in dem diese Erde schwebt so wie die große Sonne, der Mond und all die zahllosen Sterne, die für sich nichts als wieder Sonnen und Erden sind, ist unendlich! Mit der Gedanken Schnelligkeit könntest du diese Erde verlassen und in der geradesten Linie in solcher Schnelligkeit forteilen, - und so du Ewigkeiten auf Ewigkeiten also forteiltest, so würdest du nach vielen Ewigkeiten des gedankenschnellen Fortfluges dennoch nimmer irgendeinem Ende nahekommen! Überall jedoch würdest du Schöpfungen von der seltensten und wunderbarsten Art und Weise treffen, die allenthalben den endlosen Raum erfüllen und beleben.
06] Durch dein Herz wirst du nach dem Tode deines Leibes hinaustreten in den endlosen Gottesraum, und nach der Art deines Herzens wirst du ihn entweder als Himmel oder als Hölle antreffen!
07] Denn es gibt nirgends einen eigens geschaffenen Himmel, noch irgendeine eigens geschaffene Hölle, sondern alles das kommt aus dem Herzen des Menschen; und so bereitet sich ein jeder Mensch im Herzen, je nachdem er Gutes tut oder Böses, entweder den Himmel oder die Hölle, und wie er glaubt, will und handelt, also wird er auch seines Glaubens leben, aus dem heraus sein Wille genährt ward und ins Handeln überging.
08] Jeder aber prüfe die Neigungen seines Herzens, und er wird leicht erfahren, wessen Geistes sein Herz voll ist. Ziehen seine Neigungen das Herz und dessen Liebe zur Welt hinaus, und fühlt er in sich eine Sehnsucht, in der Welt etwas Großes und Angesehenes zu werden, - hat das hochmütig werden wollende Herz ein Mißbehagen an der armen Menschheit, und fühlt es den Trieb in sich, daß es herrschen möchte über die andern, ohne zum Herrschen von Gott erwählt und gesalbt zu sein, so liegt im Herzen schon der Same der Hölle, der, so er nicht bekämpft und erstickt wird, dem Menschen nach dem Tode des Leibes offenbarst nichts denn die Hölle bereitet.
09] Ist aber das Herz des Menschen voll Demut, und fühlt er sich glücklich, der Geringste unter den Menschen zu sein, allen zu dienen, seiner selbst der Liebe zu den Brüdern und Schwestern wegen gar nicht zu achten, dem Vorgesetzten willig zu gehorchen in allen guten, den Brüdern so wie so nützenden Dingen, und liebt er also Gott über alles, dann erwächst im Herzen der himmlische Same zu einem wahren, ewig lebendigen Himmel, und der Mensch, der also schon den gesamten Himmel in der Fülle in seinem Herzen birgt voll des wahren Glaubens, der reinsten Hoffnung und Liebe, der kann nach dem Tode des Leibes denn auch unmöglich irgendwo anders hinkommen als ins Himmelreich Gottes, das er in aller Fülle schon lange im Herzen trug! - Wenn du solches recht erwägst, so wirst du leicht begreifen, was es so ganz eigentlich mit dem Himmelreich sowie mit der Hölle für eine Bewandtnis hat.«
10] Sagt Faustus: »Liebster, höchst weiser Herr, Meister und Freund! Wahrlich, Deine Worte klangen höchst weise wohl; aber ich konnte sie diesmal nicht in aller Tiefe erfassen! Wie da gewisserart Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammensein können, so daß eins das andere offenbarst durchdringen müßte, das ist für mich noch sehr materiell denkenden Menschen eine Sache der Unmöglichkeit! Wie aber am Ende aus meinem Herzen eine unendliche glückliche oder unglückliche Unendlichkeit erblühen solle, ist mir noch unbegreiflicher als alles andere! Daher muß ich Dich schon bitten, daß Du mir darüber noch eine faßlichere Erläuterung geben wollest; denn sonst gehe ich bei allem Lichte am hellsten Mittage des Geistes blind von hier nach Hause!«


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