Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 15


Verhandlung der Tempeljuden mit Jesus. Enthüllung ihrer unlauteren Gedanken und Absichten. Jesus verläßt den Tempel.

01] Ich sage es euch: a »Es ist nun Ostern, und Ich werde Mich diese Zeit durch hier in Jerusalem aufhalten; gehet dahin, wo Ich sein werde, und ihr werdet der rechten Zeichen sehen in großer Menge! Aber sehet selbst zu, ob euch die Zeichen nicht töten werden!« (a Johannes.02,23*)
02] Auf diese Rede machten die Juden große Augen; Ich aber verließ sie und ging mit Meinen Jüngern aus dem Tempel ins Freie. Die Juden aber folgten Mir ganz heimlich nach, denn gar zu offenbar getrauten sie sich nicht, Mir nachzufolgen, da Ich vom 'Töten durch Meine Zeichen' geredet hatte. Sie aber verstanden darunter nicht das Töten des geistigen Elements, sondern das Töten des Leibes, und sie waren, wie alle Reichen der Erde, große Freunde des irdischen Lebens.

Johannes.02,24-25] Jesus durchkreuzt Mißbrauch des Gastrechtes

03] Einer jedoch ging außerhalb des Tempels zu Mir hin und sagte: »Meister, ich habe Dich erkannt und möchte um Dich sein; wo bist Du zur Herberge?«

04] a Ich aber sah, daß in ihm kein Ernst und seine Absicht, Meine Herberge auszukundschaften, keine redliche war, darum sagte Ich zu ihm, wie hernach noch zu manchen ähnlichen unlauteren Forschern den bekannten Aphorismus: b »Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber des Menschen Sohn hat nicht einen Stein, daß er darauf hinlege Sein Haupt, und hier in dieser Stadt schon am allerwenigsten. Gehe aber hin und mache zuvor rein dein Herz; dann komme mit einer redlichen, aber mit keiner verräterischen Absicht und magst dann zusehen, wie du an Meiner Seite bestehen wirst!« (a Johannes.02,24-25*; Matthäus.09,04; Lukas.05,22; jl.ev01.116,14a b Matthäus.08,20; Lukas.09,58)
05] Dieser aber sagte: »Meister, Du irrest Dich an mir und Meinen Freunden; so Du keine Herberge hast, da komme zu uns, und wir wollen Dir und Deinen Jüngern und sonstigen Freunden Herberge schaffen und euch verpflegen, so lange ihr wollt!«
06] Ich aber sah am besten, daß dieser keines redlichen Sinnes war, und sagte: »Euch können wir uns wohl nicht anvertrauen; denn ihr seid Herodis Freunde und seid samt ihm spektakelsüchtige Menschen, besonders so ihr Spektakel umsonst schauen könnt. Deshalb aber bin Ich nicht nach dieser Stadt gekommen, um die Herodianer durch Komödien zu unterhalten, sondern hier zu verkünden, daß das a Gottesreich nahe herbeigekommen ist, und daß ihr deshalb eine wahre Buße tun sollet, auf daß ihr dieses Reiches teilhaftig werden möget! Sieh, das ist der Zweck Meines Hierseins in dieser Zeit, und dazu bedarf es eurer Herberge nicht! Denn wer in einem Hause wohnt, kann nicht aus demselben kommen denn durch die Tore, die mit Schloß und Riegel versehen ist, durch die man einen Gast auch zu einem Gefangenen machen kann. Wer aber in der Freie seine Herberge nimmt, der ist auch frei und kann ziehen, wohin er will!« (a Matthäus.04,17; Markus.01,15)
07] Spricht der Jude: »Wie kannst Du uns also beschimpfen! Meinst denn Du, daß wir von der Heiligkeit des Gastrechtes keine Kenntnis mehr haben? So wir Dich zu Gaste laden und Du als Gast in unser Haus einziehest, so bist Du das Heiligste im Hause, und wehe dem, der sich vergriffe an Dir! Und also wird bei uns vor allem das Gastrecht gehalten und geehrt. Wie magst Du dann solche Einrichtung in unseren Häusern verdächtigen?!«
08] Sage Ich: »Diese Einrichtung eures Hauswesens kenne Ich wohl; aber darum ist Mir die andere nicht fremd: Solange ein Gast in eurem Hause ist, genießt er wohl das Gastrecht; so er aber dann aus dem Hause ziehen will, da harren vor der Türe bestellte Schergen und Lanzenknechte, nehmen den Gast in Empfang und legen ihm Ketten und Fesseln an! Sage, gehört das auch in den Bereich der alten Gastfreundschaft?!«
09] Spricht der Jude etwas verlegen: »Wer kann das unseren Häusern mit gutem Gewissen nachsagen?«
10] Sage Ich: »Der, Der es weiß! Ist nicht vor etlichen Tagen also ein Mensch in die Hände des Gerichtes überliefert worden?«
11] Spricht der Jude noch verlegener: »Meister, wer sagte Dir das? So es geschehen, sage, hat es jener Verbrecher nicht also verdient?«
12] Sage Ich: »Bei euch aber ist vieles ein Verbrechen, was bei Gott und Mir kein Verbrechen ist; denn vor der Härte eurer Herzen gibt es viele Verbrechen, gegen die Moses kein Gesetz gegeben hat. Das sind eure Satzungen, und die machen vor Mir keinen Menschen zu einem Verbrecher! Denn eure Satzungen sind eine Sünde gegen die Gesetze Mosis; wie ist demnach der ein Verbrecher, so er sich an euren Satzungen versündigt, wenn er Mosis Gesetze hält?! Ich sage es euch: Ihr alle seid voll Tücke und voll schmählicher Arglist!«
13] Spricht der Jude: »Wie kann das sein? Moses hat uns ein Recht gegeben, für besondere Fälle Gesetze zu schaffen, und sonach sind unsere wohlberatenen Satzungen so gut wie Mosis Gesetze selbst! Wer sie sonach nicht beachtet, ist der nicht so gut ein Verbrecher als einer, der sich am unmittelbaren Gesetze Mosis versündigt?«
14] Sage Ich: »Bei euch ja, aber bei Mir nicht! - Moses befahl, daß ihr eure a Eltern lieben und ehren sollet; ihr aber saget, und die Priester gebieten es sogar: 'Wer dafür opfert im Tempel, dem ist es besser, da er sich dafür von diesem Gesetze loskauft.' So aber nun ein Mensch zu euch tritt und sagt: 'Ihr seid Gottesleugner und elende Betrüger, da ihr das Gesetz Mosis infolge eurer Habsucht aufhebt und dafür ein anderes Gesetz gebt und damit die arme Menschheit quälet!' - sieh', darin hatte sich auch jener Mensch gegen euch verbrochen, und ihr habt ihn an der Türschwelle dem Gericht überliefert -, sage, hat es dieser würdige Mensch also verdient, oder seid ihr gegen Moses nicht die bei weitem größeren Verbrecher?« (a 2. Mose.20,12; 5. Mose.05,16; Matthäus.15,04; Markus.07,10; jl.ev02.123,04b*)
15] Hier ward der Jude unwillig und ging von dannen zu seinen anderen Genossen, denen er alles erzählte, was er von Mir vernommen hatte. Diese aber schüttelten die Köpfe und sagten: »Sonderbar! Wie kann dieser Mensch das wissen?« - Ich aber verließ diese Stelle und begab Mich mit den Meinen in eine kleine Herberge außerhalb der Stadt und blieb daselbst etliche Tage.


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