Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 14


Jesu Vorhersage vom Abbrechen und Aufbauen des Tempels. Verweis der unverständigen Juden an die Jünger. Ihr Zeugnis. Jesus und die Juden.

01] Als Ich noch also mit den furchtsamen Jüngern solches redete, a da traten schon etliche Juden zu Mir hin und sprachen: »Du hast nun eine mächtige Tat verübt, Menschen und Vieh flogen vor deiner Hand wie Spreu im Sturme, und es kam keiner zurück, um sein verstreutes Geld zu holen! Wer bist du, und welch ein Zeichen (vom Kaiser meinten sie) kannst du uns vorzeigen, weshalb du solches tun magst?! - Kennst du denn nicht die eiserne Strenge der Gesetze, die dich darum verderben können?!« (a Johannes.02,18*; Matthäus.21,23; Markus.11,28; Lukas.20,02)

02] Sage Ich: »So Ich sie nicht kennte und Mich vor ihnen fürchtete, würde Ich das nicht getan haben. - Ihr aber verlangt von Mir ein amtliches Zeichen, und Ich sage es euch, dass Ich ein solches nicht habe; a aber brecht ab diesen Tempel, und am dritten Tage soll er wieder vollendet dastehen!« (a Johannes.02,19*; Matthäus.26,58; Matthäus.27,40)

03] Bei dieser Meiner entschiedenen Aussage machten die Juden ganz sonderbar große Augen und wußten sich nicht gleich zu fassen. Nach einer Weile erst fiel es einem von ihnen ein, dass zum Bau des Tempels volle 46 Jahre nötig waren und er vielen tausend Händen eine unausgesetzte Arbeit gab; daher wendet sich dieser historisch erfahrene a Jude zu Mir und sagt: »Junger Mann! Bedachtest du wohl auch, was Dummes du nun geredet hast? a Siehe, 46 volle Jahre waren zum Aufbau dieses Tempels erforderlich und gaben vielen tausend Händen vollste Arbeit, und du willst das ganz allein tun ohne Beihilfe anderer Hände in drei Tagen!? Oh, oh, oh, was hast du, und das dazu noch im Tempel, da man doch am meisten vernünftig reden sollte, von dir für ein Zeugnis ausgesprochen?! (a Johannes.02,20-21*)
04] Deine frühere Tat hatte uns sehr überrascht, und schon fingen wir an, unter uns als Älteste von Jerusalem zu beraten, aus welcher Macht du diese an sich wirklich sehr lobenswerte Tat verübt hast, ob aus einer weltlichen oder ob aus einer prophetischen. Und wir befragten dich denn auch deshalb. Und hättest du zu uns gesagt in weiser Rede, die wir wohl verstehen, dass du ein von Gott erweckter Prophet seiest und solches durch die Macht Gottes verübest, wir hätten es dir geglaubt; aber so gabst du uns statt einer weisen Rede wider alles Erwarten eine kaum beschreiblich frevelhaft prahlerische dumme Antwort, in der nicht eine wahre Silbe steckt, und wir sehen in dir nun einen Menschen, der allenfalls in irgend einer heidnischen Schule ein wenig das Zaubern erlernt hat und sich damit nun hier in der Stadt Davids ein wenig batzig machen will, entweder im Solde Roms oder geheim im Solde der Pharisäer, Priester und Leviten stehend; denn diese möchten heute die beste Tempelernte zufolge deiner Zaubertat gemacht haben! Es tut uns allen wahrhaft leid, dass wir uns an dir nun gar so verkannt haben.«
05] Sagte Ich darauf: »Es tut auch Mir von ganzem Herzen leid, dass Ich euch gar so entsetzlich blind und taub antreffen mußte! Denn wer blind ist, der sieht nichts, und wer taub und stumm ist, der vernimmt nichts! Ich tue vor euren Augen ein Zeichen, das vor Mir keiner getan hat, und rede die vollste Wahrheit, und ihr sagt, Ich sei entweder ein dummer, in der heidnischen Zauberei bewanderter Prahler und wolle Mich hier vor euch batzig machen, oder Ich sei als Zauberer im Solde Roms oder im schnöden Solde der Tempelpfaffen. O welch ein schmählich Ansinnen! - Da seht hin, dort steht eine ganz bedeutende Schar, die Mir aus Galiläa hierher gefolgt ist! Sie hat Mich erkannt, obschon ihr sagt, dass die Galiläer das glaubensloseste und schlechteste Judenvolk seien. Diese aber erkannten Mich dennoch und folgen Mir; wie ist es denn, dass ihr Mich nicht erkennen mögt?«
06] Sagen die Juden: »Wir wollten dich ja auch erkennen und forschten dich darum aus; denn wir sind weder blind noch taub, wie du meinst. Du aber gabst uns eine Antwort, aus der man natürlichen Verstandes denn doch nichts anderes machen kann, als was wir offen dir ins Gesicht bekannt haben! Wir haben einen guten Willen; warum, so du allenfalls ein Prophet bist, verkennst du diesen? Wir sind Ehrenmänner von Jerusalem und haben viele Güter. So du ein rechter Prophet wärest, da hättest du gut sein in unserer Mitte; du aber erkennst solches nicht und bist daher auch kein Prophet, sondern ein purer Magier, der den Tempel mehr entheiligt als jene, die von dir früher hinausgetrieben worden sind!«
07] Sage Ich: »Geht hin und beratet euch mit denen, die mit Mir gekommen sind; diese werden es euch sagen, Wer Ich bin!«
08] Die Juden gehen nun zu den Jüngern und befragen sie; diese aber sagen, was sie von Mir am Jordan gehört, das Zeugnis Johannis, und was sie an Meiner Seite gesehen und erlebt haben, gestehen aber dabei auch, dass sie das nicht fassen, was Ich zu den Juden gesagt habe.

09] a Denn sie selbst begriffen das erst nach Meiner, nach drei Jahren, erfolgten allerwunderbarsten Auferstehung und also auch die b Schrift, die solches von Mir geweissagt hatte. (a Johannes.02,22*; b Hosea.06,02)
10] Als die Juden alles das erfuhren von den Jüngern, kamen sie abermals zu Mir und sagten: »Nach allem dem, was wir nun von Deiner sehr treuherzigen Schar über Dich in Erfahrung gebracht haben, so wärest Du offenbar der Verheißene! - Das Zeugnis Johannis, den wir kennen, spricht gewaltig für Dich, und Deine Taten nicht minder; aber Deine Rede ist gerade das Gegenteil von all dem andern. - Wie kann der Messias in den Taten ein Gott und in der Rede ein Narr sein! - Erkläre uns das, und wir alle nehmen Dich an und wollen Dich mit allem Möglichen unterstützen!«
11] Sage Ich: a »Was mögt ihr Mir geben, das ihr nicht zuvor empfangen hättet von Meinem Vater, Der im Himmel ist? So ihr es aber empfangen habt, wie mögt ihr nun also reden, als ob ihr es nicht empfangen hättet?! Was wollt ihr Mir geben, das da nicht Mein wäre?! Denn was des Vaters ist, das ist auch Mein; denn b Ich und der Vater sind nicht Zwei, sondern Eins! Ich sage euch: Nichts als der Wille allein ist euer, alles andere aber ist Mein. Gebt ihr Mir euren Willen in der rechten Liebe eures Herzens und glaubt ihr, dass Ich und der Vater vollkommen Eins sind, dann habt ihr Mir alles gegeben, was Ich von euch verlangen kann!« (a Johannes.16,15; Johannes.17,10; b Johannes.10,30)
12] Sagen die Juden: a »So verrichte ein Zeichen, und wir glauben, dass Du der Verheißene bist!« (a Matthäus.12,38; Markus.08,11; Lukas.11,29)
13] Sage Ich: »Warum wollt ihr denn Zeichen? O du verkehrte Art! wisst ihr denn nicht, dass die Zeichen niemanden erwecken, sondern nur richten?! Ich aber kam nicht euch zum Gerichte, sondern auf dass ihr das ewige Leben empfangen sollt, so ihr an Mich glaubt in euren Herzen! Es werden zwar noch viele Zeichen geschehen, und ihr werdet deren etliche sehen; aber diese werden euch nicht beleben, sondern töten auf eine lange Zeit.«


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