Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 5


Geschichte der Tempelschätze und grosser Perlen in einer Tropfsteinhöhle. Warum man nicht alles wissen soll.

01] Faustus schlägt die Hände über dem Haupte zusammen und ruft sogleich den Pilah zu sich, zu ihm sagend: »Hast du keine Kenntnis gehabt, weil du mir davon nichts verraten hast? - Rede, - sonst sieht es übel mit dir aus!«
02] Sagt Pilah: »Herr! Davon hatte ich keine Kenntnis und bin in diese Höhle noch nie so weit gedrungen wie jetzt! Die Alten werden wohl davon gewußt haben; aber sie verschwiegen solches alles, damit ihnen am Ende aus was immer für einem Gefängnisse ein Lösegeld übrigbleibe. Nimm aber alles in Empfang; es ist gottlob von nun an dein!«
03] Faustus fragt auch Mich, ob Pilah die Wahrheit gesprochen habe, und Ich bestätige solche Aussage des Pilah und sage zum Faustus: »Freund, so jemand die Tochter eines angesehenen Hauses zum Weibe nahm, so hat er mit Fug und Recht eine Mitgift zu erwarten. Du hast nun viel zu tun gehabt, und es ist dafür bei der Verteilung der früheren Güter kein Teil auf dich gefallen, - und so nimm du diesen ganzen Schatz in deinen rechtmäßigen Besitz; er ist irdischer Schätzung zufolge tausend mal tausend Pfunde wert.
04] Den größten Wert aber machen die großen Perlen aus, von denen jede die Größe eines Hühnereies hat. Eine ganze eherne Kiste, bei tausend Drachmen maßhältig, ist voll von den großen Perlen, von denen jede eigentlich einen unschätzbaren Wert hat. Solche Perlen kommen jetzt auf der ganzen Erde als neugebildet nicht mehr vor, da derlei Schaltiere nebst vielen anderen Urwelttieren nicht mehr bestehen. Diese Perlen aber wurden auch nicht aus dem Meere gefischt, sondern der König Ninias, auch Ninus genannt, fand sie in der Erde, als er die Stadt Ninive bauen ließ, bei Grabungen des Grundes. Durch die mannigfachen Schicksale kamen sie zum Teil schon zu Davids, zum größten Teile aber zu Salomos Zeiten nach Jerusalem; in diese Höhle aber kamen sie, als die Römer als Eroberer Palästina, eigentlich aber nahezu das halbe Asien, in Besitz nahmen.
05] Die Hohenpriester, denen die Höhle schon gar lange her bekannt war, haben, als sie von dem Einfalle der Römer Nachricht erhielten, sogleich alle die größten und beweglichen Schätze des Tempels zusammengerafft und sie glücklich in die Höhle gebracht. Die goldenen Löwen, die den Thron Salomos trugen und zum Teil dessen Stufen bewachten, sind zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier in den Schutt gekommen, aber bei der nachherigen Wiedererbauung wiedergefunden und von den Priestern für den Tempel in Empfang genommen worden. Diese befinden sich auch zum größeren Teile hier; denn man brachte alles Wertvollste, das man in der Eile zusammenraffen konnte, zur Einfallszeit der Römer hierher, so wie zur Einfallszeit der damals mächtigen Babylonier auch eine bedeutende Masse Tempelschätze in die bekannte Höhle bei Chorazin gebracht worden ist, obgleich hernach die Babylonier im Tempel dennoch genug noch, namentlich die dem Tempeldienste für immer geweihten Gefäße und Schätze, zum Mitnehmen fanden und sie nach Babylon brachten. Beordere nun deine Leute, daß sie alles das aus der Höhle schaffen; nachher soll Archiel dieser Grotte Eingang so verrammen, daß fürder nimmer ein Mensch sie betreten solle.«
06] Faustus gebietet nun sogleich den Dienern, all diese Schätze hinauszuschaffen; als sie diese aber zu heben anfangen, so haben sie nicht Kraft genug, die vielen und schweren ehernen Kisten zu heben. Sie bitten Mich aber, daß Ich ihnen die erforderliche Kraft verleihen möchte!
07] Ich aber berufe den Archiel und sage: »So schaffe du all diesen Unflat hinaus, und zwar sogleich nach Kis ins große Magazin!« - Im Augenblick verschwanden all die vielen schweren Kisten, und Archiel war aber auch im Augenblick wieder da, so daß niemand merken konnte, wann denn Archiel abwesend war.
08] Sagt darauf Faustus: »Das geht noch in das Allerfabelhafteste! Meine Diener hätten damit wohl drei Tage zu tun gehabt - das aber war ein unmerklicher Augenblick, und es ist von all den vielen Kisten aber auch nicht eine mehr zu entdecken! Da frage ich auch gar nicht mehr um die Möglichkeit solch einer Tat; denn dazu gehört ein göttlicher Sinn, um solche Erscheinungen zu begreifen und nach Recht zu schätzen!«
09] Sage Ich: »Ja, ja, du hast recht! Es wäre auch für den Menschen vorderhand gar nicht gut, so er alles so bald verstände, was sich ihm als Erscheinung beschaulich darstellt. Denn es steht geschrieben: >Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du auch sterben!< Es ist daher auch besser, jede Wundertat als das zu nehmen, was sie der Erscheinlichkeit nach ist, und sich dabei lebendig zu denken, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist, als sie aus dem Wirkungsgrunde erklären zu wollen, wo man nach der Erklärung ebensowenig begreift als vor derselben.
10] Genug, daß du siehst, daß die Erde da ist, tauglich zu tragen und zu ernähren die Menschen! Würdest du den Grund wissen, wie sie gemacht wurde, so verlöre sie für dich den Reiz, und du würdest an ihr kein Wohlgefallen haben, wohl aber eine Gier, irgendeine andere Erde auf den Grund zu erforschen. Und würdest du bei derselben den gleichen Entstehungs- und Bestandesgrund ersehen und desgleichen auch bei einer dritten, vierten und fünften, so würde dich dann weiter auch gar nicht mehr gelüsten, noch eine sechste und siebente zu erforschen: und also würdest du dann träge, lustlos, lebensverächtlich und ärgerlich das Leben zu verwünschen anfangen und verfluchen die Stunde, die dich mit solcher Erkenntnis zu bereichern begann, - und ein solcher Zustand wäre dann ein barster Tod für deine Seele!
11] Da aber nach der göttlichen Ordnung alles so eingerichtet ist, daß sowohl der Mensch wie auch jeder Engelsgeist alles nur nach und nach, und selbst da nur bis zu einem gewissen Grade, von der göttlichen Natur in sich wie in all den geschaffenen Dingen, einsehen kann, so bleibt ihm die stets wachsende Lebenslust und die Liebe zu Gott und zum Nächsten, durch die allein er ewig selig werden kann und wird. - Fassest du solche Wahrheit?«
12] Sagt Faustus: »Ja, Herr und Freund, ich fasse es genau! Und so will ich Dich nicht mehr fragen um den Entstehungsgrund der Gebilde in dieser Grotte.«


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